Alle Wege führen nach Rom. Dort allerdings stellt sich die Frage, welches der römischen Ziele am ehesten das Gefühl vermittelt, angekommen zu sein. Ist es die Spanische Treppe, die von Neuankömmlingen nur so wimmelt? Oder ist es der Petersplatz, auf dem - besonders am Sonntag während des Papstsegens - ein Fahnenmeer von Schwarz-Rot-Gold und Weiß-Blau an die eigene Heimat erinnert? Ein Ort soll es sein, an dem die von der Anreise gestresste Seele ungestört baumeln kann.
Für mich repräsentiert die „Piazza Navona" die ganz persönliche Endstation Sehnsucht: als antikes Stadion und spätere Pferderennbahn naturgemäß ein lang gezogener Platz, umgeben von malerischen Hausfassaden im Terrakotta-Stil, die im Licht der untergehenden Sonne warme Farbtöne ausstrahlen. Jeder, der den Platz betritt, gerät hinein in den Sog einer Stimmung, die alle hier Anwesenden genussvoll zu verbinden scheint. Zum Beispiel beim Bestaunen von Berninis „Brunnen der vier Ströme", dessen Wasserstrahlen aus illustren exotischen Figuren um einen Obelisken herum hervorquellen.
Oder vor der Kirche der Heiligen Agnes, deren begeisternd fein gearbeitete Innenausstattung hält, was die kunstvolle barocke Außenfassade verspricht. Immer höher klettern nun die letzten Sonnenstrahlen entlang der Ostseite des Platzes an den Häusern empor, bis sie sich schließlich auf den verschachtelten Dächern bei den Schornsteinen vom heutigen Tag verabschieden. Doch nicht lange verweilt der Blick in den Höhen des abendlichen Himmels. Denn schon entsteht auf der Piazza mit den ersten Lichtern eine völlig neue Stimmung, die wiederum die volle Aufmerksamkeit beansprucht.
Denn allmählich verschiebt sich die Behaglichkeit von der Mitte des Platzes unter die Marquisen der umliegenden Restaurants, wo bereit stehende Speisekarten mit Köstlichkeiten der italienischen Küche herüber winken. Nun erst fühle ich mich wirklich angekommen, und von den vier Strömen des Bernini-Brunnens bleibt bald nur noch das beständige Rauschen des Wassers, das die Wohlfühl-Atmosphäre lautmalerisch unterstreicht. Ein Ort der Geborgenheit, den ich an diesem Abend innerlich bereits wieder für den nächsten Besuch vorbuche.
Nicht alle touristischen Ziele sind in der Erinnerung gleichrangig. Besonders bleiben die Orte in der Erinnerung haften, die auf irgendeine Weise auch die Seele des Reisenden erreicht haben - Orte des Wohlfühlens und des persönlichen Erlebens.
In der Reihe Lieblingsplätze - Orte, an denen die Seele baumelt - stellt unser Autor Bernd Kregel in lockerer Folge solche Orte des positiven Erinnerns vor.
01. Piazza San Marco, Venedig / Italien
02. Kathedralenplatz, Santiago de Compostela / Spanien
03. Montmartre, Paris / Frankreich
04. Münsterkreuzgang, Bonn / Nordrhein-Westfalen
05. Ohlsdorfer Parkfriedhof, Hamburg
06. Suomenlinna, Helsinki / Finnland
07. Askona, Lago Maggiore / Italien
08. Oriental, Bangkok / Thailand
09. Santorin, Ägäis / Griechenland
10. Piazza Navona, Rom / Italien
11. Four Seasons Hotel, Amman /Jordanien
12. Puente la Reina, Navarra / Spanien
13. Dubrovnik, Adria / Kroatien
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