Aktuelle Nachrichten – Deutschland
27.12.2010
Berlin – Deutsche Regierungs- und Behördencomputer werden immer häufiger ausspioniert, meistens aus China. "Es gibt eine deutliche Zunahme dieser sogenannten elektronischen Angriffe auf deutsche Regierungs- und Behördennetze", berichtete der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Stefan Paris, am Montag in Berlin. Von Januar bis September 2010 seien rund 1.600 Fälle entdeckt worden. Im ganzen Jahr 2009 seien es 900 gewesen.
Hinter den Angriffen steckten zum größten Teil staatliche Stellen in China, sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz der "WAZ"-Gruppe. Ihre Behörde beobachte diese Entwicklung bereits seit 2005. Es gebe eine hohe Dunkelziffer.
Paris kündigte an, die Bundesregierung wolle sich 2011 sehr intensiv mit dem Thema der sogenannten Cyber-Attacken befassen. Für das kommende Jahr sei geplant, ein sogenanntes nationales Cyber-Abwehr-Zentrum zu schaffen. Dort soll Wissen gebündelt werden.
Es liege in der Zuständigkeit des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, solche Cyber-Attacken überhaupt zu entdecken, sagte der Sprecher. Und um zu erkennen, wer hinter den Angriffen stecke, müsse auch das für Spionageabwehr zuständige Bundesamt für Verfassungsschutz eingebunden werden. Darüber hinaus werde auf weitere "Wissensträger" wie das Bundeskriminalamt, den Bundesnachrichtendienst sowie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zurückgegriffen. Schließlich sei die Vernetzung des Zentrums mit der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.
"Ziel ist es, einen sehr breit gefächerten Ansatz in der Auswertung und der Analyse zur bestmöglichen Verhinderung dieser Gefahren zu schaffen", erklärte Paris. Der Bereich der elektronischen Kommunikation werde immer intensiver genützt und sei damit auch anfällig. "Vergleichen Sie es einmal mit vor 30 Jahren: Der Spion hatte eine kleine Kamera, so wie wir es aus dem Fernsehen kennen, drang irgendwo ein, öffnete den Koffer, fotografierte, verschwand und trank einen Cocktail", sagte der Sprecher. Das gebe es nicht mehr. Heute versuche irgendjemand irgendwo auf der Welt, in ein Netz zu dringen. Und die "meisten" Angriffe könnten Stellen in der Volksrepublik China zugeordnet werden.
EU-Industriekommissar Antonio Tajani hat deshalb eine neue europäische Behörde vorgeschlagen, die den Verkauf von Schlüsseltechnologien ins Ausland kontrolliert. Damit solle sich Europa insbesondere gegen chinesische Firmen schützen, die gezielt Unternehmen in Europa übernehmen, um an moderne Technologie zu kommen, sagte Tajani dem "Handelsblatt".
"Wir müssen unser Wissen schützen", forderte der EU-Kommissar. Besonders bei Versuchen, Technologiefirmen zu übernehmen, müsse man misstrauisch sein. Der Italiener sieht hinter der gezielten Übernahme von High-Tech-Firmen durch China oder arabische Staatsfonds "eine politische Strategie, auf die Europa auch politisch antworten muss".
Vor allem das Interesse Chinas an westlichen Schlüsseltechnologien sei alarmierend. Deshalb sei der Verkauf von europäischem Unternehmens-Know-how immer auch Sache der Politik, mahnte Tajani.
(dapd)
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