Kultur – Bissig, humorvoll, spöttisch und sozialkritisch – Holger Mehlig
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Bissig, humorvoll, spöttisch und sozialkritisch

Holger Mehlig

08.01.2008

Unser Foto aus dem Jahre 1925 zeigt den Zeichner und Karikaturisten Heinrich Zille, den die Berliner Arbeiter "Pinselheinrich" und "Vater Zille" nannten, umringt von Freunden. (AP Photo/ADN-Zentralbild)
Unser Foto aus dem Jahre 1925 zeigt den Zeichner und Karikaturisten Heinrich Zille, den die Berliner Arbeiter "Pinselheinrich" und "Vater Zille" nannten, umringt von Freunden. (AP Photo/ADN-Zentralbild)

Berlin – Er ist eines der größten Berliner Originale. Bissig, humorvoll, spöttisch und mit viel Liebe zum Detail hielt Heinrich Zille das soziale Elend in den Berliner Mietskasernen und Hinterhöfen der Kaiserzeit in seinen Zeichnungen fest. Sein Thema war das proletarische „Berliner Milljöh“ – und das, obwohl er gar kein Berliner war: Geboren wurde Zille vor 150 Jahren, am 10. Januar 1858, im sächsischen Radeburg.

Zille zeichnete nicht nur. Er machte auch mit scharfzüngigen Kommentaren zu seinen Werken Schlagzeilen. Unter einer Zeichnung ist beispielsweise als Bildunterschrift zu lesen: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken.“ Den Satz sagt sichtbar stolz ein kleines schwindsüchtiges Mädchen zu seiner Mutter.

Zille konzentrierte sich darauf, pointiert sowohl die existenziellen Abgründe als auch den liebenswerten Alltagshumor der „kleinen Leute“ und Verlierer seiner Zeit darzustellen. Mit dem Bildband „Mein Milljöh“ und den Zyklen „Berliner Luft und Hurengespräche“ erregte er wegen der ungeschminkten Darstellung von Prostituierten den Unwillen von Moralaposteln.

Gerühmt wurde sein Einfühlungsvermögen. Der Volksmund bezeichnete ihn liebevoll als „Pinselheinrich“. Aber es gab auch Kritiker, die wenig mit seiner Kunst anfangen konnten und Zille abfällig „Berliner Abort- und Schwangerschaftszeichner“ nannten. Seine bitterbösen, sozialkritischen Zeichnungen stießen in der Wilhelminischen Zeit nicht immer auf Gegenliebe. Die Kontroversen um den populären Künstler halten bis heute an.

Was weniger bekannt ist: Zille war nicht nur Illustrator und Grafiker, sondern auch Fotograf. Seine Fotografien zählen heute zu den bahnbrechenden Leistungen der internationalen fotografischen Moderne. Sie entstanden als Vorlagen für die genaue Darstellung der Figuren in seinen Zeichnungen und Grafiken.

Flucht vor den Schuldeneintreibern

Zilles Kindheit war durch bittere Armut geprägt, da sein Vater als Goldschmied nie genug verdiente. Als er neun Jahr war, flüchtete seine Familie aus Angst vor Schuldeneintreibern nach Berlin. Hier besuchte er die Volksschule und wurde gegen den Willen seiner Eltern Lithograph. Nebenbei nahm er Unterricht an der Königlichen Kunstschule beim Illustrator Theodor Hosemann. Der war ein humorvoller Beobachter des Altberliner Kleinbürgers und gab Zille den Rat: „Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie, beobachten Sie selber.“

Nach Ende der Studien 1875 arbeitet Zille in verschiedenen Betrieben. Er zeichnete Werbemotive und Muster für Damenmoden, er arbeitete auch als Porträtist. 1877 wurde er Geselle bei der Photographischen Gesellschaft, wo er von nun an 30 Jahre Fotos in Druckvorlagen umsetzte. In seiner zweijährigen Militärzeit als Grenadier in Frankfurt/Oder ab 1880 entstanden viele Soldatenbilder. Kurz nach dieser Zeit heiratete er die Lehrertochter Hulda Frieske, sie bekamen drei Kinder.

1901 veröffentlichten die Zeitschriften „Simplicissimus“ und „Jugend“ die ersten Zeichnungen Zilles. Zwei Jahre später nahm ihn die Künstlergruppe „Berliner Secession“ auf. Er befreundete sich unter anderem mit Max Liebermann und Käthe Kollwitz. Erst nach seiner Entlassung bei der Photographischen Gesellschaft 1907 begann Zille als freier Künstler zu arbeiten. Und hatte Erfolg: Galeristen bemühten sich um ihn, er verkaufte Werke auch an Privatsammler.

Seine Radierungen und Zeichnungen wurden vom Kupferstichkabinetten und der Nationalgalerie in Berlin erworben und in Alben zusammengefasst. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg trafen ihn Schicksalschläge: 1919 starb seine Frau, bald darauf sein Sohn und seine Schwiegertochter. 1924 wurde Zille Mitglied der Akademie der Künste. Den Höhepunkt seines Ruhms erreichte er einen Jahr vor seinem Tod: Das Märkische Museum ehrte ihn mit einer Retrospektive.

Der Lebensmut hatte ihn da aber schon verlassen. Zille starb am 9. August 1929 in Berlin. Er erhielt auf dem Stahnsdorfer Friedhof ein Ehrenbegräbnis. Erst 1970 wurde er zum 80. Berliner Ehrenbürger ernannt.

Zum 150. Geburtstag ehrt ihn das Zille-Museum in Berlin mit einem Festprogramm am 10 und 11. Januar. Außerdem gibt es seit kurzem eine 55-Cent-Sonderbriefmarke, die eine Gesellschaft in einer Altberliner Destille zeigt.

http://www.zillemuseum-berlin.de/ (AP)

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