Top-Themen – Bollywood statt Buddhismus – Matthew Rosenberg
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Bollywood statt Buddhismus

Matthew Rosenberg

10.12.2006

Ein Überblick auf die Stadt Gangtok. (AP Photo/Mustafa Quraishi)
Ein Überblick auf die Stadt Gangtok. (AP Photo/Mustafa Quraishi)

Gangtok/Indien – Morgengrauen im Enchey-Kloster: Junge Mönche singen buddhistische Gebetslieder, ein alter Lama läutet helle Glocken. Aber die Idylle im alten Himalaya-Königreich Sikkim trügt. Zwischen den traditionellen Gesängen summt ein Mönch im roten Gewand die Melodie aus einem Bollywood-Film: „Rock 'n roll soniye, dole ye man tere liye“ (Rock 'n Roll, mein Liebling, mein Herz tanzt für dich). Nach mehr als einem Jahrhundert Fremdherrschaft kämpft das alte buddhistische Königreich Sikkim einen aussichtslos scheinenden Kampf um seine Identität.

Von den 500.000 Einwohnern in Sikkim gehören nur noch 23 Prozent den buddhistischen Bergbauernvölkern der Lepcha und Bhutia an. Das sind weniger Menschen als in einer indischen Kleinstadt. Eingeschlossen zwischen Nepal, China und Indien hat Sikkim nie die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich gezogen. Schlagzeilen machte es zuletzt 1975, als Sikkim zum indischen Unionsstaat wurde – und 1962, als der damalige König Chogyal Palden Thondul Namgyal die Schauspielerin Hope Cooke heiratete und die junge Frau damit zur einzigen Amerikanerin machte, die jemals Königin war. Heute ist Sikkim für die meisten nur noch ein Ausgangspunkt für Trekking-Touristen. Die Kultur Sikkims aber ist vom Aussterben bedroht.

„Die Leute aus der Ebene haben Geld für Tempel, für ihr eigenes Fernsehen, für Filme“, sagt der 53-jährige Mönch Kayzang Chhophel mit Blick auf Einwanderer aus Nordindien. In der Ferne ist der eisbedeckte Gipfel des Mount Kanchenjunga zu sehen. Der mit 8.400 Metern dritthöchste Berg der Welt ist den Buddhisten in Sikkim heilig. Aber der Mönch schaut nur skeptisch auf die jungen Novizen, die mit gekreuzten Beinen im Hof des Klosters sitzen und von einem Lama, also einem geistlichen Lehrer, unterrichtet werden. „Wie können wir bestehen?“ fragt Chhophel melancholisch.

In der wenige Kilometer vom Enchey-Kloster entfernten Stadt Gangtok, dem historischen Zentrum von Sikkim, säumen Hindu-Tempel die Straßen. Zwischen die Reklametafeln für Getränke und Unterhaltungselektronik sind die Bilder von Bollywood-Stars zu sehen. In den Restaurants gibt es die indische und nepalesische Küche, aber kaum noch traditionelle Sikkim-Gerichte wie den mit Käse angebratenen Farn.

So abgelegen Sikkim erscheinen mag, war es gerade seine Lage zwischen Indien und Tibet, die das kleine Land zum Opfer wirtschaftlicher und politischer Interessen machte. 1817 erlangte die Britische Ostindien-Kompanie die Herrschaft über Sikkim, später wurde es zum britischen Protektorat. Die Briten brachten nepalesische Arbeiter mit, die bald die Bevölkerungsmehrheit stellten. Die einheimischen Bhutia und Lepcha, die kulturell den Tibetern näher standen, wurden an den Rand gedrängt. 1918 erhielt Sikkim die Selbstverwaltung, musste aber 1950 erneut einen Protektoratsvertrag mit Indien unterzeichnen. Der indisch-chinesische Grenzkrieg von 1962 schnitt Sikkim von Tibet ab. Und 1973 intervenierten indische Truppen, als die Nachkommen von nepalesischen Einwanderern sich gegen den König und gegen die Klöster erhoben. Damit war auch das Ende der Unabhängigkeit von Sikkim gekommen. Zwei Jahre später wurde der König abgesetzt, und Sikkim wurde zu einem indischen Unionsstaat.

Öffentlich halten sich die Sikkimesen mit einer Bewertung zurück. Aber unter der Hand verurteilen sie heute noch die Übernahme durch Indien in scharfen Worten. Ein Angehöriger der alten Königsfamilie bezeichnet Indien als „Nation der Diebe und Lügner“. Die Regierung in Neu-Delhi ist sehr sensibel gegenüber den kleinsten Anzeichen separatistischer Bestrebungen. Der Chefberater der Regierung des Unionsstaates, B.B. Gooroon, weist darauf hin, dass die Bhutia und Lepcha immerhin ihnen vorbehaltene Sitze in der Abgeordnetenkammer von Gangtok haben und dass es Gesetze gegen den Aufkauf von Land gibt. Aber für die wirtschaftliche Entwicklung sei Sikkim weiter auf Zuwanderung aus anderen indischen Regionen angewiesen.

Um die Erhaltung der eigenen Identität kümmert sich die Partei Sikkim Bhutia-Lepcha Apex Komitee. Deren Vorsitzender Tseten Tashi Bhutia sagt: „Überall auf der Welt gibt es gefährdete Arten. Vielleicht sollten wir zu gefährdeten Völkern erklärt werden.“

(AP)

 

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