Das Paradies jenseits der Pfirsich-Blüten

Von 1. Juli 2006 Aktualisiert: 1. Juli 2006 9:51
Eine Geschichte aus dem alten China

Diese Geschichte spielte sich während der Taiyuan Periode der Jin Dynastie (376-396) in Wuling ab, einem Ort in der Nähe des Dongting Sees im Süden Chinas.

Es war einmal ein Fischer. Jeden Morgen fuhr er mit seinem Boot auf den Fluß, um zu fischen. Manchmal bissen die Fische an, manchmal nicht. Manchmal brachte er abends vom Fischmarkt ein paar Silberlinge heim, manchmal nicht. Es reichte zum Leben und der Fischer war’s zufrieden.
An einem Tag wie jedem anderen bestieg er des morgens sein Boot und ruderte los. In Gedanken versunken fischte er und vergaß, wie weit er gerudert war. Leise gluckerte das Wasser gegen die Bootsplanken. Zufällig hob er einmal seinen Blick. Da bemerkte er plötzlich ganze Wälder von Pfirsich-Bäumen am Flussufer. Sie erstreckten sich entlang der Böschung über mehrere hundert Meter. Die Wälder bestanden nur aus Pfirsich-Bäumen. Blütenblätter tanzten farbenprächtig in der Luft. Er konnte die Frische des grünen Grases unter den Bäumen riechen. Der Fischer war ziemlich erstaunt. Offenen Mundes ruderte er sein Boot vorwärts und fragte sich, wie weit sich die Wälder wohl ausbreiteten. Er ruderte und ruderte, bis er zur Quelle des Flusses kam. Hier wurden die Pfirsich-Bäume weniger, ein Berg tauchte auf. Seltsam schimmerndes Licht drang aus einer Felsspalte.
Er sprang aus seinem Boot und betrat den Spalt. Der war zu Anfang ganz schmal, kaum dass er hindurch konnte. Nach einigen Schritten aber verbreiterte er sich plötzlich. Vor ihm zeigte sich weites Land mit schmucken Häusern, reichen Feldern, malerischen Teichen, Maulbeer-Bäumen und Bambus-Pflanzen. Straßen erstreckten sich in alle Richtungen, er hörte den Hahnenschrei und das Bellen der Hunde. Im Feld arbeiteten Männer und Frauen. Sie waren sehr fremdartig gekleidet. Ob alt oder jung, alle wirkten froh und sorglos. Mit Verwunderung nahmen sie die Ankunft des Fischers in ihrem Land auf. Sie fragten ihn, wo er herkäme, und er erklärte es ihnen ausführlich. Sie luden ihn ein, zu ihren Häusern mit zu kommen, wo sie Wein aus ihren Kellern holten, Hähnchen schlachteten, und eine große Tafel mit köstlichen Speisen zusammenstellten. Als die anderen Dorfbewohner von dem Besuch hörten, kamen alle, um ihn zu sehen.
Der Fischer fragte auch und ein Alter erzählte ihm: „Unsere Vorfahren kamen mit ihren Familien und Freunden zu diesem abgeschiedenen Land, um den Unruhen während der Qin Dynastie zu entkommen (221-206 v.Chr.). Seitdem sind wir hier nicht mehr heraus gegangen. So wissen wir nichts von der Welt da draußen.“ Sie fragten den Fischer, welche Dynastie draußen regiere; sie wussten nichts von den nachfolgenden Dynastien Han und Wei und schon gar nichts von der gegenwärtigen Jin-Dynastie. Gebannt hingen die Dorfbewohner an den Lippen des Fischers, als er ihnen von seiner Welt erzählte.
Nach einigen Tagen der Gastfreundschaft machte sich der Fischer wieder auf den Weg nach Hause. Die Dorfbewohner baten ihn, der Welt da draußen nichts von ihnen zu erzählen. Einige geleiteten ihn noch zum Berg. Sein Blick schweifte noch einmal über die herrliche Landschaft, dann winkte er zum Abschied, wendete sich um und tappte in das Dunkel der Höhle.
Er zwängte sich durch den Felsspalt. Da war sein Boot, so wie er es verlassen hatte. Während er zurückfuhr, merkte er sich so viele Orientierungspunkte wie er nur konnte. Kaum zu Hause angekommen, eilte er zu einem Beamten der Provinz und erzählte ihm seine wundersame Entdeckung. Da schickte der Beamte ihn mit einigen seiner Untergebenen, das Dorf hinter der Felsspalte aufzusuchen. Doch bald schon verlor er die Orientierung und konnte den Weg zu dem Dorf nicht finden.
Ein Edelmann namens Liu Ziji aus der nördlichen Provinz Nanyang hörte von dieser Geschichte und machte sich auf die Suche nach diesem Ort . Doch konnte er sein Vorhaben nicht vollenden. Kaum hatte er die Suche begonnen, wurde er von einer merkwürdigen Krankheit befallen und starb alsbald.
Seither hat keiner mehr nach dem Paradies jenseits der Pfirsich-Blüten gefragt.
Quelle: „Tao Hua Yuan Ji (Im Paradies jenseits der Pfirsich-Blüten)“ von Tao Yuanming (ca. 365-427), einem Naturdichter. Von dieser Geschichte kommt der chinesische Ausdruck „Shiwai Taoyuan (Pfirsich-Paradies in der anderen Welt).“ Er bedeutet: ideales Land des ewigen Friedens und der Harmonie.

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