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11.02.2008
Mount Druitt/Australien – Als junges Mädchen fühlte sich die Australierin Mari Melito Russell häufig fehl am Platz. Sie war dunkelhäutiger als die anderen Kinder in der Schule, sie fühlte sich mehr im Wald zu Hause als in ihrem Elternhaus in Sydney, und sie hatte lebhafte Träume von einer Aborigine-Frau, die sie zu sich heranwinkte. Im Alter von 24 Jahren erfuhr sie dann die erschütternde Wahrheit, die vieles erklärte: Sie ist eines von zehntausenden Ureinwohnerkindern, die von 1910 bis 1970 vom Staat zwangsweise aus ihren Familien gerissen wurden.
Das Schicksal der sogenannten gestohlenen Generation entzweit das Land seit Jahrzehnten und stellt ein Trauma nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die nationale Psyche dar. Die neue australische Regierung von Ministerpräsident Kevin Rudd hat nun für die konstituierende Sitzung des Parlaments am kommenden Mittwoch eine offizielle Entschuldigung für das staatliche Unrecht angekündigt. Der sozialdemokratische Sieger der Parlamentswahl vom November stellt sich damit gegen seinen Vorgänger John Howard, der eine Entschuldigung über zehn Jahre lang mit der Begründung verweigerte, nicht für die Politik früherer Regierungen verantwortlich zu sein.
„Uns ist unsere Kultur entgangen, unsere Sprache, unsere Geschichte“, sagt die heute 72-jährige Russell, die in einem Vorort von Sydney lebt. Eine Entschuldigung „bringt mir mein Leben nicht zurück. Sie bringt mir meine Mutter nicht zurück. Sie macht die Schmähungen nicht ungeschehen, die ich erlitten habe, als ich aufgewachsen bin. Aber es ist wenigstens ein Anfang.“
450.000 der 21 Millionen Australier sind Aborigines. Ihre ethnische Gruppe ist die ärmste im Land, sie haben die höchsten Häftlings-, Arbeitslosen- und Analphabetenraten. Und ihre Lebenserwartung liegt 17 Jahre unter der anderer Australier.
Von 1910 bis 1970 wurden rund 100.000 Aborigine-Kinder ihren Eltern weggenommen. Grundlage waren Gesetze, wonach die Aborigine-Völker dem Untergang geweiht waren und eine Integration der Kinder in die weiße Gesellschaft eine humane Alternative sei. Eine Untersuchung über das Schicksal der „Stolen Generation“ kam 1997 zu dem Schluss, dass zahlreiche der betroffenen Kinder auch auf lange Sicht psychologische Schäden davontrugen. Die Studie forderte die Behörden zu einer Entschuldigung und zu finanzieller Entschädigung auf. Die Einzelstaaten haben sich inzwischen entschuldigt.
Entschädigungszahlungen lehnt indes auch Rudd ab. Aber er hat seine Entschlossenheit bekundet, alle Aborigines beim Streben nach besseren Gesundheits-, Bildungs- und Lebensstandards zu unterstützen. „Es geht darum, den symbolischen Bund zwischen dem indigenen und dem nicht-indigenen Australien zurechtzurücken und dann nach vorne zu schreiten“, sagte Rudd. Die Ministerin für Angelegenheiten der Ureinwohner, Jenny Macklin, hat erklärt, die Entschuldigung erfolge im Namen der australischen Regierung und weise der heutigen Generation von Australiern keine Schuld zu. Ihre Äußerungen spiegeln die Forderung vieler Australier wider, nicht für Fehler ihrer Vorfahren verantwortlich gemacht zu werden.
Die Gesetze, die den Behörden das Recht zum Kindesentzug gaben, wurden 1970 abgeschafft. Viele Aborigines sagen aber, Statistiken zufolge neige die Regierung noch immer dazu, Kinder von Aborigines viel schneller als jene von Weißen in Pflege zu geben. Die meisten Vertreter von Ureinwohnerorganisationen begrüßten die Ankündigung einer formellen Entschuldigung. „Ältere Menschen dachten, dass sie diesen Tag nie erleben würden“, sagt Christine King, deren Gruppe Stolen Generations Alliance vorab von der Regierung konsultiert wurde. Andere hingegen fordern weiter eine Entschädigung. Michael Mansell vom Tasmanischen Aborigine-Zentrum verlangt von Canberra, dafür eine Milliarde australische Dollar (600 Millionen Euro) bereitzustellen.
Die 72-jährige Russell wuchs in Sydney in einer Familie schottischer und irischer Herkunft auf. Sie sagt, ihr Vater habe sie geschlagen und sexuell misshandelt. Ihre Mutter habe geschimpft, als sie einmal ein Aborigine-Mädchen zum Spielen mit nach Hause brachte, weil das „schmutzige“ Menschen seien. Den ersten deutlichen Hinweis darauf, dass sie adoptiert war, bekam sie nach dem Tod ihrer Mutter 1959: Ihre Tante schrieb ihr einen Brief, dass sie nicht in die Familie gehöre und künftig unerwünscht sei.
Ihre Nachforschungen in Krankenhäusern, Standesämtern und sogar Schifffahrtslisten verliefen ergebnislos. Erst eine Gesetzesänderung für Adoptivkinder Mitte der 90er Jahre verschaffte ihr schließlich Zugang zu Geburtsakten. Und nun fand sie die Wahrheit heraus: Ihre leibliche Mutter war eine damals 13-jährige Ureinwohnerin, aus deren Armen sie am Tag ihrer Geburt gerissen wurde.
Mit Hilfe einer Gruppe, die Betroffenen der „Stolen Generation“ bei der Familienzusammenführung hilft, konnte Russell ihre Mutter schließlich in einem Pflegeheim im US-Staat Pennsylvania ausfindig machen und 2001 dort besuchen. „Sie fing an zu weinen, und dann wurde sie wütend und schluchzte“, erinnert sich Russell. „Sie sagte: 'Ich hatte ein kleines Mädchen, und sie haben sie mir weggenommen. Warum haben sie das getan?' Ich sagte ihr: 'Es ist okay, Mama, ich bin dieses kleine Mädchen.'“ Sie verbrachte zwei Wochen bei ihrer Mutter. Diese starb im Dezember 2007 im Alter von 84 Jahren. (AP)
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