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GEFAHR AUS DER KÄLTE

Schmelzende Gletscher geben verbotene Substanzen frei

Untersuchung der Sedimentschichten im Oberaarsee – Ablagerung schwer abbaubarer organischer Substanzen während der letzten 60 Jahre rekonstruiert

AP
13.10.2009

Grimsel-Passhöhe mit Stausee. (Campomalo/Pixelio)
Am Gletscherabriss entsteht die "Gletschermilch", Schmelzwasser vermischt sich mit allem, was im Eis verborgen war. (Hanspeter Bolliger/Pixelio)
Gletscherwasser ist erkennbar: unvergleichliches Blaugrün und eiskalt. (P.-Christian Bürger/Pixelio)

Zürich – Schmelzende Gletscher geben zum Teil schon lange verbotene oder industriell nicht mehr produzierte Substanzen frei. Dies zeigen Untersuchungen der Sedimentschichten des Oberaarsees. Forscher der EMPA, der ETH Zürich und der Eawag haben die Sedimentschichten des Oberaarsees analysiert und die Ablagerung schwer abbaubarer Stoffe rekonstruiert.

Ziehen sich Gletscher auf Grund der Klimaerwärmung zurück, kommen Gegenstände zum Vorschein, die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte in den Eismassen ruhten. Darunter befinden sich auch chemische Substanzen, die seit Jahren verboten sind und die besser weiter unter Verschluss blieben, teilten die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt (EMPA), die ETH Zürich und das Wasserforschungsinstitut Eawag am Dienstag mit. Darunter finden sich etwa auch so genannten POPs, schwer abbaubare organische Umweltgifte. Dazu gehörten technische Chemikalien, die beispielsweise als Weichmacher in verschiedenen Materialien oder als Pestizide verwendet wurden, aber auch hochgiftige Dioxine. Viele dieser POPs seien hormonaktiv, Krebs erregend und stünden im Verdacht, die Entwicklung von Mensch und Tier zu stören. Zudem seien sie ausgesprochen langlebig und könnten via Atmosphäre über grosse Distanzen transportiert werden.

Wenn nun die Gletscher schmelzen, so fliessen die dort vor Jahren von Luftströmen herantransportierten, auf der Schneedecke abgelagerten und im Eis gespeicherten Chemikalien mit der Gletschermilch in den nächsten Gletschersee. Dort sinken sie zusammen mit den Schwebstoffen aus dem Gletscherschmelzwasser auf den Grund und lagern sich im Sediment ab. So zum Beispiel auch im Oberaarsee, einem 2.300 Meter hoch gelegen Stausee in der Nähe des Grimselpasses im Berner Oberland. Dort haben die Forscher die Ablagerung schwer abbaubarer organischer Substanzen während der letzten 60 Jahre rekonstruiert.

Zu diesem Zweck hatten Sedimentologen der Eawag im Winter 2006 aus dem zugefrorenen Gebirgssee Sedimentbohrkerne gezogen, rund einen Meter lang und sechs Zentimeter im Durchmesser. Die Sedimentschichten im Bohrkern lassen sich wie „Jahrringe“ von Bäumen lesen, Schicht für Schicht bis zurück ins Jahr 1953, als der Oberaar-Stausee angelegt wurde. „Wir konnten anhand der Schichten bestätigen, dass in den Jahren von 1960 bis 1970 in grossem Stil POPs produziert wurden und auch im Bergsee ablagerten“, wird Christian Bogdal zitiert, der an der Empa seine Dissertation über die Umweltbelastung mit diesen organischen Stoffen geschrieben hat und nun an der ETH Zürich weiter forscht. Ebenfalls gut zu erkennen gewesen sei, wie die Schadstoffmenge zurückgegangen sei, als Anfang der 1970-er Jahre viele dieser umweltgefährdenden Stoffe verboten worden seien.

Einigermassen überraschend sei der festgestellte erneute Anstieg der POPs in Sedimentschichten, die nicht älter seien als zehn, 15 Jahre. Die Menge an chlorhaltigen Chemikalien liege beispielsweise ab Ende der 1990-er Jahre bis heute gar zum Teil höher als in den 1960-er und 1970-er Jahren. Dies wird mit der Gletscherschmelze erklärt. So ist die Gletscherzunge in den letzten Jahren um mehr als 120 Meter geschrumpft und hat so relativ grosse Mengen an gespeicherten toxischen Substanzen freigegeben. Gletscher seien deshalb, wie dies von Umweltforschern schon lange vermutet und nun erstmals nachgewiesen worden sei, ernst zu nehmende sekundäre Quellen für den erneuten Eintrag von POPs in die Umwelt. (AP)

 

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