Dublin/Brüssel – So hatte sich Brian Cowen seinen ersten EU-Gipfel sicher nicht erträumt. Nur sechs Wochen nach seinem Amtsantritt stand der irische Ministerpräsident am Donnerstag vor der unangenehmen Aufgabe, den übrigen EU-Staats- und Regierungschefs das Nein seiner Landsleute zum EU-Reformvertrag zu erklären.
Cowen, in seiner Heimat eher als Raubein bekannt, zeigte sich bei seinem ersten Auftritt in Brüssel ungewöhnlich zurückhaltend. Er wolle eine Lösung finden, „die sicherstellt, dass Irland seine Rolle in der EU so spielen kann, wie die irische Bevölkerung das erwartet“, sagte er nach einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Auf einen Zeitplan wollte er sich ebensowenig festlegen wie in der Frage, ob er eine neuerliche Volksabstimmung in Irland für denkbar halte.
Das Ergebnis des Referendums eine Woche zuvor war auch für Cowen persönlich eine Enttäuschung: Seit er Anfang Mai die Nachfolge seines wegen eines Finanzskandals zurückgetretenen Vorgängers Bertie Ahern antrat, hatte der 48-Jährige für den Reformvertrag geworben. Irland habe von seiner EU-Mitgliedschaft enorm profitiert, sagte Cowen damals und warnte: „Es wäre der größte Fehler, jetzt von dieser Öffnung zur Welt abzugehen, die der Nation so großen Nutzen gebracht hat.“
Allein, eine Mehrheit der Bevölkerung mochte ihrem Regierungschef, dem Taoiseach – zu deutsch Häuptling – in dieser Frage nicht folgen. Nun habe „Biffo“ ordentlich eins auf Dach gekriegt, jubilierten Boulevardzeitungen nach dem Nein. Biffo ist Cowens Spitzname und wenig charmant: Das Kürzel steht für Big ignorant fucker from Offaly, was freundlich übersetzt etwa „Dicker dummer Mistkerl aus Offaly“ bedeutet.
Allerdings wird Cowen sogar von Freunden so genannt, und auch der Regierungschef selbst hat den Spitznamen akzeptiert – was für ein gesundes Maß an Selbstironie spricht. Und das Nein gegen den Reformvertrag war wohl nicht gegen Cowen persönlich gerichtet – nach seinem Amtsantritt schnellten jedenfalls die Umfragewerte für die Regierungspartei Fianna Fail in die Höhe.
Dass Cowen auch in Krisen Nerven bewahrt, hat er erst kürzlich unter Beweis gestellt. Als der 48-Jährige noch Finanzminister war, stellte sich heraus, dass sein eigener Bruder – Inhaber eines Pubs im heimischen Clara im Landkreis Offaly – Steuern hinterzogen hatte. Brian Cowen erklärte daraufhin gelassen, mit dieser Enthüllung sei zumindest die Effizienz der Steuerbehörden unter Beweis gestellt worden. (AP)
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