Fernreisen - Die Welt entdecken – Auf neuen Pfaden durch Nordgriechenland – Bernd Kregel / Gastautor
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Aufbruchstimmung am Olymp Auf neuen Pfaden durch Nordgriechenland

Bernd Kregel / Gastautor

22.05.2011

Foto: Bernd Kregel

Foto: Bernd Kregel

Die Götter hatten Geschmack. Als ihren Herrschaftssitz wählten sie den Olymp, ein stattliches Anwesen in bester Lage, das ihnen einen optimalen Überblick gewährte. Bei wahrlich göttlicher Perspektive konnten sie von hier aus genüsslich ihren Blick schweifen lassen über die bezaubernde Inselwelt des Ägäischen Meeres sowie die zerfurchte Bergwelt Nordgriechenlands und dabei bequem zurückgelehnt nach dem Rechten sehen. „Leben wie Gott in Frankreich?“ Das gab es hier zweifellos schon viel früher.

Aus der Froschperspektive wirkten die beiden Dreitausender-Gipfel tatsächlich wie die Armlehnen eines riesigen Götterthrones. Zu dem konnten die Menschen nur ehrfurchtsvoll aufblicken. Nicht jedoch ohne das schmerzliche Bewusstsein, dass man denen dort droben das Feuer erst mit List entwenden musste, um sich hier unten zu ihren Füßen auskömmlich einzurichten. Und selbst dann war das launenhafte Leben immer noch schwierig genug.

Neue Beweglichkeit ersetzt Beschwerlichkeit

Diese Beschwerlichkeit hielt an bis weit hinein in die Neuzeit. Denn stets bedurfte es erheblicher Kraftanstrengungen, um die Distanzen in dem malerischen aber unwegsamen Gelände zu überwinden. Schon die Makedonier wussten auf ihren Heereszügen ein Lied davon zu singen. Und später die Römer, die bereits in vorchristlicher Zeit Abhilfe zu schaffen versuchten mit der „Via Egnatia“ durch die Balkanprovinzen Illyrien, Makedonien und Thrakien. Das unwegsame Nordgriechenland wurde dabei jedoch nur am Rande berührt, und die Fortbewegung in diesem Landstrich blieb nach wie vor zeitraubend und beschwerlich.

Damit hat es nun ein Ende. Denn ein nagelneues Asphaltband, getragen von 1500 Brücken und eingebettet in 90 Tunnels, verbindet neuerdings Ost und West, Küste mit Küste. Mitten durch das Pindos-Gebirge, das früher als schneebedeckte Barriere das nordgriechische Hinterland von der Außenwelt abriegelte. Wie immer hatten die Götter vor einen solch großartigen Erfolg den Schweiß gesetzt: mit einem immensen Arbeitsaufwand und dem unglaublichen Kostenaufwand von knapp einer Milliarde Euro.

Diese gewaltige Strukturverbesserung kommt von nun an allen Europäern zugute. Den krisengeschüttelten Griechen, die nun in ihrer nördlichen Region so etwas wie eine Aufbruchstimmung verspüren. Gerade so, als sei der gordische Knoten der Unzugänglichkeit mit einem verkehrstechnischen Hieb wirkungsvoll zerschlagen worden. Und den Resteuropäern, die nach ihren griechischen Lieblingslandschaften Ägäis und Peloponnes schon im Begriff sind, hier eine neue Erlebnis-Lücke zu entdecken und schnell zu schließen.

Meteora-Klöster zwischen Himmel und Erde

Eine der größten Kostbarkeiten entlang des fünfhundert Kilometer langen Asphaltbandes sind zweifellos die Meteora-Klöster. Ihre Attraktivität verdanken sie mächtigen Formationen aus Sedimentgestein, die sich wie überdimensionale Säulen in den blauen Himmel recken. An ihrer Spitze sprießen wie verspielte korinthische Kapitelle, die christlichen Klosteranlagen hervor. Bei solch origineller Lage zwischen Himmel und Erde könnte man sogar unterstellen, sie wollten mit Blickrichtung auf den Olymp deutlich machen, wer hier in religiöser Hinsicht über den längeren Atem verfügt.

Ausdauer brauchte man in der Tat, wenn man in früheren Zeiten schwere Lasten, Menschen wie Gebrauchsgüter, in Netzen oder Drahtkörben an langen Seilen hinauf winden musste. Doch längst hat die Technik auch im Klosterleben Einzug gehalten. So weiß es Novizin Tanja zu berichten, die sich im fünfhundert Jahre alten Nonnenkloster „Russano“ auf ihre Weihe vorbereitet. Computer und Mobiltelefon beherrscht sie aus dem Effeff. Und doch ist sie rückblickend dankbar, dass Gott ihr nach mehreren Semestern Wirtschaftsstudium „die Kraft gab, sich für einen solch schwerwiegenden Richtungswechsel zu entscheiden“.

Spirituell erfülltes Leben hinter Klostermauern

Ähnlich interessant gestaltet sich auch die Berufskarriere einer ihrer Glaubensschwestern. Irgendwann fühlte sie sich in ihrem früheren Leben als Funkerin bei der griechischen Marine zu Höherem berufen. Damit meint sie natürlich nicht vorrangig die gute Aussicht aus luftiger Höhe, sondern vor allem das „spirituell erfüllte Leben in der Klostereinsamkeit“. Die jedoch wird für sie und ihre zehn Mitschwestern erst erfahrbar ab dem späten Nachmittag, wenn keine Besucherströme mehr mit ihren Fragen und Anliegen ihre Aufmerksamkeit beanspruchen.

Im gegenüber liegenden Mönchskloster „Varlaam“, sind es heute sogar nur noch sieben aktive Mönche. Sie versammeln sich zum Gebet in ihrer „doppelten Kreuzkuppelkirche“, die in ihrem Inneren prächtig mit orthodoxen Motivzyklen ausgestaltet ist. Als besonders anrührend erweist sich das realistisch dargestellte schlichte Knochengerüst an der Freskenwand der Vorhalle. Es gehört keinem Geringeren als dem einst so mächtigen und prächtigen Herrscher Alexander und erinnert damit umso mehr an die Banalität des eigenen Todes.

Lebensfreude und Wohnkultur im Pindos-Gebirge

Lebensfroher geht es dagegen zu an den Hängen des Pindos-Gebirges. So im Weingut „Katogi Averoff“ nahe dem idyllisch gelegenen Örtchen Mezovo. Hier werden typisch griechische Rebsorten verarbeitet und fachgerecht in französischer Eiche gelagert: die weiße Rositis- oder die rote Blachiko-Rebe, die beide für sich allein oder gemischt mit Chardonnay und Cabernet Sauvignon einen wunderbar fruchtigen Geschmack ergeben.

Ein Besuchshöhepunkt für sich ist das idyllisch in der Nordwestecke des Landes gelegene Städtchen Kastoria. Schmucke Herrenhäuser, erbaut im makedonischen Stil, säumen das Ufer des Kastoria-Sees und verweisen mit ihrem großzügigen Äußeren auf den Wohlstand, der noch heute mit der Pelzverarbeitung an diesen Ort erwirtschaftet wird. Davon zeugen nicht zuletzt die schmucken kleinen Kirchen im Basilika-Stil, mit denen die Stadt geradezu übersät ist.

Wunderschön zum Beispiel die etwas abseits am See gelegene Klosterkirche von Mavriotissa. Historisch  zurückreichend in die Zeit von Kaiser Justinian und später mehrfach erweitert und renoviert, sind die Wandmalereien innerhalb und außerhalb des Kirchengebäudes ein die Phantasie beflügelnder Blickfang. Ein nicht minder anregendes Erlebnis ist auch der knorrig wirkende Pater Gabriel, der sie mit Fachkenntnis ausführlich erklärt. Als ehemaliger griechischer Soldat während der türkischen Besetzung Zyperns kam er mit Frau und Kindern vor 35 Jahren hierher, um sich in den Dienst der „Schwarzen Madonna“ zu stellen, einer Ikone, der in der ganzen Region große Verehrung zuteil wird. Auch für ihn bietet sie eine seelische Heimat.

Mastodon-Rekordzähne und Königsgräber

Viel weiter zurück jedoch reichen die Objekte in dem kleinen prähistorischen Museum von Milia nahe dem Städtchen Grevena. Hier präsentiert der 84-jährige Thanassis Delivos die von ihm persönlich entdeckten Fundstücke, die es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde hinein geschafft haben. So die fünfhundert Kilogramm schweren und über fünf Meter langen Mastodon-Stoßzähne, die er mit Stolz präsentiert. Denn in der Kette der Evolution werden sie nach bisheriger Fundlage weder von irgendeinem Mammut geschweige denn vom einem Elefanten übertroffen.

Das Museum aller Museen jedoch sind die makedonischen Königsgräber in Vergina unweit der Regionalhauptstadt Thessaloniki. Erst vor gut drei Jahrzehnten zufällig unter einem künstlich aufgeschütteten Grabhügel entdeckt, schafften sie bereits den Sprung hinein in die erlesene Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Und das nicht ohne Grund. Denn schnell schlägt die anfängliche Neugierde beim Betrachter um in pure Begeisterung. Erweisen sich doch die Grabfassaden sowie die am Originalschauplatz ausgestellten Fundgegenstände aus Gold und Edelstein in der Tat als sensationell.

Da niemand die wahre Begräbnisstelle Alexanders des Großen kennt, richtet sich das Haupaugenmerk wie von selbst auf das Grab seines Vaters Philipps II., der damals einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Allein der zart gearbeitete goldene Eichenkranz mit 313 Blättern und 68 Eicheln gilt in seiner überwältigenden Pracht als eines der wertvollsten Fundstücke der Antike.

Historisches und jung gebliebenes Thessaloniki

Zurück in Thessaloniki, wartet die Stadt auf mit einladenden Cafés und Restaurants, wie beispielsweise der „Kitchenbar“ im alten Hafenbereich mit ihrer deftigen griechischen Küche. Wie zufällig gleitet der Blick von hier aus vorbei an der langgezogenen Uferpromenade und fällt schließlich auf den „Weißen Turm“, das Wahrzeichen der Stadt. Dahinter jedoch bleibt er haften am Reiterstandbild Alexanders des Großen, das in rassiger Pose an dessen Heldentaten in Asien erinnert, die ihn - zumindest in der Erinnerung - unsterblich machten.

Und vieles mehr gibt es zu entdecken zwischen Akropolis und Aristotelesplatz, zwischen  Demetrius-Kirche und Galerius-Bogen. Hier offenbart sich eine historische und zugleich jung gebliebene Stadt, für die man sich beim Eintauchen in das Altstadtleben schnell begeistern kann. Ein ideales Eingangstor zu den neuen Pfaden in Nordgriechenland am Fuße des Olymps.

www.thessaloniki.travel, www.fti.de

 

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