Frankfurt/Main - Angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation in Deutschland entscheiden sich nach Angaben des Raphaels-Werks immer mehr Menschen für eine Umsiedelung ins Ausland. Bei der Einrichtung, die in kirchlichem und staatlichem Auftrag Ausreisewillige berät, gaben im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Ratsuchenden berufliche Gründe für ihren Entschluss an. Für nur rund 14 Prozent seien familiäre Gründe ausschlaggebend gewesen, sagte die Leiterin der Informationsstelle des Werks, Monika Schneid, im Interview.
Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen Jahr 145.000 Deutsche - und damit so viele wie seit mehr als 50 Jahren nicht mehr - ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Warum entscheiden sich immer mehr Menschen für einen Umzug ins Ausland?
Schneid: Die Mehrzahl der Menschen, die in den vergangenen zwei bis drei Jahren unsere Beratung in Anspruch genommen haben, wollen Deutschland wegen der Situation am Arbeitsmarkt verlassen. Das heißt, sie sehen für sich keine mittel- bis langfristige Zukunftsperspektive in Deutschland. Sei es, weil sie bereits länger arbeitslos sind, weil sie von Arbeitslosigkeit bedroht sind oder weil sie sich auf Grund der Entwicklung für die Zukunft keine Chancen ausrechnen. Natürlich gehen Hochqualifizierte auch ins Ausland, weil sie dort bessere oder interessantere Arbeitsmöglichkeiten haben. Nicht wenige kehren dann allerdings nach einigen Jahren wieder nach Deutschland zurück.
Welche anderen Beweggründe für eine Auswanderung gibt es?
Schneid: Das Vorhaben auszuwandern kann natürlich auch privat bedingt sein, wenn man einen ausländischen Partner hat. Als ein weiteres Motiv ist die Zukunft der Kinder zu nennen, die manche Eltern weniger in Deutschland als im Ausland sehen. Auch in diesem Zusammenhang fallen Stichworte wie soziale Kälte, mangelnde Ausbildungs- und Berufsperspektiven und allgemein geringes Vertrauen in die Zukunft des Landes. Im vergangenen Jahr wollten mehr als die Hälfte unserer deutschen Ratsuchenden aus beruflichen Gründen die Heimat verlassen, bei rund 14 Prozent waren es familiäre Gründe, und etwa neun Prozent gaben umweltbedingte Gründe an.
Welche Entwicklung hat die Auswanderungsstatistik in den letzten Jahren verzeichnet?
Schneid: Eine Auswanderungsstatistik im eigentlichen Sinn existiert nicht. Erfasst werden die Wohnsitzabmeldungen in Deutschland, hier ist die Fortzugsstatistik des Statistischen Bundesamtes zu nennen. Der Fortzug muss nicht zwingend eine Auswanderung bedeuten, es kann sich zum Beispiel auch um einen Arbeitsaufenthalt im Ausland handeln. Laut Statistischem Bundesamt sind im Jahr 2005 145.000 deutsche Staatsbürger ins Ausland gezogen, im Jahr 2003 waren es 127.000 und im Jahr 2002 118.000. Die Zahl 150.000 für das Jahr 2004 war dem Bundesamt zufolge statistisch überhöht und sollte nicht als Vergleich herangezogen werden.
Welche Länder sind bevorzugte Ziele und warum?
Schneid: Im vergangenen Jahr war die Schweiz das beliebteste Zielland der Fortzügler, danach folgten die USA, die bislang den ersten Platz einnahmen. Die Idee vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der amerikanische Traum wirkt hier nach wie vor. Weiterhin sehr beliebt sind die klassischen Einwanderungsländer Kanada und Australien, die derzeit eine sehr positive Arbeitsmarktentwicklung erleben und entsprechend viele Fachkräfte auch aus Deutschland anwerben. Sehr viele Menschen siedeln in europäische Nachbarländer um, auch hier ist die Entscheidung für das Zielland häufig vom Arbeitsmarkt abhängig. Neben der Schweiz sind hier vor allem Österreich, Polen und Großbritannien zu nennen.
Welche Hilfen bei der Vorbereitung der Ausreise gibt es?
Schneid: Die Auswanderungsberatungsstellen informieren und beraten individuell über Punkte wie Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen, Lebens- und Arbeitsbedingungen und Sozialversicherung im Zusammenhang mit einer Auswanderung oder Auslandstätigkeit. Erfahrungsgemäß bietet ein längerfristiger Auslandsaufenthalt eine große Chance, Neues kennen zu lernen, sich neue Fähigkeiten anzueignen und sich persönlich zu entwickeln.
Gerne unterschätzt wird allerdings das Risiko, im Ausland auf Grund ungenügender Vorbereitung und Planung zu scheitern. Bei einer Auswanderung können etwa zu geringe finanzielle Reserven zum Stolperstein werden, aber auch die Herausforderungen der neuen sozialen und kulturellen Umgebung. Hier wird eine hohe Anpassungsleistung verlangt, viel Flexibilität und eine gehörige Portion Kompromissbereitschaft - und selbstverständlich auch die Aneignung der Sprache. Auch wenn eine dauerhafte Auswanderung geplant ist, wird in der Beratung im Regelfall auch das Thema Rückkehr nach Deutschland angesprochen, insbesondere im Hinblick auf Versicherungsansprüche.
Erhalten Sie Rückmeldungen von ausgewanderten Deutschen, die Ihre Beratung in Anspruch genommen haben?
Schneid: Erst heute Morgen rief eine 32-jährige deutsche Bauingenieurin an, die nach Neuseeland gegangen ist. Sie war in Deutschland eineinhalb Jahre arbeitslos und konnte sich nun in Auckland gleich zwischen mehreren konkreten Stellenangeboten entscheiden. Ihr neuer Arbeitgeber wollte angesichts ihrer Qualifikation und Arbeitsmotivation nicht glauben, dass sie in Deutschland arbeitslos war. Sie hatte nach eigener Aussage früher nie ans Auswandern oder Arbeiten im Ausland gedacht, doch nach der langen Arbeitslosigkeit ohne Jobperspektive fiel ihr die Entscheidung zu diesem Schritt relativ leicht.
(Die Fragen stellte Silvia Vogt)
http://www.raphaels-werk.de
http://www.auswandern.bund.de
(AP)



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