Foto: AP Photo/Tobias Schmidt
Stone Town/Tansania (apn) „Wir appellieren an die Regierung sicherzustellen, dass ein vergleichbares Problem nicht wiederkehrt“, erklärt Abdallah Abasi, Chef der Handelskammer von Sansibar. Ein vergleichbares Problem? Genau drei Monate war die exotische Gewürzinsel 50 Kilometer vor der ostafrikanischen Küste ohne Saft. Wegen einer Panne im Kraftwerk Fumba war das Unterseekabel nach Tansania, das Sansibar wie eine Nabelschnur mit Strom versorgt, gekappt.
In der heißesten Jahreszeit mussten Einwohner und Touristen des Tropenparadieses ohne Ventilatoren, ohne Klimaanlagen, ohne elektrisches Licht auskommen. Hinzu kam eine kritische Trinkwasserknappheit. Für die Tourismusbranche, wichtigste Einnahmequelle der Insulaner, eine Katastrophe. Doch von Wut auf die Regierung, von Protesten, Unruhen keine Spur. „Hakuna Matata“, sagt Jonathan noch wenige Tage vor dem Ende des Blackouts. „Keine Probleme“. Das ist das Inselmantra. „Wir warten einfach, bis der Strom wieder da ist.“
Jonathan führt Touristen durch die beiden erhaltenen Zellen des Sklavenmarktes an der Creek Road. Eineinhalb Meter niedrige Steinverliese, in die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts je bis zu 40 Männer, Frauen und Kinder gepfercht wurden, bis sie für die Sklavenarbeit auf Madagaskar oder Réunion weiterverkauft wurden. Bis zu 150 Menschen wurden auf dem Sklavenmarkt pro Tag umgeschlagen wie Vieh. Normalerweise stehen die Touristen vor dem St. Monica's Hostel, durch das man in die Verliese gelangt, Schlange. „Seit Beginn des Blackouts läuft das Geschäft schlecht“, sagt Jonathan. „Inshalla.“
Die Gelassenheit der Sansibari ist schwer zu begreifen. „Auf dem Festland hätten sie längst einen Aufstand gemacht“, sagt ein deutscher Diplomat. Nicht so auf der halbautonomen Inselgruppe. Der Diplomat vermutet bei den Insulanern eine Mischung aus Resignation und der bewundernswerten Gabe, Probleme schlicht zu ignorieren.
So scheint es, wenn man durch die stromlose Stone Town schlendert, der Altstadt wie aus 1001 Nacht. Im geheimnisvollen Labyrinth der Kopfsteingassen, wo sich gedrungene Häuser im arabischen Stil, großzügige Sultanspaläste und reich verzierte indische Fassaden aneinanderschmiegen, scheint die Zeit vor hunderten Jahren stehengeblieben zu sein. Am kleinen Markt an Ecke 138 kommt es zum Verkehrskollaps: Ein Händler, der mit seinem Fahrrad Säcke mit Mangos transportiert, ein Schneider mit leuchtend bunten Khangas auf dem Handkarren und ein Zementlieferant mit vorgespanntem Esel wollen gleichzeitig die Kreuzung passieren.
Am staubigen Straßenrand köchelt Kaffee auf einem Holzkohlestövchen, Männer in Kanzu und Kofia spielen das tansanische Brettspiel Bao. Zwei junge Frauen mit kanarienvogelgelben Khangas laben sich an saftigen Mango-Scheiben und lachen über den Besucher, zu dessen Füßen sich eine Pfütze aus Schweiß ausbreitet.
„Karibu sana“ ruft ein Verkäufer, „herzlich willkommen“. In seinem dunklen Laden duftet es nach Nelken, Kardamon und Ylang-Ylang-Blüten. Noch reizvoller ist sein Kühlschrank voll Colaflaschen. Doch das Gerät ist zurzeit nur Attrappe, das Erfrischungsgetränk 35 Grad warm. Die Frage nach gekühlten Getränken erwidert der Kaufmann mit einem spöttischen Lächeln. Hakuna Matata.
Viele Menschen haben sich in dem Mangel eingerichtet, was bleibt ihnen anderes übrig. Doch Rick ist frustriert. Er sitzt mit zwei Kollegen auf seinem Kahn, den sie in den Schatten von Dattelpalmen an den weißen Strand gezogen haben. Eine Szene wie aus der Bacardi-Werbung. Normalerweise hat Rick keine Zeit zur Muße, dann fährt er zum Fischen raus oder bringt Taucher zu den Riffs im türkisfarbenen Indischen Ozean. „Wegen des Stromausfalls bleiben die Touristen zu Hause, das Geschäft in der Hauptsaison ist dieses Jahr ausgefallen“, sagt er.
Und schimpft: „Ihr in Europa macht Strom mit Sonne. Wir haben viel mehr Sonne, warum ist noch kein Minister auf die Idee gekommen, damit Energie zu gewinnen?“
Vielleicht gibt der größte Mega-Blackout in der Geschichte Sansibars den Anstoß zum Umdenken. Noch zögert die Regierung mit den notwendigen Investitionen in Infrastruktur und Know-how. Noch hängt Sansibar am seidenen Faden, und der reißt regelmäßig. Schon 2008 waren die Sansibari einen Monat ohne Elektrizität.
Aber so heftig wie diesmal war es noch nie, wie auch Insel-Präsident Amani Abeid Karume weiß. „Die Wirtschaft leidet enorm“, räumte er ein. Zahllose Reisen wurden storniert. Dieseltreibstoff für Stromgeneratoren konnten sich nur die großen Hotels leisten. Und von der Trinkwasserknappheit waren auch die Krankenhäuser betroffen. Experten des schwedischen Konzerns Ericson gelang es erst in der zweiten Märzwoche, die Leitung zu flicken und das Kraftwerk wieder hochzufahren.
Immerhin: Ein britisch-schwedisch-norwegisches Konsortium hat jetzt den Auftrag erhalten, ein Notfall-Kraftwerk mit 25-Megawatt Leistung auf Sansibar zu bauen. Ein erster Schritt, um die Abhängigkeit vom Festland zu drosseln. (AP)
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