Cottbus – Ein Bierzelt mit Oktoberfest-Maßen steht mitten in der Mondlandschaft, außenherum stecken mit Nummern beschriftete Zettel im Sand. Der Himmel über dem polnischen Grenzgebiet ist grau, es regnet. Kaum zu glauben, dass in dieser Trostlosigkeit spektakuläre wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Aber wahr: Im Tagebau-Gebiet nahe Cottbus, wo Deutschland fast zu Ende ist, entdeckten Archäologen eine zweieinhalb Hektar große germanische Siedlung. Das Landesdenkmalamt bezeichnete sie als einzigartig für Brandenburg.
„Das war schon eine Überraschung, dass die Funde so ein Ausmaß haben“, sagte Grabungsleiterin Deborah Schulz am Mittwoch. Für die junge Archäologin sind die Ergebnisse auch ein persönlicher Glücksfall. Kaum hatte sie das Studium beendet, durfte sie in die Forschungen am Tagebau Jänschwalde einsteigen – und war wenig später maßgeblich an der Freilegung der bedeutenden historischen Siedlungsreste beteiligt. Bedeutsam sind die Funde vor allem durch die Verbindung von Wohnsiedlung, Gräberfeld und Werkstatt auf 2,5 Hektar.
Unter Sand und Erde lag Recycling-Schmiede verborgen
Zu Beginn ahnten die Wissenschaftler wenig von den Schätzen im Erdreich. Vor Monaten untersuchten sie das Gebiet eher oberflächlich, schritten Meter für Meter in der unwirtlichen Gegend ab auf der Suche nach Metallteilen. „Das könnte ein normaler Spaziergänger auch finden, wenn er den Blick dafür hat“, sagte Schulz. An einer Stelle war besonders viel aus dem Erdreich getreten, hier schlugen die Grabungsleiterin und ihre Helfer das Zelt auf.
Mit jedem Zentimeter Sand und Erde, den sie nun durch ihre Siebe schüttelten, legten die Arbeiter ein Stück mehr des Kernstücks der einstigen Siedlung frei: Eine Schmiedewerkstatt, in der im vierten Jahrhundert nach Christus Bronzeschrott aus dem Römischen Reich recycelt und zu neuem Schmuck verarbeitet wurde. Die Römer lebten etwa 500 Kilometer weiter südlich.
Um eine Feuerstelle herum lagen Abfallprodukte, Halbfabrikate und Fehlgüsse aus den Bronzeresten, außerdem eine Pinzette und zahlreiche Schmuckstücke. Ein daumengroßes Herz mit nach innen gedrehten Schnörkeln entstand in der Werkstatt, eines der schönsten Exponate, die Tagebau-Betreiber Vattenfall und das brandenburgische Landesdenkmalamt nun vorstellten. Die Archäologen fanden zudem Fibeln, Gewandnadeln in unterschiedlichen Fassungen. Sie zeugen von Kultur und einem gewissen Wohlstand.
Knochenpartikel zeugen von Feuerbestattung
Früher stand hier wohl eine dörfliche Siedlung aus Grubenhäusern und Pfostenbauten. Die Zettel im Sand um das Zelt markieren die Position der Pfostenlöcher. Manche Löcher sind bis zu 20 Meter tief. Auf dem verbrannten Fußboden eines Mahlhauses lag den Forschern nach der Stein einer Drehmühle; auch dies kann derzeit besichtigt werden.
Die germanischen Landwirte hielten Tiere, beackerten die Felder. Die Toten wurden auf dem benachbarten Gräberfeld verbrannt, davon zeugen gefundene Knochenpartikel. Einige wenige Bewohner wurden wohl beigesetzt, wie Schulz unter Verweis auf die Ausgrabungen sagte. Im Herbst vergangenen Jahres fanden die Archäologen in unmittelbarer Nähe das Grab einer Frau. Die 1600 Jahre alte „Frieda“ trug eine blaue Glasperlenkette und Bestandteile ihrer Tracht.
Ohne die Kooperation mit Vattenfall wären Grabungen diesen Ausmaßes im Vorfeld des Tagebaus nicht möglich, sagte der brandenburgische Landesarchäologe Franz Schopper. Seit Jahren könnten die Behörden dank der Vereinbarung die Arbeit auf den enormen Flächen langfristig planen. Sind wertvolle Stücke geborgen, beginnt der Tagebau, die Bagger rücken an.
Für die junge Wissenschaftlerin Deborah Schulz ist der Fund ein Zwischenergebnis. Während andere die Exponate waschen und archivieren werden, gräbt sie auf neuen Flächen weiter. Das Tagebau-Gebiet ist groß, die Karriere der Archäologin fängt gerade erst an. „Jeder Tag bringt da eine neue Überraschung“, sagt sie. (AP)



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