Aktuelle Nachrichten – Gesundheit
13.06.2009
Jena – So sieht der Alptraum einer werdenden Mutter aus: Das Leben ihres ungeborenen Kindes und ihr eigenes wird von einer schweren, unheilbaren Krankheit bedroht. Die Medizin kann nur die Symptome lindern. Sie ist noch nicht in der Lage, die Komplexität der Erkrankung wirklich zu verstehen. Für vier bis sieben Prozent aller Schwangeren wird der Alptraum bittere Realität. Sie leiden unter Präeklampsie, einer der häufigsten schweren Schwangerschaftserkrankungen.
„Dieser neu in der Schwangerschaft auftretende Bluthochdruck kann zu lebenslangen Folgen für die Frau und zur Mangelversorgung des Ungeborenen führen“, warnt Ekkehard Schleußner von der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Jena. Durch eine Leistungseinschränkung des Mutterkuchens kann der Fötus verzögert wachsen oder gar absterben. In vielen Ländern steht Schwangerschaftshochdruck an erster Stelle der mütterlichen Todesursachen und ist auch für 20 bis 25 Prozent der kindlichen Todesfälle verantwortlich.
Erste Anzeichen einer Präeklampsie sind erhöhter Blutdruck von mehr als 140 zu 90, Eiweißausscheidungen über den Urin und Wasseransammlungen im Gewebe. Hinzu kommen neurologische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen. Auslöser ist meist eine verminderte Durchblutung der Plazenta ab der frühen Schwangerschaft, die sich später zu einer generalisierten Erkrankung des gesamten Gefäßsystems der Frau ausweitet. Bei der Mutter steigt die Gefahr von Hirnblutungen.
Die Blutgerinnung ist durch die verminderte Anzahl der Blutplättchen gestört. Die Eiweißausscheidungen sind Zeichen für eine Störung der Nierenfunktion. „Mit besonders schweren Komplikationen ist zu rechnen, wenn die Krankheit vor der 28. Schwangerschaftswoche auftritt“, sagt Schleußner. „Die einzige ursächliche Therapie – die Beendigung der Schwangerschaft – ist dann nur mit hohen Risiken durch die extreme Frühgeburt möglich.“
Eine lebensbedrohliche Komplikation der Präeklampsie sind schwere Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit. Sie kann zudem von akutem Nierenversagen, Hirnödem, Thrombosen und Blutungen begleitet sein. Betroffen ist nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Gestose-Frauen eine von 1.300 Schwangeren. Die Geburt muss dann sofort eingeleitet werden. Jedes dritte Ungeborene stirbt trotzdem.
Eine ebenfalls seltene und schwere Sonderform der Schwangerschaftskrankheit ist das HELLP-Syndrom, das von massiven Oberbauchschmerzen begleitet wird. Durch eine Störung der Mikrodurchblutung wird die Leber geschädigt. Es drohen Leberversagen und schwere Gerinnungsstörungen. Die Gefahr, dass das Neugeborene stirbt, steigt um 50 Prozent.
Zu den Risikogruppen der Präeklampsie gehören Frauen, die sehr früh oder sehr spät gebären, Erstgebärende sowie Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft an Diabetes oder Bluthochdruck litten. Gefährdet sind auch stark übergewichtige sowie familiär belastete Frauen. Nach Angaben Schleußners sind auch nach einer Präeklampsie weitere Schwangerschaften möglich. Das Risiko, wieder zu erkranken, liegt bei diesen Frauen nach neuesten Studien allerdings 19-fach höher als bei anderen Schwangeren. Nötig sei dann eine intensivere Schwangerenvorsorge und gegebenenfalls Medikamente zur funktionalen Verbesserung der Plazenta, betont der Professor.
Bei der Suche nach den Ursachen sind die Mediziner dem Experten zufolge in den vergangenen Jahren ein großes Stück vorangekommen. So weiß man heute, dass Störungen in der frühen Entwicklung der Plazenta und bei deren Hineinwachsen in die Gebärmutterwand die Ursache für die schwere Erkrankung Monate später sind. Neueste Forschungen zeigen, dass von der Oberfläche der Plazenta Mikro- und Nanopartikel ins mütterliche Blut abgegeben werden und dort Entzündungsreaktionen an den Gefäßen auslösen. Das ruft dann die schweren Symptome an verschiedensten Organen hervor.
Auch bei der Früherkennung hat die Forschung Fortschritte gemacht. So wurden auf einem Gestose-Kongress Anfang April in Jena weitere neue Marker vorgestellt, die lange vor dem Ausbruch der Krankheit im Blut nachgewiesen werden können. Am Jenaer Klinikum werden per Laser Veränderungen an den Wänden kleinster Blutgefäße am Augenhintergrund untersucht. Das ist ebenfalls weit vor den ersten Symptomen möglich.
Die Behandlung konzentriert sich vor allem auf die medikamentöse Senkung des Blutdrucks und die Hemmung der Blutgerinnung bei HELLP-Patientinnen. Bei leichten Symptomen wird körperliche Schonung sowie abwechslungsreiche Ernährung empfohlen. Verstärken sich die Krankheitsanzeichen muss die Patientin im Krankenhaus überwacht werden. Ein Kaiserschnitt ist notwendig, wenn sich Komplikationen einstellen.
Bislang kaum bekannt waren die Langzeitfolgen von Präeklampsie. Frauen haben dann ein lebenslang erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen. „Das sollte in der weiteren Betreuung durch die Hausärzte unbedingt berücksichtigt werden, rät Professor Schleußner.
http://www.gestose-frauen.de (AP)
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