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BILDUNGSUNGLEICHHEIT

„Man sollte die Eltern mit einschulen“

Kinderhilfswerk beklagt eklatante Mängel im Bildungssystem – Hauptleidtragende Kinder aus sozial schwachen Familien

Matthias Armborst
AP
25.11.2009

Die öffentliche Hand hat 2008 deutlich mehr Geld in die Kinder- und Jugendhilfe gesteckt. Die Ausgaben stiegen um 7,9 Prozent auf 24,6 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch, 25. Nov. 2009, mitteilte. AP Photo/Mathias Rietschel

Frankfurt/Main – Lauter strahlende Gesichter zeigt die Titelseite des „Kinderreports 2010“. Doch für Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland sieht die Lebenswirklichkeit düster aus. „Die Kinderarmut hat sich bei rund drei Millionen betroffenen Kindern eingependelt“, beklagt der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger. Außerdem weist seine Organisation auf eklatante Mängel im Bildungssystem hin. Hauptleidtragende sind demnach Kinder aus sozial schwachen Familien.

„Schon ganz früh müssen viele Kinder erfahren, dass sie wenig Chancen auf Bildungserfolg haben“, betont Nadia Kutscher, Erziehungswissenschaftlerin und Mitautorin des Kinderreports. Und sie berichtet davon, wie sie neulich ein Gespräch zwischen zwei etwa zehnjährigen Mädchen mitanhörte: „Eines sagte: ,Ich werde mal keine Arbeit finden, weil ich auf die Hauptschule gehe.'“ Dieses Beispiel illustriere, dass selbst Kinder eine Antenne für Bildungsungleichheit hätten: „Dass die Hauptschule als Restschule verschrien ist, bekommen Kinder ganz bald mit.“

Zwar wirkt das deutsche Schulsystem nach Ansicht des Kinderhilfswerks als „Verstärker bestehender Ungleichheiten“. Die Bildungsungleichheit entstehe aber nicht mit der Einschulung, sondern in der Familie: „Wenn es den Eltern an Geld und Bildung fehlt, um ihr Kind angemessen fördern zu können, muss der Staat bei den Eltern ansetzen“, betont Kutscher. „Es reicht eben nicht, wenn die Schulen einmal im halben Jahr zum Elternabend einladen.“

Vielmehr sollten Kitas, Kindergärten und Schulen verstärkt auf die Eltern zugehen und Hilfe anbieten. „Das wäre der Schlüssel“, ist die Wissenschaftlerin überzeugt.

„Viel mehr Kräfte, die nicht bloß Noten geben“

Die Liste von Kutschers Wünschen ist lang: So sollte es ihrer Meinung nach Sozialarbeiter geben, die Eltern von Kindergartenkindern darauf vorbereiteten, was die Schule von ihnen erwarte. „Man sollte die Eltern gewissermaßen mit einschulen“, erklärt Kutscher. Nötig sei weiter ein Sozialpädagoge pro Schulklasse: „Wir brauchen an den Schulen viel mehr Kräfte, die nicht bloß Noten geben.“

Weiter fordert die Mitautorin des Kinderreports, auch sozial benachteiligten Kindern „außerschulische Bildungserfahrungen“ zu bieten: „Also etwa Sport, Musik und Lesen. Dinge, die sie von ihren Eltern mangels Geld oder Bildung nicht geboten bekommen würden.“

Staat investiert immer mehr in Jugendhilfe

Teure Vorschläge. Dabei investiert der Staat bereits Jahr für Jahr mehr Geld in die Kinder- und Jugendhilfe. Im vergangenen Jahr stiegen die Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden erneut, und zwar um 8 Prozent auf rund 25 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Dabei wurde ein Großteil der Summe – knapp 60 Prozent – von der Kindertagesbetreuung verschlungen wurde. „Natürlich wird der Kindertagesbereich ganz stark ausgebaut“, sagte Nadia Kutscher dazu. Leider geschehe dies aber zum Teil auf Kosten anderer Bereiche.

Ein vergleichsweise kleiner, aber stetig wachsender Posten sind Schutzmaßnahmen für Kinder – vor allem die sogenannten Inobhutnahmen: Hier stiegen die Kosten um 23 Prozent auf 118 Millionen Euro. „Dies hat zum einem damit zu tun, dass seit einigen dramatischen Fällen vernachlässigte Kinder wesentlich mehr im Fokus stehen“, kommentiert Kutscher. Außerdem versuchten sich die Sozialarbeiter zunehmend abzusichern, in dem sie für schnellere Inobhutnahmen sorgten.

Von „Inobhutnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls“ spricht man, wenn Minderjährige auf Initiative von Polizei oder Erziehern oder auch auf eigenen Wunsch für einige Tage oder auch länger in eine Einrichtung kommen. Hintergrund ist meist eine Überforderung der Eltern, manchmal sind es aber auch Misshandlungen oder sexueller Missbrauch. (AP)

 

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