Aktuelle Nachrichten – Feuilleton
19.02.2012
Foto: Axel Schmidt/dapd Photo
Berlin – Mit einer tiefen symbolischen Verneigung vor den beiden über 80-jährigen Regie-Brüdern Paolo und Vittorio Taviani ist die 62. Berlinale zu Ende gegangen. Höchstens Außenseiterchancen waren ihrem halbdokumentarischen Werk "Caesar Must Die" eingeräumt worden, in dem Schwerverbrecher in einem römischen Gefängnis eine Shakespeare-Inszenierung einstudieren. Doch die Jury um Präsident Mike Leigh überraschte – und entschied sich für ein menschlich anrührendes Kammerspiel.
An dem vorwiegend in Schwarz-Weiß gedrehten Film schieden sich die Meinungen der Kritiker. Ein Dokumentarfilm über die Häftlinge ohne fiktionale Elemente hätte stärker sein können, hieß es. Andere lobten gerade die Verquickung von Fiktion und Realität. Überraschend ist die Wahl des Werks der Taviani-Brüder aber auch, weil die Berlinale sich gerne als politischtes aller Film-Festivals positioniert. Und politisch ist der Gewinner-Film auf den ersten Blick nicht. Im weiteren Sinne aber schon: Shakespeares Werk handelt von Werten wie Freiheit, Vertrauen und Treue.
Allerdings muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass auch "Caesar Must Die" – wie die meisten Gewinner des Goldenen Bärens – kein Leinwandhit werden wird. Aber um Kriterien, wie ein Film auf das breite Publikum wirken könnte, scherte sich offenbar noch keine Berlinale-Jury. Die einzigen beiden Produktionen, die auch im Kino erfolgreich sein könnten, erhielten auch in diesem Jahr keine Trophäen: Billy Bob Thorntons Tragikkomödie "Jayne Mansfield's Car" und der Kostümfilm "Leb wohl, meine Königin" mit Diane Kruger und Lea Seydoux.
Bären für den deutschen Film
Es ging aber auch in diesem Jahr wieder politisch korrekt zu. Die 14-jährige Laien-Schauspielerin Rachel Mwanza wurde für ihre Rolle als afrikanische Kindersoldatin in dem Film "War Witch" geehrt. Sie selbst war zwar keine Soldatin, lebte aber als Straßenkind in schwierigsten Verhältnissen im Kongo. Und wurde dann vom kanadischen Regisseur Kim Nguyen entdeckt. Auch ein anderer politischer Film wurde mit einem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury, geehrt: "Just The Wind" von Bence Fliegauf schildert auf Basis realer Ereignisse eine Mordserie an Roma in Ungarn.
Der deutsche Film schnitt wieder einmal gut ab. Allerdings hatte man sich insgeheim sogar ein wenig mehr ausgerechnet, als den Silbernen Bären für Christian Petzold als bester Regisseur. Sein Drama "Barbara" über eine Anfang der 80er Jahre in der DDR lebende Ärztin, die zu ihrem Geliebten in den Westen flüchten möchte, galt vor der Verleihung als Favorit. Und auch Nina Hoss hätte für die facettenreiche Darstellung der Medizinerin eine Auszeichnung verdient gehabt.
Obwohl die beiden anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge "Gnade" von Matthias Glasner und "Was bleibt" von Hans-Christian Schmid leer ausgingen, gab es einen weiteren Bären für einen deutschen Künstler. Lutz Reitemeier erhielt die Trophäe für seine Kameraführung in "White Deer Plain" des chinesischen Regisseurs "Wang Quan'an, einem bildgewaltigen, über dreistündigen Historiendrama.
Wettbewerb eher schwach
Die Qualität des Wettbewerbs insgesamt war nach Meinung vieler Kritiker in diesem Jahr eher schwach. Große Regisseure scheinen die Festspiele mittlerweile zu meiden. Statt Steven Spielberg, Pedro Almodovar, Ken Loach, Terrence Malick, Aki Kaurismäki oder David Cronenberg kämpfen vornehmlich unbekannte Filmemacher um den Goldenen und die Silbernen Bären. Viele Regie-Stars meiden Berlin, weil die mächtigen Studios und Produzenten ihre Premieren lieber weltweit synchron starten lassen. Oder sie bei angenehmeren Temperaturen die beiden anderen A-Festivals in Cannes oder Venedig bevorzugen.
Ein anderer Fall sind Hollywoodstars, die erstmals Regie führen. Sie nutzen die Berlinale gerne als Plattform, wie jüngst Angelina Jolie, die ihr Debüt "In The Land Of Blood And Honey" über den Balkankrieg auf der Berlinale präsentierte – allerdings außerhalb des Wettbewerbsprogramms.
Nicht zuletzt durch Jolie, die gleich ihren Lebensgefährten Brad Pitt mitbrachte, war der Glamourfaktor trotz klirrender Kälte in diesem Jahr hoch: Neben dem Hollywood-Traumpaar sorgten Teenieschwarm Robert Pattinson, Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan, Meryl Streep, Salma Hayek, Diane Kruger, Isabelle Huppert und Clive Owen für Glanz.
Eher unspektakulär ging nunmehr die 62. Berlinale mit der Ehrung der beiden Taviani-Brüder zu Ende.
((dapd)
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