Ein Blick auf die farbenfrohe Welt der Miao

Dazhong, China – Ein junges Mädchen der Miao trägt in ihrem Haar farbenprächtigen Schmuck zur Feier des Neujahrmondfestes.

Es ist früh am Nachmittag. In einem der vielen Pfahlhäuser am Berghang legt eine alte Frau ihre Stickerei beiseite und erhebt sich von ihremHolzstuhl. Es ist Zeit, einmal nach ihrem Sohn Ausschau zu halten. Draußen vor der Tür wirft sie einen Blick ins Tal und auf den wolkenverhangenen Bergpfad. Dort unten sieht sie die Träger aus dem Tal zurückkommen. Leichten Fußes erklimmen sie den Berg und balancieren auf ihren Tragestangen die leeren geflochtenen Körbe. Sicherlich werden sie wieder Neuigkeiten aus dem kleinen Städtchen mitbringen, wo sie die Heilkräuter auf dem Markt verkauft haben und heute Abend wird man zusammensitzen und sich über die Neuigkeiten aus Guiyang, der Hauptstadt der Provinz Guizhou, unterhalten.

Wie so oft hängen die Wolken auch an diesem Tag tief im  Tal und über den Reisterrassen. Nebenan geht ein Mädchen hinüber in den Stall.  Ihren kleinen Bruder trägt sie in alter Sitte auf dem Rücken. Die alte Frau kehrt zurück in ihr kleines Haus und macht sich wieder an die Stickerei, die noch rechtzeitig zum Fest der Blumen und Berge, einem der farbenprächtigsten Feste der Miao, fertig werden soll.

Eine von Chinas Minderheiten
Die Miao sind eine  von  Chinas 55 nationalen Minderheiten und ein Teil von Chinas großem Kulturerbe. Sie  leben im gebirgigen südlichen Teil Chinas, in den Provinzen Yunnan,   Hunan,   Sichuan und in der Provinz Guizhou, in der die meisten  der  fast  vier  Millionen  Miao angesiedelt sind.  Es  ist  eine  der  ärmsten  Provinzen  Chinas.   In  diesem abgelegenen Teil des Landes haben die Miao ihre  traditionelle  Lebensweise  bis auf  den  heutigen  Tag  weitgehend  beibehalten  können.  Guizhou   ist    die wolkenreichste Provinz Chinas und in ihrer Gebirgslandschaft  lebt  dieses  Volk mit seiner eigenen Sprache und vielen Dialekten,  mit  einer  weithin bekannten Folklore mit Trachten, Gesängen, Tänzen und Festen. Berühmt sind die  Miao  auch für ihr traditionelles Kunsthandwerk, das sind vor allem Stickereien,   Brokate, Batik und Silberschmuck.
Pfahlhäuser und Wasserbüffel
Die  Miao  betreiben  vor allem Landwirtschaft und leben in  der  Regel  in  Pfahlhäusern,   die  sich  an Berghängen hinziehen. Darin leben meist  die  Großfamilien  mit  den  Haustieren unter einem Dach. Auf den Reisterrassen,  die  sich  wie  breite  Ringe  um  die Berghänge legen, sieht man, wie die Bauern in archaischer Weise  mit  Hilfe  von Wasserbüffeln ihr Land bearbeiten. Bis vor  zwei  Jahrzehnten  lebten  die  Miao noch  weitgehend  von  der  Welt  abgeschnitten.   Mit  der   Zuwanderung    der Han-Chinesen und dem technischen Fortschritt hat  sich  in  einigen  Teilen  des Landes die Lebenssituation der Miao verändert. Die Versorgung mit  Elektrizität, eine verbesserte hygienische Situation, der Bau von Schulen haben einen Hauch des  neuen  Zeitalters  auch  zu  den  Miao  gebracht. Die  Miao   sind    ein gastfreundliches Volk; es ist üblich,  einen  Gast  mit  einem  guten  Trunk  zu empfangen. Die meisten Familien stellen ihren Wein selbst her, der auch  zu  den gern  gefeierten  Festen  gehört.

Einzigartige  Trachten

Die   traditionellen Trachten  der  Miao  sind  einzigartig.   Sowohl  die  Kleidung  als  auch   der Kopfschmuck der Festtagskleidung sind sehr kompliziert und fein gearbeitet.   Zu den zahlreichen Motiven der Stickereien der Miao gehören Drachen, Vögel, Fische, Blumen, Schmetterlinge und  Szenen  aus  den  Geschichten  und  Legenden  dieser Volksgruppe.  Hier  zeigen  sich  die  enge  Verbundenheit  der  südchinesischen Minorität mit der Natur und ihr Bedürfnis nach einem harmonischen  Zusammenleben von Mensch und Natur. Die Kleider der Miao werden aus Leinenstoff handgefertigt, in das sie verschiedene Muster hineinarbeiten.   An  der  Kleidung  lassen  sich mehr als  130  verschiedene  Muster  entdecken  und  zu  jedem  Muster  gibt  es passenden Schmuck aus Silber, was kaum bei einer anderen  Volksgruppe  in  China zu  sehen  ist.   Die  Frauen  widmen  ihren  Trachten  große    Aufmerksamkeit, insbesondere den Stickereien und dem  darauf  abgestimmten  Silberschmuck.   Die ersten Stiche an seinem Hochzeitskleid beginnt ein Miao-Mädchen  schon,   sobald es die Kunst der Stickerei erlernt hat. Die jungen Mädchen  und  unverheirateten Frauen sind in Blau gekleidet, die älteren Frauen tragen  schwarze  Kleider  mit weißem oder blauem Gürtel. Besonders typisch für die Frauen ist ein  Haarknoten, der mit einem farbigen Tuch zu einem riesigen Turban gebunden wird.  In  manchen Gegenden tragen die Frauen Röcke, die so kurz sind wie westliche Miniröcke, in anderen Gegenden wiederum lange Röcke. Die  Männer  schmücken  ihren  Kopf  mit einem großen Hut aus Bambus oder mit einem schwarzen Tuch.

Feste und Lieder

Die vielfältigen Feste sind immer noch ein wichtiger Teil im Leben  der  Miao.   Die Bedeutung von Gesang und Tanz zeigt sich alleine schon  an  ihren  über  15. 000 überlieferten Liedern. Die unterschiedlichen  Miao-Gemeinschaften  begehen  auch ihre eigenen Feste. Da wäre das „Drachenbootfest“ zu nennen,   zu  dem  sich  am Qingshuijiang-Fluss an die  30. 000  Gäste  zusammen  finden,   das  „Fest  der Verehrung des Wasserbüffels“ und das „Fest der Frühling und  Blumen“,   die  zum Teil  in  unterschiedlichen  Jahresrhythmen  gefeiert  werden.      Eines    der wunderbarsten ist das „Fest der Blumen und Berge“. Es wird am sechsten  Tag  des sechsten Monats nach dem Mondkalender von allen Miao in  der  Provinz  gefeiert. Der Legende nach waren die Miao früher ein besonders  ängstliches  Volk  und  in Sorge um ihr Leben im Hier und Jetzt, aber auch um ihr Zukunft.   Bis  nach  der Überlieferung an einem sechsten des sechsten Monats einmal ein Vorfahre aus  dem Jenseits auftauchte und sie beruhigte. Daraufhin tanzten die Miao um einen  Baum und gaben damit ihrer Freude Ausdruck. Als dann aus heiterem Himmel  eine  Blume auf eben denselben Baum fiel, war ihre Begeisterung noch  größer  und  der  Tanz verwandelte sich in ein Freudenfest,   das  sie  seitdem  alljährlich  gemeinsam begehen.

Ungewisse Zukunft

Die  Ursprünge  des  naturverbundenen  Volkes  gehen mehrere Jahrtausende zurück, ihre Lebensweise hat sich  in  einer wechselhaften Vergangenheit bis in unsere Zeit erhalten. Wie es um ihre Zukunft bestellt  sein mag,   bleibt  offen.   Der  Einfluss  der  Bevölkerungsmehrheit  der   modernen Han-Chinesen  und  der  von    ihnen    bis    in    die    Dörfer    getragenen Fortschrittsgläubigkeit hat schon jetzt seine Spuren hinterlassen  und  beginnt, ihre Lebensweise zu verändern. Es ist zu hoffen,   dass  es  diesem  Volk  nicht ergeht wie dem  sterbenden  Huangguoshu-Wasserfall,   dem  größten  Wasserfall Chinas, der sich in Guizhou befindet. Er ist dabei,  sich  in  aller  Stille  zu verabschieden.