Gorleben - Die Proteste gegen den Castor-Transport haben nach Auffassung der Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg das ungelöste Problem der Atommüllentsorgung erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Es sei ein Erfolg der Demonstranten, dass die Politik erstmals nach einem Transport nicht über den Castor, sondern «über das nicht vorhandene Endlager für den Jahrtausende strahlenden Atommüll» debattiere, sagte BI-Sprecher Francis Althoff am Dienstag bei Gorleben. Der Salzstock Gorleben scheide wegen seiner Geologie aber als Endlagerstandort aus.
Beim Atommüll trage die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nur Verantwortung für die nächsten vier, sondern für eine Million Jahre. Eine Endlagerung von Atommüll in Salz sei nur verantwortbar, wenn das Salzvorkommen über wasserdichtes Deckgebirge aus Ton und Gips verfüge. Dieses unverletzte Deckgebirge sei aber in Gorleben nicht vorhanden.
Die BI-Mitgründerin und langjährige Vorsitzende Marianne Fritzen betonte zum Abschluss der Aktionen, auch beim neunten Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben hätten die Proteste keineswegs an Kraft verloren. Der Widerstand sei im Gegenteil vielfältiger geworden.
Joch Stay, Sprecher der Aktion «X-tausendmal quer», sah in den Protesten «ein Signal an die neue Bundesregierung» dafür, dass die weitere Atommüllproduktion auch zu weiterem Widerstand im Landkreis Lüchow-Dannenberg führen werde. In der Nacht zum Dienstag hätten sich im Raum Gorleben über 1.000 Menschen an Blockadeaktionen beteiligt. Über einen Zeitraum von zehn Stunden hätten sie auf Schleichwegen immer wieder die Polizeisperren umgangen und sich in größeren Gruppen auf die Castor-Route gesetzt.
Nach Angaben der Sprecherin der «Bäuerliche Notgemeinschaft», Susanne Kamien, machten vier Ankettaktionen den Straßentransport der zwölf Atommüllbehälter von Dannenberg nach Gorleben für elf Stunden unmöglich. In der Ortschaft Grippel vor Gorleben hätten sich Castor-Gegner mehrfach in mit Traktoren verbundenen Betonklötzen, mit Beton gefüllten Treckerreifen oder Fässer angekettet.
Kamien musste nach eigenen Angaben im Zusammenhang mit den Ankett-Aktionen einen handgreiflichen Konflikt zwischen Polizeibeamten schlichten. Einem Konfliktmanager der Polizei, der im Umfeld eines Traktors mit daran angeketteten Demonstranten für einen besonnen Einsatz eingetreten sei, hätten zwei Kollegen aus Berlin mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung hätten sich zwei Beamte gegenseitig Strafanzeigen angedroht.
Nach einer Bilanz des Sanitätsdienstes der AKW-Gegner wurden bei den viertägigen Protesten gegen den Atommülltransport 14 Demonstranten verletzt, davon vier schwer. Nach Polizeieinsätzen sei ein Castor-Gegner mit einem Kieferbruch, ein weiterer mit Verdacht auf Jochbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Eine 15-Jährige schilderte, wie ihr nach der Blockade eines Fahrzeugs der Bundespolizei unweit ihres Elternhauses Pfefferspray ins Gesicht gesprüht wurde.
Nach Angaben der Rechtshilfe Gorleben wurden bei den Protesten 70 AKW-Gegner von der Polizei vorübergehend in Gewahrsam genommen. In keinem Fall habe es jedoch die für eine Ingewahrsamnahmen notwendige richterliche Bestätigung gegeben, sagte Rechtsanwältin Ulrike Donat. (AP)
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