Brüssel – Entgegen den Empfehlungen internationaler Wissenschaftler darf in der Nordsee auch im kommenden Jahr Kabeljau gefischt werden. Die EU-Fischereiminister vereinbarten in der Nacht zum Donnerstag allerdings eine Senkung der Fangquoten um 14 Prozent. Damit dürfen allein in der Nordsee 2007 rund 20.000 Tonnen Kabeljau gefangen werden. Die Umweltschutzorganisation WWF bezeichnete die EU-Entscheidung als „Kniefall vor der Fischerei-Lobby“.
Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen hatte für Kabeljau zum wiederholten Male eine Nullrunde gefordert. Fangverbote für die unter anderem im britischen Nationalgericht „Fish and Chips“ verwendeten Tiere wurden jedoch nirgends durchgesetzt, nur vor der Westküste Schottlands und in der Irischen See soll die Kabeljau-Fischerei mit einer Reduzierung um 20 Prozent etwas stärker eingeschränkt werden. Die Fangquoten für Nordsee-Scholle wurden um 15, die für Seezunge um 12,5 Prozent und die für Lengfisch um 20 Prozent reduziert, wie die finnische EU- Ratspräsidentschaft mitteilte.
Der deutsche Verhandlungsführer, Landwirtschaftsstaatssekretär Gert Lindemann, wertete das Ergebnis als ausgewogen. Die Reduzierung der Quoten und Fangtage beim Kabeljau sei „ein guter Schritt in Richtung einer deutlichen Bestandserholung“, erklärte Lindemann nach Angaben eines Sprechers. Zugleich bestünden mit dem nicht gefährdeten Seelachs in der Nordsee Alternativen, „die der deutschen Fischerei eine Existenzsicherung ermöglichen“.
Der Leiter der Bundesforschungsanstalt für Fischerei, Cornelius Hammer, äußerte Zweifel an dieser Einschätzung. „Der Markt ist mit Seelachs gesättigt, die Preise sind niedrig“, sagte Hammer der Nachrichtenagentur AP. Zudem werde dieser Fisch „nur in Frankreich und Deutschland überhaupt in nennenswerten Mengen gegessen“. Eine Alternative zum hochpreisigeren Kabeljau stelle Seelachs für die Fischerei daher nicht dar.
Fangmengen müssten aus wissenschaftlicher Sicht auf Null sein
Aus wissenschaftlicher Sicht allerdings müsste man die Fangmengen für Kabeljau „eigentlich auf Null setzen“, betonte Hammer. Allerdings würden die Empfehlungen des ICES von den EU-Fischereiministern seit Jahren um durchschnittlich 30 Prozent überzogen. Hinzu komme, dass die Fischer die von der EU festgelegten Fangquoten nicht einhielten: Ein erheblicher Teil der Fänge aus Beständen die besonderen Schutz benötigen werden schwarz angelandet, also etwa nachts, wenn keine Inspektoren im Einsatz sind.
Auf der anderen Seite, so Hammer, steckten allein in den Fischkuttern Millionen. „Da hängen Schicksale, Familien dran – da kann man als Politiker nicht einfach hingehen und sagen: Die hören jetzt auf.“ So versuche auf EU-Ebene jedes Land, die Besitzstände seiner Fischer zu wahren.
Bei der jetzt abgeschlossenen Verhandlungsrunde etwa verhinderten Belgien und die Niederlande einen langfristigen Bestandssicherungsplan für Scholle und Seezunge. Vorläufig ausgesetzt wird nur die Sardellenfischerei in der Biskaya zwischen Frankreich und Spanien sowie der Fang einiger anderer kurzlebiger Arten in der Nordsee. Vom 15. April bis 15. Juni sollen in der Biskaya jedoch zu Forschungszwecken Sardellen gefangen werden, auf Grundlage der dabei gewonnenen Erkenntnisse soll dann über eine mögliche Wiederaufnahme der kommerziellen Fischerei beraten werden.
(AP)



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