Aktuelle Nachrichten – Deutschland
17.06.2009
Berlin – „Geld für Bildung statt für Banken“: Unter diesem Motto sind am Mittwoch Zehntausende Schüler und Studenten in ganz Deutschland auf die Straßen gegangen. In rund 80 Städten richteten sich die Proteste auch gegen Studiengebühren, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master sowie das sogenannte Turbo-Abi. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, in der Milliardenpakete für Banken und Unternehmen geschnürt würden, müsse viel mehr Geld für die „vernachlässigte“ Bildung abfallen, lautete eine Hauptforderung.
„Bei uns in der Schule fällt nicht nur außen der Putz ab, sondern auch in den Klassenräumen“, erzählt Anja Praun. Die 16-Jährige ist Schülerin eines Berliner Gymnasiums und nun mit Freunden zum Roten Rathaus gekommen, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Aber nicht nur das Lernumfeld sei miserabel, auch die um ein Jahr verkürzte Schulzeit nerve. „Bei uns gibt es fast nur Frontalunterricht, sonst können die Lehrer ihren Stoff gar nicht mehr durchziehen“, klagt sie. Zeit für Diskussionen bleibe da nicht mehr viel übrig. Selbstständiges Denken werde so wohl kaum gefördert.
Aber auch an den Universitäten und Hochschulen ist es nicht besser, findet Lutz Baier, der an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert. Die Seminare und Vorlesungen seien häufig überfüllt, auf einen Termin bei einem Professor müsse man manchmal wochenlang warten. Und der Bachelor-Abschluss, der nach drei Jahren erreicht sein müsse, sorge für feste Stundenpläne wie in der Schule, so dass der Blick kaum einmal in eine andere Richtung gelenkt werden könne.
Tine Kulpe ist unzufrieden, weil sie pro Semester 350 Euro zahlen muss – obwohl Berlin eigentlich gar keine Studiengebühren verlangt. „Das sind versteckte Gebühren, von denen keiner weiß, wohin sie fließen“, moniert die 21-Jährige, die an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen studiert. So werde offiziell zwar ein „Sachkostenbeitrag“ von 150 Euro ausgewiesen. „Aber Kopien und Skripte müssen wir weiter wie immer selbst bezahlen.“
Insgesamt sind nach Polizeiangaben 12.000 Menschen allein zur Demonstration nach Berlin gekommen, die Veranstalter sprechen von bis zu 27.000. „Mehr Geld für Bildung“, skandieren einige. „Ist Bildung abgeschmiert, hat das Kapital regiert“, „Schulbücher umsonst, sonst Banküberfall“ oder „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, lauten aggressivere Parolen.
Wie groß der Unmut ist, zeigt sich in anderen Städten. In Mainz stürmen und verwüsten Demonstranten gar den rheinland-pfälzischen Landtag. In Bielefeld wird der Straßenverkehr durch eine Blockade des Straßenbahndepots lahmgelegt. Insgesamt seien bundesweit 240.000 Schüler und Studenten zu den Protesten gekommen, erklären die Veranstalter, das Bündnis „Bildungsstreik 2009“. Das sei natürlich Höhepunkt des fünftägigen Bildungsstreiks, der am Freitag endet.
Dass im Bildungssektor einiges im Argen liegt, wird von keinem Experten bestritten. Uneinigkeit herrscht über die Bekämpfung der Misere. Bundesbildungsministerin Annette Schavan verweist auf das Geld, das die Regierung kürzlich für die Bildung im Rahmen des Hochschulpakts II und der Exzellenzinitiative freigab. Hinter den insgesamt 29 Milliarden Euro steckten 275.000 Studienplätze, Tausende Doktorandenstellen, „da werden nicht nur marode Gebäude saniert, sondern es werden neue gebaut“, sagt die CDU-Politikerin im Deutschlandradio.
Mehr ins Detail geht DIHK-Bereichsleiterin Sybille von Obernitz. Zum einen müsse die Lehrerausbildung deutlich verbessert werden, fordert sie in der „Berliner Zeitung“. Um der drohenden Lehrerknappheit zu begegnen, müsse man den Beruf attraktiver machen und ein gestaffeltes und leistungsorientiertes Gehaltssystem einführen. Auch an den Unis müsse einiges verbessert werden. So könne sich derzeit derjenige, der in Hannover einen Schein mache, nicht sicher sein, dass dieser eins zu eins in Freiburg anerkannt werde.
Es fehlten verbindliche Vorgaben für die Anerkennung der Leistungsnachweise, moniert sie. Andererseits werde von den Studenten aber größtmögliche Mobilität verlangt. Ein Hindernis sei die Vielzahl von unterschiedlichen Studiengängen in Deutschland – rund 11.600.
http://www.bildungsstreik2009.de/ (AP)
Fünftägiger Bildungsstreik bundesweit gestartet
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Bildungsstreik gegen Turboabitur und Studiengebühren
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