Belgrad - Der ehemalige serbische und jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic, der am Samstag tot in seiner Gefängniszelle des Den Haager UN-Tribunal aufgefunden wurde, war eine der zentralen Figuren der Kriege auf dem Balkan in den 90er Jahren. Der Nationalist galt als Totengräber des Vielvölkerstaats Jugoslawien. Milosevic stand an der Spitze Serbiens, als 1999 die NATO wegen der Situation in der Provinz Kosovo das Land angriff. Im gleichen Jahr wurde er als erstes amtierendes Staatsoberhaupt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Den Haag angeklagt und 2001 einige Monate nach seinem Sturz ausgeliefert.
Milosevic wurde im August 1941 in Pozarevac in Serbien geboren. Sein Vater war ein aus dem Amt verstoßener orthodoxer Priester, seine Mutter Lehrerin. Beide - der Vater in den 50er, die Mutter in den 70er Jahren - begingen Selbstmord. Nach einem Abschluss an der juristischen Fakultät der Universität von Belgrad trat Milosevic 1964 in die Kommunistische Partei ein. In den folgenden Jahren war er in der Wirtschaft tätig und wurde 1983 Direktor der Beobanka, einer staatlichen Bank. Milosevic stürzte 1987 seinen Mentor und Vertrauten Ivan Stambolic als Vorsitzenden der Kommunisten und dehnte seinen Einflussbereich weiter aus.
Als Milosevic 1989 Präsident von Serbien wurde, erstreckte sich seine faktische Herrschaft auf alle sechs Republiken des damaligen Jugoslawiens. Er betonte immer wieder die serbische Vormachtstellung und löste schließlich die Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien und im Kosovo aus. Weil ihm die Verfassung eine zweite Amtszeit untersagte, wurde er 1997 jugoslawischer Staatspräsident und führte das eigentlich repräsentative Amt mit unbegrenzten Befugnissen.
Gegen seine Gegner ging Milosevic immer mit äußerster Härte vor. Er wurde gleichermaßen gefürchtet und verabscheut. 1991 schickte er Panzer, um Demonstrationen der Opposition zu zerschlagen. Er profitierte vom Streit innerhalb der Oppositionsparteien und ging aus den monatelangen Demonstrationen 1996 und 1997 noch stärker hervor. In allen Konflikten blieb Milosevics Botschaft immer gleich: Die Welt hat sich gegen Serbien verschworen, und Serbien muss Widerstand leisten. Nach internationalen Sanktionen und wirtschaftlichen Fehlentscheidungen glaubten jedoch immer weniger Bürger an diese Verschwörung.
Hätte die Opposition besser zusammengearbeitet, wäre Milosevic schon viel früher als im Herbst 2000 gestürzt worden. Doch die NATO-Angriffe 1999 stärkten Milosevic und lieferten für viele Bürger den Beweis für eine Verschwörung der Welt gegen Serbien. Der im In- und Ausland isolierte Präsident vertraute nur seiner Ehefrau Mira Markovic.
Bei der Wahl im September 2000 verkalkulierte er sich. Den direkten Sieg des Oppositionskandidaten Vojislav Kostunica erkannte er zunächst nicht an und ließ eine Stichwahl ansetzen. Bevor es dazu kam, gingen in Belgrad aber Hunderttausende Menschen auf die Straße und demonstrierten gegen ihn. Polizei und Armee weigerten sich einzugreifen, und am 6. Oktober musste der einstige starke Mann seine Niederlage eingestehen.
Auf internationalen Druck hin wurde er am 1. April 2001 verhaftet und im Juni an das Haager Tribunal ausgeliefert. Ihm wurden Völkermord, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Mit seiner aggressiven Selbstverteidigung gewann er wieder Zustimmung bei serbischen Nationalisten. Zuletzt machten dem 64-Jährigen Herzprobleme und Bluthochdruck zu schaffen, der Prozess musste deswegen mehrfach unterbrochen werden. Seinen Antrag, sich in Moskau behandeln lassen zu dürfen, lehnte das Gericht erst kürzlich ab.
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