Aktuelle Nachrichten – Deutschland
15.07.2011
Foto: AP Photo/Archiv)
Berlin – Schon vor Beginn des Mauerbaus vor fast 50 Jahren war das Schicksal der DDR nach Einschätzung des Historikers Manfred Wilke besiegelt. Das habe auch SED-Chef Walter Ulbricht gewusst. "Durch den Mauerbau hat sich die SED 28 Jahre Zeit erkauft", sagte der ehemalige Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin im dapd-Interview.
Ulbricht habe schon 1962 an den sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow geschrieben, dass die DDR bei einer offenen Grenze den Konkurrenzkampf mit dem Westen nicht bestanden hätte. "Ihm war also klar, dass sein Staat den Systemwettbewerb schon verloren hatte", analysierte der SED-Experte, der vor kurzem sein neues Buch "Der Weg zur Mauer – Stationen der Teilungsgeschichte" veröffentlichte.
Die Mauer war nach seiner Darstellung ein letzter Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Dies sei nicht nur in enger Abstimmung der DDR- mit der UdSSR-Führung geschehen, sondern sogar auf Befehl Chruschtschows. Ulbricht habe zwar auf die Abschottung gedrängt, doch entschieden habe allein der KPdSU-Chef. "Es oblag nicht der SED, eigenmächtig zu entscheiden, was in Berlin zu geschehen hatte", sagte Wilke.
Die Entwicklung hin zur Teilung habe schon Jahre zuvor begonnen. Mit dem Berlin-Ultimatum 1958 habe Chruschtschow versucht, die westlichen Alliierten aus Berlin zu verdrängen, sagte Wilke. Planungen für den Bau einer Mauer habe es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Da US-Präsident John F. Kennedy jedoch auf dem Status Quo beharrt habe, sei es in Moskau zu einem Umdenken gekommen. Die Planungen für eine Grenzschließung hätten in der SED spätestens ab Anfang 1961 konkrete Formen angenommen. "Ulbricht brauchte die Grenzsperrung, um den Flüchtlingsstrom aus der DDR in den Westen zu stoppen", erklärte Wilke.
Bis August 1961 sei die Grundsatzentscheidung zur Grenzschließung gefallen, anschließend sei es darum gegangen, diese nach außen zu legitimieren. Dazu habe vor allem der Politisch Beratende Ausschuss des Warschauer Pakts gedient. Mit der Aufforderung, die Grenze zu West-Berlin unter Kontrolle zu bringen, habe das Gremium das Schlüsseldokument zur politischen Legitimation der Grenzschließung verabschiedet, sagte Wilke.
Am 10. August habe der neue sowjetische Oberbefehlshaber in Berlin, Marschall Iwan Konew, die zuständigen DDR-Minister über das Okay aus Moskau informiert. Dass der DDR-Ministerratsbeschluss, der zwei Tage später getroffen wurde, rein formaler Natur war, mussten auch die DDR-Granden nach Wilkes Aussage schnell einsehen: "Als seine Mitglieder von Ulbrichts Landhaus aufbrachen, fuhren sie an den Panzerkolonnen vorbei, die um Berlin in Stellung gebracht wurden, die Entscheidung zur Grenzschließung hatten offensichtlich andere vor ihnen getroffen", sagte Wilke mit Blick auf den Ministerrat..
In den Morgenstunden des 13. August 1961 begann die Abriegelung der West-Sektoren. Der Sonntag war laut Wilke bewusst gewählt worden. In einer Besprechung zu den Details des Vorgehens hätten sich Ulbricht und Chruschtschow darauf verständigt, die Ruhe des Wochenendes zu nutzen. Auch dass Haustüren, die in die West-Sektoren führten, zugemauert werden sollten, wurde geregelt. Nichts wurde an diesem Sonntag dem Zufall überlassen, um die DDR mit dem "antifaschistischen Schutzwall" gegen die BRD abzuschirmen. (dapd)
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