Aktuelle Nachrichten – Deutschland
24.02.2008
Frankfurt/Main – Das bisher stärkste Grubenbeben im Saarland erschüttert eine ganze Region: 3.600 Bergleute verlieren wegen eines vorläufigen Abbaustopps erst einmal ihre Arbeit, viele Gebäude sind beschädigt und die besorgte Bevölkerung fordert den endgültigen Stopp der Kohleförderung. Ministerpräsident Peter Müller stellte bereits ein Ende der Kohleförderung in seinem Bundesland in Aussicht. Dem Landesverband der Bergbaubetroffenen Saar zufolge kommt es immer wieder zu schweren Beben, von denen 150.000 Menschen in der Umgebung betroffen seien.
Die RAG Deutsche Steinkohle, Betreiber des Bergwerks Saar, verfügte einen kompletten Abbaustopp und die vorläufige Freistellung fast aller Mitarbeiter. Für die Grubensicherheit sei bloß eine Notbelegschaft von etwa 100 der insgesamt 3.600 Mitarbeiter nötig, teilte Karlheinz Pohmer, Sprecher der RAG an der Saar, am Sonntag auf AP-Anfrage mit.
Der „Bild“-Zeitung (Montagausgabe) sagte der Ministerpräsident Müller laut Vorabmitteilung: „Es ist Sache des Unternehmens darzulegen, ob die Gefahr für Leib und Leben zweifelsfrei beseitigt werden kann. Wenn dieses nicht gelingt, ist aus meiner Sicht eine Wiederaufnahme des Bergbaus nicht möglich.“
Sollte die RAG den Betrieb komplett einstellen müssen, gebe es genügend andere Jobs im Saarland für die Kumpel, sagte Müller. „Die Zahl der Arbeitslosen ist allein im letzten Jahr um 7.000 zurückgegangen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass gegebenenfalls eine ausreichende Zahl an Ersatzarbeitsplätzen vorhanden ist“, wird der Regierungschef zitiert.
Bei dem Erdstoß im Landkreis Saarlouis nordwestlich von Saarbrücken wurde am Samstagnachmittag nach Angaben der RAG Deutsche Steinkohle eine Stärke von 4,0 gemessen, der höchste je im Saarland erfasste Wert. Die Polizei in Saarlouis berichtete von Stromausfällen und Gebäudeschäden. Verletzte habe es nicht gegeben, allerdings hätten sich einige Menschen wegen Schocksymptomen behandeln lassen. Mehr als 1.000 Menschen protestierten am Samstag spontan gegen die Folgen der Bergbaus in der Region.
Vermutungen über den möglichen Einsturz eines Schachtes wies Pohmer zurück. In den kommenden Tage solle nun nach der Ursache für das Erdbeben gesucht und mit der Landesregierung das weitere Vorgehen beraten werden.
Weil die Behörden und der Bergwerksbetreiber die Ängste der Bevölkerung nicht ernst nähmen, sei der soziale Friede nachhaltig gestört, erläutert der Landesverband der Bergbaubetroffenen Saar.
Anwohner berichteten von vor Angst schreienden Kindern. Bilder und Lampen seien von Wänden und Decken gestürzt. Geflickte Mauerrisse von früheren Erdbeben brachen wieder auf, weitere bildeten sich neu. Ein Auto wurde von einem abstürzenden Schornstein getroffen. Mehrere weitere Schornsteine gelten als einsturzgefährdet. Eine erheblich in Mitleidenschaft gezogene Kirche in Saarwellingen, von deren Turm Bauteile abstürzten, erwies sich nach Behördenangaben nach einem ersten Gutachten als standfest. Sie wurde aber geschlossen.
Für betroffene Bürger wird es laut RAG eine unbürokratische Schadensregulierung geben. „Wir entschuldigen uns für alle Folgen, die dies Erderschütterung ausgelöst hat, und werden alles tun, um vor Ort zu helfen“, erklärte Vorstandschef Bernd Tönjes am Sonntag. Über die Schadenshöhe können laut RAG noch keine Aussagen gemacht werden. Nach Worten des Vorstandsvorsitzenden konnte das Unternehmen mit Ereignissen dieses Ausmaßes aber nicht rechnen. In Saarwellingen wurde ein Schadenszentrum eingerichtet, das auch über eine kostenlose Hotline unter 0800-1010204 zu erreichen ist. Zudem stünden RAG-Mitarbeiter vor Ort für Fragen und Hilfe zur Verfügung. (AP)
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