Nachrichten Deutschland – Aufdeckung von Missbrauch: „Was können wir eigentlich dafür?“ – Peter Maxwill
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Angst vor Journalisten Aufdeckung von Missbrauch: „Was können wir eigentlich dafür?“

Peter Maxwill

10.03.2010

Foto: apn Photo/Peter Brenneken

Foto: apn Photo/Peter Brenneken

Münster (apn) Die Tränen haben von ihrem Make-up nicht viel übriggelassen. Die 14 Jahre alte Schülerin blickt auf ihre Hände, die sie zwischen den Oberschenkeln knetet. „Ich versetze mich immer in die Rolle der Opfer“, flüstert sie. Die Opfer, das sind die Kinder, die vor Jahrzehnten im Münsterschen Kinderheim „Vinzenzwerk“ von Geistlichen misshandelt wurden. Das traurige Mädchen lebt in dem Heim, seit es ein Kleinkind war.

Jetzt ist sie wütend: Auf die Täter von damals, auf die voyeuristischen Medien, auf ihren Stiefvater. Der hatte die 14-Jährige als Kleinkind misshandelt, deshalb ist sie heute hier. Wie die Schülerin sind viele der 120 Kinder in dem katholischen Heim aufgewühlt, weil die Geschichte das Haus eingeholt hat.

Seit Ende Januar erste Berichte von sexuellen Übergriffen auf Schüler in den 70er und 80er Jahren im Berliner Canisius-Kolleg durch die Medien gingen, werden fast täglich neue Missbrauchsfälle in katholischen Heimen und Schulen bekannt. Auch das Vinzenzwerk machte in den vergangenen Wochen Schlagzeilen mit Vorwürfen, die in die 50er und 60er Jahre zurückreichen: Ein ehemaliger Bewohner erklärte, er sei von einem Priesteramtsanwärter missbraucht worden. Es folgten Vorwürfe auch gegen Schwestern des Ordens „Unserer Lieben Frau“, die jahrzehntelang die Heimkinder aufgezogen hatten, und denen teilweise brutale Methoden vorgeworfen wurden.

„Sobald man auf die Straße geht, wird man angesprochen“

Viele der 120 Kinder und Jugendliche, die heute im Vinzenzwerk leben, müssen laut Heimleiterin Schwester Mechtild Knüwer ihr Zuhause verteidigen. Manche wollen nicht zur Schule, andere mussten von Pädagogen nachts betreut werden, weil sie nicht einschlafen können. Ein Mädchen weigerte sich sogar, nach der Schule zurück ins Heim zu fahren: Sie hatte Angst vor Journalisten.

In der Küche der Mädchenwohngruppe „Landhaus“ diskutieren sieben Jugendliche und vier Pädagogen über die neuesten Zeitungsberichte. „Mich hat auf dem Schulhof einer gefragt, wer missbraucht wurde“, berichtet eines der Mädchen. Die 14-Jährige spielt nervös mit ihrem Lippen-Piercing und blinzelt ins Leere. „Ich finde das merkwürdig“, wirft ihre gleichaltrige Sitznachbarin ein, „was können wir eigentlich dafür?“ Die Betreuer nicken, eine Pädagogin zuckt mit den Schultern. „Nichts“, sagt Gruppenleiterin Marita Rösch-Richter.

Nicht nur die Kinder sind überfordert, auch viele Mitarbeiter müssen sich rechtfertigen, wie Erziehungsleiter Harald Weichert sagt: „Ich habe mich am Wochenende bewusst entschieden, im Nachbarort einzukaufen.“ Münsters Ortsteil Handorf, an dessen idyllischem Rand das Heim liegt, gleicht einem Dorf – und die Bewohner lesen die Lokalzeitungen offenbar aufmerksam: „Sobald man auf die Straße geht, wird man angesprochen“, sagt die Heimleiterin. „Die Nonnen, die Kinder, alle.“

Forderungen: Orden umbenennen, Heim auflösen

Die Aufnahmeanfragen seien trotz der Vorfälle nicht weniger geworden, sagt Heimleiterin Knüwer. Gestiegen seien dafür die Zahlen der Ehemaligen, die sich bei der Heimleitung als Opfer gemeldet hätten. Diese Opfer wollen laut Schwester Mechtild aber nicht zur Polizei oder an die Öffentlichkeit gehen. „Ich mache seit zwei Wochen nichts anderes mehr, als mich mit diesem Thema zu beschäftigen.“

Andere Anrufer wollten, dass das Heim geschlossen oder der Orden der Schwestern 'Unserer Lieben Frau' umbenannt wird, sagt die Heimleiterin: „Schließlich seien wir ja keine lieben Frauen.“ Vergangene Woche schloss sie sogar das Gästebuch auf der Homepage des Heims: „Ich hätte sonst jeden Tag grobe Beschimpfungen löschen müssen.“

Die Heimleitung will sich nach eigenem Bekunden dem Medienansturm trotzdem stellen. „Man kann nicht in die Defensive gehen und sich verdreschen lassen“, sagt Erziehungsleiter Weichert. Regelmäßig öffnet Schwester Mechtild den riesigen Wandschrank im Konferenzraum: Dort lagern die Akten von 2.700 Heimkindern. Das sind deutlich mehr, als das Vinzenzwerk aufheben muss. „Das ist ein Vorteil“, sagt die Heimleiterin, „aber in den Akten steht natürlich nichts von Missbrauch.“

„Die Kirche will Informationen und gibt keine weiter“

Die Heimleitung fühlt sich von der katholischen Kirche nicht ausreichend unterstützt. „Die Kirche will viele Informationen und gibt keine weiter“, sagt die Heimleiterin. Sie ist selbst Ordensschwester, seit 2000 Heimleiterin in Handorf. Die kirchliche Unterstützung des Vinzenzwerks, das dem katholischen Caritas-Verband angehört, sei jedoch verschwindend gering: „Vor acht Tagen wäre ich am liebsten aus der Kirche ausgetreten.“ (AP)

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