Foto: Winfried Rothermel/apn Photo
Düsseldorf (apn) Bio-Baumwolle im Zwielicht: Nach Recherchen der Zeitschrift „Financial Times Deutschland“ (“FTD“) sind erhebliche Mengen angeblich ökologisch produzierter indischer Baumwolle in Wirklichkeit gentechnisch verändert worden. Es gehe um Betrügereien in „gigantischem Ausmaß“ zitierte die Zeitung den Direktor der indischen Agrarbehörde Apeda, Danja Dave. Auch in Deutschland aktive Textilhandelsketten könnten betroffen sein.
Im deutschen Einzelhandel sorgte der Bericht für helle Aufregung. Die Telefondrähte glühten derzeit, hieß es am Freitag in Branchenkreisen. Die Unternehmen versuchten zu klären, inwieweit sie selbst betroffen seien.
Laut „FTD“ hatten die indischen Behörden bereits im April 2009 den Betrug mit Bio-Baumwolle aufgedeckt. Dutzende Dörfer hätten zusammen mit westlichen Zertifizierungsfirmen große Mengen gentechnisch veränderter Baumwolle in den Handel gebracht. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Baumwolle auch in Deutschland auf den Markt gekommen sei, berichtete die Zeitung. Aus Indien stammt dem Bericht zufolge rund die Hälfte der gesamten Bio-Baumwolle.
Das Blatt zitierte den Leiter des unabhängigen Labors Impetus in Bremerhaven, Lothar Kruse: „Etwa 30 Prozent der Biobaumwollproben sind gentechnisch verändert.“
Die bei Bio-Baumwolle sehr aktive Textilhandelskette C&A kündigte an, sie werde „umgehend eine gründliche Untersuchung vor Ort in Indien durchführen“. Außerdem habe das Unternehmen Kontakt zu den Zertifizierungsunternehmen aufgenommen, die die Einhaltung der Öko-Standards kontrollierten. Falls sich der Verdacht erhärte, werde man entschiedene Maßnahmen ergreifen. Dennoch wolle C&A im Bereich Bio-Baumwolle engagiert bleiben.
Ein Tchibo-Sprecher betonte, das Unternehmen sei nicht von dem Skandal betroffen. „Unsere aktuellen Produkte werden aus Bio-Baumwolle hergestellt, die in der Türkei angebaut wurde.“ Aus dem Gebiet in Indien, wo es die Betrügereien gegeben haben solle, habe man definitiv kein Material bezogen.
Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner übte scharfe Kritik an der Industrie. „Der Vorgang hätte unverzüglich öffentlich gemacht werden müssen“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstagsausgabe). „Ich erwarte, dass Produzenten und Lieferanten den Fall schnell und lückenlos aufklären.“ Die Verbraucherinnen und Verbraucher dürften nicht getäuscht werden.
Die Sprecherin des gemeinnützigen, für die Produzenten in der Dritten Welt eintretenden Hilfsvereins Transfair, Claudia Brück, sagte zu gentechnischen Verunreinigungen: „Das ist ein großes Problem.“ Die Bio-Baumwolle könne sowohl beim Anbau als auch bei der Verarbeitung verunreinigt werden.
Andererseits sähen aber auch viele Produzenten keinen Widerspruch zwischen Bio-Anbau – also dem Verzicht etwa auf Pestizide – und der Verwendung gentechnisch veränderten Saatguts. Schließlich sei Baumwolle ein extrem anfälliges Naturprodukt und die Bereitschaft in Europa, für Bio-Baumwolle höhere Preise zu zahlen, sei noch immer gering.
Agrarexperte Martin Hofstetter von Greenpeace erklärte, wenn es heiße, dass 30 Prozent der Bio-Baumwolle kontaminiert seien, höre sich das nach einem sehr hohen Anteil von gentechnisch veränderten Fasern an. Dabei gelte eine Fuhre bereits dann als kontaminiert, wenn durch Pollenflug ein Gentechnik-Anteil von ein bis zwei Prozent festgestellt werde. (AP)
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