Aktuelle Nachrichten – Europa
05.04.2011
Brüssel – Die EU hat am Dienstag eine wichtige Etappe genommen, um mehr Frauen in die Chefetage von Aktiengesellschaften zu hieven. Die Kommission legte ein Konsultationspapier für eine bessere Unternehmensführung vor, aus dem im Herbst Gesetzesvorschläge werden sollen. Zentrales Element: Eine höhere Geschlechtergleichheit in den Aufsichtsräten.
Zur Zeit liege die Frauenquote in den Führungsgremien bei zwölf Prozent, heißt es im sogenannten Grünbuch von Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Ohne Eingreifen der EU werde es vermutlich 50 Jahre dauern, bis sich daran etwas ändere. "Es ist notwendig, eine Frauenquote zur Erhöhung der Geschlechtergleichheit in Betracht zu ziehen", schreibt Barnier.
EU-Justizkommissarin Viviane Reding hatte schon vor einem Monat mit "gesetzlichen Hebeln" für das kommende Jahr gedroht, sollten die Unternehmen mit Selbstverpflichtungen keine sichtbaren Ergebnisse erreichen. Bis 2015, so Redings Ziel, sollen mindestens 30 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt sein. Das Grünbuch vom Dienstag ist der erste formelle Schritt zum angedrohten Gesetzgebungsverfahren.
Das würde auch den Streit zwischen Politik und DAX-Unternehmen in Deutschland neu aufmischen. Auf dem Spitzentreffen der Bundesregierung waren die Beteiligten am vergangenen Mittwoch nicht über neue Selbstverpflichtungen hinausgekommen, ohne konkrete Ziele festzulegen.
Die Kommission begründet ihre Initiative mit gewichtigen Argumenten: Der Kampf für weiblichere Chefetagen habe "einen unbestreitbaren positiven Effekt", heißt es im Grünbuch. Es gebe den Firmen die Chance, die besten Talente zu nutzen. Frauen hätten "einen unterschiedlichen Führungsstil", nähmen häufiger an Sitzungen teil und erhöhten die "kollektive Intelligenz".
In der Wirtschaft verfangen die Argumente bislang nicht. In einer aktuellen Studie der britischen Anwaltskanzlei Allen & Overy sprachen sich 82 Prozent der befragten Topmanager gegen eine Frauenquote aus.
Wer es in den Chefsessel geschafft hat, der will sich aus Brüssel nicht ins Handwerk pfuschen lassen, ist die generelle Aussage der Studie. 78 Prozent der Befragten sind gegen eine neues, striktes Regelkorsett für die Unternehmensführung. Doch die EU will vorerst nicht locker lassen und plant über die Frauenquote hinaus weitere Eingriffe in die unternehmerische Selbstbestimmung.
So wird in dem Grünbuch auch ein Limit für die Zahl von Aufsichtsratsmandaten für Kontrolleure favorisiert. Dies wäre "eine einfache Lösung" um zu erreichen, dass sich die Aufsichtsräte ausreichend Zeit für ihre Aufgabe bei den jeweiligen Unternehmen nehmen. Eine konkrete Obergrenze für die Zahl der Mandate nennt Barnier noch nicht. Klar ist aber, dass die in Deutschland zulässige Zahl von zehn Posten weit über den Kommissionsplänen liegt.
Nicht nur die Mandatshäufung, auch die Gehälter von Topmanagern nimmt Brüssel ins Visier. Zwar gibt es schon Schritte, um die Boni von Bankern zu regulieren. Aber das Problem, dass durch die Entlohnung zur kurzfristigen Risiken auf Kosten einer langfristigen Wertorientierung ermutigt werde, sei nicht auf die Finanzbranche beschränkt. Barnier regt deswegen an, dass die Unternehmen ihre Gehaltspolitik öffentlich machen.
Bis zum 22. Juli haben alle beteiligten Parteien nun Zeit, zum Grünbuch Stellung zu nehmen. Nach einer Auswertung der Beiträge will die EU entscheiden, welche gesetzlichen Eingriffe notwendig sind und wie sie auf den Weg gebracht werden.
(dapd)
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