Aktuelle Nachrichten – Deutschland
05.06.2009
Weimar – Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel hat US-Präsident Barack Obama auf die Idee gebracht, das frühere Konzentrationslager Buchenwald zu besuchen. Obama zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel durch das KZ zu führen, ist nur eine weitere bemerkenswerte Begebenheit im Leben des 80-jährigen Friedensnobelpreisträgers. Dabei wandelt er einmal mehr auf den Spuren seiner Vergangenheit: Zu Kriegsende war er in Buchenwald interniert.
„Sollten wir durch ein Wunder eines Tages hier herauskommen, dann weihen wir unser ganzes Leben dieser Pflicht, Zeugnis abzulegen angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit, um von der Einsamkeit der Greise, den Blicken der Mütter zu berichten, vom Lächeln der Kinder, die in den Tod marschierten“, lautete das Gelübde Wiesels. Er überlebte die Todesmaschinerie der SS als Zwangsarbeiter im Buna-Werk und wurde am 11. April 1945 in Buchenwald befreit.
Nach dem Krieg entwickelte sich der Zeitzeuge Wiesel vom Journalisten zum gefeierten Literaten, zum Professor und Kämpfer für die Menschenrechte. Nach Angaben seiner Stiftung, der in New York ansässigen Elie Wiesel Foundation for Humanity, hat er im Laufe seines Lebens mehr als 100 Ehrendoktor-Titel verliehen bekommen. Die größte Anerkennung für sein Werk wurde ihm 1986 mit dem Friedensnobelpreis zuteil.
Wiesel wurde 1928 in Sighe im vorwiegend von Ungarn bewohnten Teil Siebenbürgens geboren, der seit 1919 zu Rumäniens gehört. Wiesel erhielt eine streng rabbinische Schulausbildung, die jedoch jäh unterbrochen wurde, als er 1944 zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Seine Mutter und die jüngere Schwester wurden umgebracht, zwei ältere Schwestern überlebten. Wiesel selbst wurde zusammen mit seinem Vater noch 1945 nach Buchenwald verlegt. Die Befreiung des Lagers im April erlebte der Vater nicht mehr.
Seine Erlebnisse in Auschwitz formulierte Wiesel 1956 auf Jiddisch unter dem Titel „Un die Welt hot geschwign“. Zwei Jahre später erschien der Roman in gekürzter Form unter dem Titel „La nuit“ mit einem Vorwort des französischen Dichter François Mauriac, der ihn zur Niederschrift seiner Erlebnisse ermutigt hatte, wie Wiesel später schilderte. „Die Nacht“ wurde sein wichtigster Roman, den er später fortsetzte und zu einer Trilogie weiterentwickelte.
In den meisten seiner Werke trat er als Zeuge der Vergangenheit auf, als Mahner gegen die Gleichgültigkeit. Auch die Auseinandersetzung mit Gott, die Fragen nach Gottes Existenz angesichts der Leiden des Holocausts, rückten immer wieder in den Mittelpunkt.
Nach 1945 kam Wiesel zunächst über Straßburg nach Paris, wo er an der Sorbonne Philosophie und Literatur studierte. Gleichzeitig begann er für französische und später israelische Medien als Korrespondent zu arbeiten. 1966 ging er als UN-Berichterstatter nach New York, wo er einige Jahre später die US-Staatsbürgerschaft annahm. 1972 bekam er eine Professur für Literatur, Philosophie und Judaismus am New Yorker City College, später lehrte er in Boston. Im Jahr 1979 ernannte ihn der damalige US-Präsident Jimmy Carter zum Vorsitzenden des Holocaust-Gedenkrates.
Als prominentester Sprecher der amerikanischen Juden warnte er immer wieder vor den Gefahren des Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus – und beschränkte sich dabei keineswegs auf Nordamerika. US-Präsident Ronald Reagan kritisierte er 1985 wegen dessen Besuch auf dem Friedhof in Bitburg scharf, weil dort auch zahlreiche SS-Angehörige beerdigt waren. Im Jahr 1986, als er den Nobelpreis bekam, kämpfte Wiesel vehement gegen den Kandidaten für das österreichische Bundespräsidentenamt, Kurt Waldheim – wegen dessen Vergangenheit als Soldat. Nach der Wiedervereinigung machte er Bundeskanzler Helmut Kohl für die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in Deutschland mitverantwortlich.
Zur Jahrtausendwende hielt er zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine beeindruckende Rede im deutschen Bundestag. Dabei sprach sich Wiesel gegen die Vorstellung der Kollektivschuld aus, betonte jedoch, dass Auschwitz immer ein Teil der deutschen Geschichte bleiben werde – genauso wie Buchenwald. Mit seiner Führung für Obama und Merkel trägt der 80-Jährige einmal mehr dafür Sorge, dass die Gräuel des Dritten Reichs nicht in Vergessenheit geraten. (AP)
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