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Stasi-Offiziere sorgen mit neuen Büchern für Turbulenzen

Aufschreie der Empörung im Publikum - Am Ende doch noch eine gewisse Verständigung

Frieder Reimold
AP
13.04.2006

Stasi-Akten in der Birthler-Behörde - unendliche Beweise von Betrug und Leid. Foto: Getty Images

Berlin - Empörte Zwischenrufe wie «Lügen!» und «Unverschämtheit!» aus einem Publikum - das kommt vor. Aber politischer Zündstoff entsteht, wenn auf der Bühne ehemalige Stasi-Obristen ihre neuen Bücher vorstellen, und ihnen gegenüber im Publikum frühere DDR-Häftlinge und Regimeopfer sitzen. Die Fortsetzung dieses deutsch-deutschen Dramas spielte sich am Mittwoch in der Ostberliner Ruschestraße unweit der ehemaligen Stasi-Zentrale ab.

Der Saal, den der Eulenspiegel Verlag zur Buchvorstellung angemietet hatte, liegt in einem Gebäude, das heute ein Hotel ist. Früher war hier das Ledigenwohnheim des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Der Ex-Oberst Peter Pfütze stellte in seinem Buch «Besuchszeit - Westdiplomaten in besonderer Mission» dar, dass es bei den rund 3.400 Besuchen der Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei Gefangenen Bundesbürgern im Ostberliner Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen keine Beschwerden und Proteste gegeben habe. Unter höhnischem Gelächter eines Teils des Publikums erklärte er: «Die Gefangenen wurden korrekt behandelt.»

Pfütze war nach eigener Darstellung von 1974 bis zum Mauerfall 1989 zuständig für die Gefangenenbesuche. Er beklagte, dass sich die beteiligten Westdiplomaten bis heute nicht zu der von ihm festgestellten Korrektheit geäußert hätten. Er habe aber auch keinen von ihnen kontaktiert.

Der Oberst im früheren DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Gotthold Schramm, zeichnet als Herausgeber des Buches «Der Botschaftsflüchtling und andere Agentengeschichten» verantwortlich. Frühere «Kundschafter» - darunter die beim BND platzierte Gabriele Gast oder der durch den Überläufer Werner Stiller enttarnte Johannes Koppe - sind darin mit Anekdoten vertreten.

Schneidende Formel

In einem Vorwort des DDR-Topspions Markus Wolf und seines Vizes Werner Großmann heißt es, mit ihren Berichten träten die ehemaligen Agenten und Mitarbeiter der Stasi-Zentrale auch «den andauernden Bemühungen entgegen, sie und die nachrichtendienstliche Tätigkeit für die DDR zu diffamieren und zu kriminalisieren». Unter Gelächter von Regimeopfern führte Schramm aus, die angewandten Agentenmethoden hätten nie zu schweren Straftaten wie «Terrorismus, Folter und Mord» geführt.

Später verschaffte sich Großmann, der im Publikum saß, mit dem schneidenden Zwischenruf Gehör: «Darf ich Anzeige erstatten!» Der Tonfall erinnerte an die Formel: «Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhalts!»

Großmann forderte einen Ex-Gefangenen auf, seinen Namen zu nennen. Der hatte sich als «Schröder» vorgestellt und die DDR-Behörden als «rot lackierte Faschisten» bezeichnet. «Wir sind keine Faschisten,» maulten Ex-Stasi-Leute im Publikum. «Hat ja auch keiner behauptet,» schnappten ihre Gegner zurück. Großmann kam nicht gegen die Verteidiger von «Schröder» im Publikum an: «Man wird ja wohl noch die Wahrheit sagen dürfen,» rief einer aus. Kurzzeitig drohte ein Tumult.

Schon ziemlich am Anfang hatte sich mit der Anrede «Meine Damen und Herren» der weißhaarige Hans-Eberhard Zahn im Publikum erhoben. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. In dem ehemaligen Stasi-Knast hatte Pfütze die vom Westen diplomatisch betreuten Gefangenenbesuche überwacht.

«Psychische Folter viel effektiver»

Es sei zwar richtig, erklärte Zahn, dass es in Hohenschönhausen keine physische Folter gegeben habe. Psychische Folter habe es dagegen sehr wohl gegeben. Die war laut Zahl auch «viel effektiver als eine Tracht Prügel». Physische Folter hätten die Sowjets angewandt, bevor sie das Gefängnis der Stasi übergeben hätten.

Trotz des wogenden Streits über «Delegitimierung» und «Relegitimierung» der DDR kam es am Ende irgendwie doch noch zu einer Verständigung. Die einst starken Männer der DDR Schramm und Pfütze erklärten sich bereit, an einer objektiven Aufarbeitung der Geschichte teilzunehmen. Sie könnten sich der Wahrheit aber nur von ihrer Seite aus nähern. In Schreiduellen und mit Verunglimpfungen ginge das nicht. «Am Stück gibt's die Wahrheit nicht,» sagte Pfütze.

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