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Aktuelle Nachrichten – Wirtschaft

A380-Auslieferung Blues in Toulouse

Tobias Schmidt

18.09.2008

Ein Arbeiter montiert einen Airbus A 380 in Toulouse, Frankreich.  (AP Photo/Remy Gabalda, File)
Ein Arbeiter montiert einen Airbus A 380 in Toulouse, Frankreich. (AP Photo/Remy Gabalda, File)

Toulouse – Am Freitag soll bei Airbus in Toulouse endlich wieder gefeiert werden. Eine Woche nach der bitteren Ankündigung von neuen Sparmaßnahmen und Produktionsverlagerungen und nach der Stornierung eines Mega-Auftrags der US-Luftwaffe ist der Champagner kalt gelegt. Der Grund: Die dritte A380-Auslieferung soll gebührend bejubelt werden.

Die Partystimmung wird nicht alle erfassen. Die Mitarbeiter wissen, dass bei der Produktion des Flagschiffs noch längst nicht alles rund läuft – mehr als zwei Jahre nach Bekanntwerden der Probleme. Die Sorge vor weiteren Verzögerungen ist zu spüren, und damit auch die Angst vor der Zukunft: Schon die bisherigen A380-Pannen nötigen Airbus zum Abbau von 10.000 Stellen.

„Eigentlich dürften wir uns vor Arbeit nicht retten können“, sagt ein 53-jähriger Ingenieur aus Deutschland. Er sitzt in der Kantine vor der „Kathedrale“, wie die gewaltige A380-Endmontagehalle in Toulouse-Blagnac genannt wird, und knabbert lustlos an seinem Hühnchen. „Aber immer wieder werden wir zum Däumchendrehen verdammt. Mal ist eine Maschine blockiert, mal versiegt der Materialzufluss, am nächsten Tag fehlt eine Genehmigung.“ Seinen Namen will er nicht in der Zeitung sehen.

Zwangspause auf der Werkzeugkiste

Vor wenigen Monaten hat Airbus-Chef Thomas Enders den Zeitplan mal wieder nach hinten verschoben. Man habe die Schwierigkeiten bei der Umstellung auf die Serienproduktion unterschätzt, räumte er ein. Noch immer muss jeder A380 weitgehend von Hand zusammengeschraubt werden. „Wir sitzen hier oft auf unserer Werkzeugkiste und warten, dass wir anfangen können“, sagt ein anderer deutscher Ingenieur. „Keine Ahnung, warum die Koordinierung der Arbeit noch immer nicht funktioniert. Da wird viel schöngeredet.“

Aus der Konzernspitze werde immer behauptet, jetzt werde richtig Gas gegeben, sagt sein Tischnachbar, wie die meisten Werksarbeiter im blau-weißen Airbus-Polohemd mit Firmenlogo. „Aber hier dampft nichts.“ Außer den Zigaretten, die auf der Terrasse reichlich und in entspannter Atmosphäre geraucht werden. Schließlich ist Freitag. Und nach der Mittagspause beginnt für viele das Wochenende.

2.500 Deutsche sind noch in Toulouse stationiert, um den Kabelsalat zu beheben, der im Hamburger Werk entstanden ist. Das sorgte für böses Blut. Der Chef des Mutterkonzerns EADS, Louis Gallois, heizte die Stimmung an. Vor Journalisten bemerkte er, die Deutschen stünden ganz schön lange vor den Kaffeeautomaten.

Und dass die Kollegen aus dem Osten 135 Euro pro Tag Auslandszulage bekommen, wurde von französischer Seite mehrfach hervorgehoben. Die Lokalpresse will herausgefunden haben, dass das Wort „sales boches“ (etwa: deutsche Dreckschweine) wieder häufig im Umlauf sei. Von Tätlichkeiten war die Rede.

„Die Franzosen haben alle Zeit der Welt“

Airbus-Chef Thomas Enders – ein Deutscher – stellte klar, die entsandten Mitarbeiter seien „keine Invasionsarmee“. Und kündigte an, den Großteil ab kommendem Jahr abzuziehen. „Der Witz ist, dass wir sie nicht unbedingt gebraucht hätten“, sagt der 53-Jährige, und löffelt seine Crème brûlée. „Die Chefs sind nach dem Motto vorgegangen: 'Viele Leute schaffen viel'. So ein Kappes. Wenn tausend Deutsche hier wären, kämen wir auch zurecht.“

Immerhin, Berichte über deutsch-französische Feindseligkeiten lassen sich vor Ort nicht bestätigen. Es sind eher Missverständnisse. Man schraubt zwar das größte Passagierflugzeug der Welt zusammen, bleibt aber doch getrennt. Denn die Arbeit am A380 ist strikt nach Nationen aufgeteilt. So reicht es gerade für ein 'bonjour' am Werkstor. Und so kommen sich die Mitarbeiter wenigstens nicht ins Gehege. „Wir arbeiten ja nach deutschem Standard“, sagt ein Projektleiter aus Hamburg, der nur für drei Wochen in Toulouse ist. „Die Franzosen haben alle Zeit der Welt, es ist halt das südländische Temperament.“

„Die Deutschen sitzen auf ihren Werkzeugkisten und werfen uns Gemütlichkeit vor“, wundert sich ein einheimischer Ingenieur. Er hat mit seinen Kollegen zum Mittagessen eine Flasche Rosé getrunken, das hat offenbar die Zungen gelöst. „Die Stimmung ist trübe, viel trüber als vor fünf Jahren“, sagt der Wortführer der Gruppe. „Ich brauche noch fünf Jahre bis zu Rente. So lange geht es hier hoffentlich noch weiter.“ (AP)

 

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