Stuttgart - Wenn bei England gar nichts läuft, schießt David Beckham eben ein Freistoßtor: Der 31-jährige Superstar hat seine Nationalmannschaft beim 1:0-Sieg im WM-Achtelfinale gegen Ecuador mit einem genialen Moment nach einer Stunde vor einer Blamage bewahrt. In einem schwachen Spiel vor 52.000 Zuschauern in Stuttgart enttäuschte das Team von Trainer Sven-Göran Eriksson aber auf der ganzen Linie. Die südamerikanischen Außenseiter waren über weite Strecken gleichwertig und vergaben in der ersten Hälfte sogar eine 100-prozentige Chance zum Führungstor.
«Wir haben es uns selbst schwer gemacht», sagte Beckham nach dem Spiel, «wir haben den Ball nicht so gut gehalten wie wir es können.» Der 31-Jährige, der über die Hitze im Stadion klagte, zeigte sich glücklich über sein erstes Pflichtspieltor seit längerer Zeit: «Ich habe schon eine Weile nicht mehr getroffen und die letzten zwei Tage sogar im Training mit mir zu kämpfen gehabt». Wayne Rooney habe ihm vor dem Spiel gesagt: «Du warst furchtbar die beiden Tage, also wirst Du heute treffen!» Am Nachmittag habe er zudem eine Nachricht seines Madrider Mannschaftskollegen Roberto Carlos erhalten: «Schieß mir ein Freistoßtor!» Und das habe ihm Glück gebracht.
Eriksson hatte vor dem Spiel die Abwehr als zentralen Bereich ausgemacht, in dem sich sein Team noch steigern müsse - nicht zu Unrecht, wie sich auch gegen Ecuador schnell herausstellte. Schon nach elf Minuten verlängerte John Terry per Kopf den Ball unglücklich direkt in den Lauf des ecuadorianischen Stürmers Carlos Tenorio, dessen scharfer Schuss vom herbeigeeilten Ashley Cole gerade noch per Knie an die Latte abgelenkt wurde. Neun Minuten später fälschte Rio Ferdinand einen Freistoß von Edison Mendez so ab, dass der Ball nur ganz knapp am Tor vorbeitrudelte.
Generell wirkte die englische Hintermannschaft, in der Owen Hargreaves die rechte Seite beackerte und Michael Carrick dessen Platz vor der Abwehr einnahm, bei Standards ausgesprochen nervös. Aber auch im dichten Mittelfeld, das die einzige nominelle Spitze Rooney unterstützen sollte, fruchteten die taktischen Umstellungen nicht, mit denen Eriksson auf den Ausfall des verletzten Michael Owen reagierte. Die Techniker um Frank Lampard, Steven Gerrard und David Beckham standen sich oft gegenseitig im Weg und versuchten mit langen - meist ungenauen - Pässen Rooney in Szene zu setzen, statt die ecuadorianische Abwehr mit Kombinationen zu überlisten.
Die Südamerikaner, die im Gegensatz zum Deutschland-Spiel wieder auf das Sturmduo Tenorio und Agustin Delgado bauen konnten, präsentierten sich ihrerseits überraschend abgeklärt und hatten wenig Mühe, das einfallslose Angriffsspiel der Engländer schon im Ansatz zu zerstören. Da der Außenseiter umgekehrt nicht den Fehler machen wollte, mit ungestümem Spielaufbau dem Gegner Räume zu öffnen, spielte sich das wenig attraktive Geschehen nur selten in den Strafräumen ab. Zu Recht schickten die Zuschauer im ausverkauften Stuttgarter Stadion daher die Mannschaften mit einem gellenden Pfeifkonzert in die Pause.
Unansehnlicher Kick auch nach der Pause
Auch nach dem Wiederanpfiff änderte sich wenig am unansehnlichen Kick: Die Ecuadorianer blieben diszipliniert, bemühten sich um einen kontrollierten Spielaufbau und warteten auf Fehler der englischen Abwehr. Das Beckham-Team enttäuschte weiter auf der ganzen Linie - bis zur 60. Spielminute: Da war es wieder einmal der Kapitän selbst, der nach einem Foul an Lampard seiner Lieblingsbeschäftigung frönen durfte: Aus 25 Metern drehte Beckham den fälligen Freistoß um die Mauer und auch am unglücklich aussehenden Torwart Christian Mora vorbei zum 1:0 ins linke untere Toreck.
Das Tor belebte das Spiel wenigstens ein bisschen - schon allein weil die Südamerikaner nun etwas offensiver agieren und damit ihrem Gegner mehr Raum bieten mussten. Bei den Engländern klappte vor allem das Zusammenspiel zwischen Lampard und Rooney nun etwas besser und eröffnete ein paar ordentliche Torchancen. Auch die Ecuadorianer gaben sich keineswegs auf, entwickelten aber bis zum Schluss zu wenig Durchschlagskraft nach vorne, zumal Eriksson ganz auf Nummer Sicher ging und 13 Minuten vor dem Ende mit Jamie Carragher für Joe Cole einen weiteren Verteidiger brachte.
«Wir hätten heute mehr Tore schießen müssen», sagte Eriksson nach dem Spiel. Die Hauptsache sei aber, dass England nun wieder im Viertelfinale stehe. Der ecuadorianische Trainer Luis Fernando Suarez sagte, sein Team könne hoch erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Er habe schon vorher erwartet, dass das Spiel entweder durch einen tödlichen Ball oder einen genialen Spielzug entschieden werde. «Und genau das ist auch passiert», sagte Suarez.
England spielt nun am kommenden Samstag (17.00 Uhr) in Gelsenkirchen gegen den Sieger der Partie Portugal - Niederlande um den Einzug ins Halbfinale.
(AP)
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