Friedenspreisträger Liao Yiwu über die Henker in China

Von 17. Oktober 2012 Aktualisiert: 17. Oktober 2012 15:48
Mit einem klaren Blick auf den Dichter, sein Werk, sein Leben und seine Heimat beschrieb Felicitas von Lovenberg, Schriftstellerin und Literaturkritikerin, in ihrer Laudatio für Liao Yiwu anlässlich der Verleihung …

Mit einem klaren Blick auf den Dichter, sein Werk, sein Leben und seine Heimat beschrieb Felicitas von Lovenberg, Schriftstellerin und Literaturkritikerin, in ihrer Laudatio für Liao Yiwu anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, was an Schrecken ein Mensch ertragen und in Sprache und Dichtung verwandeln kann. Mit bewegten und bewegenden Worten näherte sie sich und mit ihr das Publikum dem Schicksal eines außergewöhnlichen Preisträgers an.

„Indem er Einzelschicksale sammelt, stellt Liao Yiwu Würde wieder her, die Würde der Unzähligen, die Chinas Machthaber auf der ‚Müllhalde’ der Geschichte unbemerkt entsorgen wollten. Damit folgt er seiner Überzeugung, dass die Menschen viel dringender als jemanden, der im Namen der Geschichte spricht, jemanden brauchen, ‚der im Namen der Wirklichkeit die Stimme erhebt’.
Diese Art Schreiben wird so zu einem Akt der Selbstachtung und damit nicht zuletzt ein Mittel zur Wiedererlangung auch seiner eigenen Würde.
Mit dieser Hoffnung beschließt Liao Yiwu ‚Für ein Lied und hundert Lieder’. Dass sein Werk weithin gelesen wird, ist die einzige Garantie dafür, dass ihm diese Würde nie wieder genommen werden kann.“
Mit diesen Worten beschloss Felicitas von Lovenberg ihre Laudatio in der Frankfurter Paulskirche an den chinesischen Dichter und Schriftsteller Liao Yiwu am Sonntag, dem 14. Oktober.
Auch wenn die Feier in der Paulskirche wie jedes Jahr an die Frankfurter Nationalversammlung erinnerte, an ein erstes frei gewähltes deutsches Parlament, das vom 18. Mai 1848 bis zum 31. Mai 1849 dort tagte, so verblasste diese Reminiszenz vor der historischen Dimension der jahrtausendealten chinesischen Zivilisation, die Liao Yiwu anschließend aufblätterte.
Oder sollte man sagen – vor den Grausamkeiten und dem Heldenmut in den auf- und untergehenden Dynastien, die jedem Chinesen geläufig scheinen? Wohl kaum würde ein heutiger deutscher Dichter in die Jahrhunderte des „Römischen Reiches Deutscher Nation“ zurückgreifen können, ihre Kaiser und Dichter zitieren und damit auf ein entsprechend informiertes Publikum treffen.
Was aber trotz Maos Kulturrevolution und der allgegenwärtigen Geschichtsklitterung der Kommunistischen Partei in China immer noch zum tradierten Schatz der Chinesen zu gehören scheint, ist die seit Jahrtausenden ununterbrochene Folge der chinesischen Kultur trotz der wechselnden Dynastien. Und dazu gehören Geschichten der Herrschenden ebenso wie Geschichten der Leidtragenden und der großen Weisheitslehrer.
Und so konnte Liao Yiwu – mit der Gewissheit, auch von seinen chinesischen Landsleuten verstanden zu werden – auf die mündlichen oder schriftlichen Überlieferungen Chinas zurückgreifen, die in Zeiträumen von Jahrtausenden zählen.
Wenn man die traurigen Sehnsuchtsklänge der chinesischen Flöte oder der Erhu im Ohr hat, dann fragt man sich, ob so viel Leid nötig war, um so viel entsagungsvolle Weisheit hervorzubringen, wie China sie der Welt in seinen Musikern, Malern, Dichtern und Weisen bis heute offenbart hat?
„Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“
Liao Yiwu begann seine Rede mit einer Todesnachricht wie ein Dolchstoß: „Heute möchte ich hier allerdings eine andere Todesnachricht verkünden, die Nachricht vom Tode des chinesischen Großreichs. Ein Land, das kleine Kinder massakriert, muss auseinanderbrechen – das entspricht der chinesischen Tradition.“
Und er beendete seine Rede mit einer gesungenen Totenklage – um des Lebens willen.
Zunächst aber tauchte er tief in die Geistesgeschichte Chinas ein: „Vor mehr als 2500 Jahren sprach unser verehrter Urahn, der Philosoph Laozi [Lao-tse], in seinem Werk Daodejing häufig von zwei Wesen, die schwach und doch unübertrefflich sind: das eine ist ein neugeborenes Kind, das andere ist das Wasser. Das Neugeborene steht für die Vermehrung der Menschheit und das Wasser für die Ausdehnung der Natur. Ein Kind behüten heißt, die ursprüngliche Energie, das Qi der Menschheit zu bewahren.“
Und ohne Zögern bezieht er sich auf die für Chinesen vertrauten Ursprünge Chinas, die in seinem alten Namen verewigt sind „Shen Zhou“ – das Land der Gottheiten. Er spricht von Yao und Shun, den göttlichen Urvätern Chinas, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt: „Sie pflegten sich in vielerlei Gestalt unter das Volk zu mischen und widmeten sich der Politik mit dem gleichen Engagement wie dem Ackerbau. Dafür zollten ihnen alle großen Denker der chinesischen Geschichte seit Laozi, Zhuangzi, Konfuzius und Menzius Respekt.“
Für Chinesen auch nicht fremd ist die Zeit der Streitenden Reiche zwischen 475 v. Chr. und 221 v. Chr. Liao Yiwu erinnert an sie und sagt:
„Das geflügelte Wort vom ‚Wettstreit der hundert Schulen‘ bezieht sich auf diese Zeit. Und heute? Heute geht die Kommunistische Partei, nachdem sie sämtliche Traditionen auf den Kopf gestellt hat, hin und usurpiert und verdreht schamlos das geistige Erbe vom ‚Wettstreit der hundert Schulen‘ und errichtet in aller Welt Konfuziusinstitute. Haben die ihre Klassiker nicht gelesen? […] Erst mit 70 Jahren war es ihm vergönnt, in seine Heimat zurück zu kehren. So gesehen, sollte doch Konfuzius als geistiger Urvater der politisch Verfolgten gelten, und was sich heute ‚Konfuzius-Institut‘ nennt, müsste im Grunde den Namen ‚Konfuzius Exilanten Institut‘ tragen.“
Aus der Vergangenheit in die Gegenwart
Und er schlägt einen Bogen aus den Tiefen der Geschichte bis zu Mao und Deng Xiaoping:
„Unübertroffen in punkto Grausamkeit war der erste Reichseiniger Qin Shihuang [Anm. der Red.: 259 v. Chr. – 210 v. Chr.] […] Listig hatte der Kaiser von Qin einen ‚Aufruf an alle Gelehrten‘ veröffentlicht, mit dem er 460 Philosophen aus allen Landesteilen in die Hauptstadt lockte, nur um sie dann bei lebendigem Leib begraben zu lassen – und noch dazu die klassischen Werke aus hunderten von Jahren samt und sonders zu verbrennen. Zweitausend Jahre später erntete er von einem neuen Despoten namens Mao Zedong großes Lob. Der rühmte sich: Qin Shihuang hat gerade einmal 460 Konfuzianer unter die Erde gebracht, wir dagegen haben es gleich mit Zehntausenden von Konterrevolutionären aufgenommen. Da kann ein Qin Shihuang nicht mithalten. […]“
„Menschen morden. Das war die Methode, um das Fundament des neuen Staates zu legen. Darüber herrschte eine stillschweigende Übereinkunft von Mao Zedong bis Deng Xiaoping. Während der großen Hungersnot zwischen 1959 und 1962 verhungerten im ganzen Land beinahe 40 Millionen Menschen. Kaum begann Mao Zedong deshalb um seine Macht zu fürchten, blies er zum Kampf gegen reale und irreale Feinde und verpasste dem Volk eine Gehirnwäsche; während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 wurden zwanzig bis vierzig Millionen Menschen zu Tode gefoltert.“
„Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“
Als die Kommunistische Partei im Juni 1989 ihre Macht erneut in Gefahr sah, setzte sie etwa 200.000 Soldaten ein, um die friedlichen Demokraten auf dem Tian’anmen Platz niederzuwalzen. Während dort gepanzerte Militärfahrzeuge durch die Straßen fuhren, schrieb im fernen Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, Liao Yiwu sein Gedicht „Massaker“, für das er vier Jahre ins Gefängnis geworfen wurde.
Für Liao Yiwu ist es der Wille des Himmels, wenn er schreibt – auch eine Metapher, die ihm selbstverständlich aus der großen spirituellen Tradition seines Landes über die Lippen kommt. Den Willen des Himmels erfüllen, das heißt für ihn, die Wahrheit für die zukünftigen Generationen zu bewahren.
Und er verschont auch nicht die Akteure der Gegenwart, weder die "Henker" in China, noch die in der übrigen Welt, wenn er sagt:
„Weltweit ist man der Ansicht, der wirtschaftliche Aufschwung Chinas werde zwangsläufig politische Reformen nach sich ziehen und aus einer Diktatur eine Demokratie machen. Deshalb wollen jetzt all die Staaten, die dereinst wegen des Tian’anmen-Massakers Sanktionen gegen China verhängten, die ersten sein, die den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen. Obwohl dieselben Henker noch immer Menschen inhaftieren und umbringen.“
„Elend und Schamlosigkeit bedingen sich wechselseitig. Sie bestimmen unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nach dem Tian’anmen-Massaker setzte sich die blutige Unterdrückung fort, gegen die Angehörigen der Opfer des Massakers, gegen Qigong- Gruppen, Falun Gong, die Demokratische Liga Chinas, Beschwerdeführer, enteignete Bauern, Arbeitslose, Anwälte, Untergrundkirchen, Dissidenten, die Opfer des Erdbebens von Sichuan, die Unterzeichner der Charta 08, die Anhänger der Jasminrevolution, Tibeter, Uiguren und Mongolen – die Fälle häufen sich und die Tyrannei geht auf hohem Niveau weiter.“
„Die Henker triumphieren, weil das ganze Land zu ihrem Sklaven geworden ist. Das Wertesystem dieses Imperiums ist längst in sich kollabiert und wird nur noch vom Profitdenken zusammengehalten. Gleichwohl ist diese üble Fessel des Profits so weit reichend und verschlungen, dass sich die freie Welt der wirtschaftlichen Globalisierung noch ausweglos in ihr verheddern wird.“
„Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“
„Dieses menschenverachtende Imperium mit den blutigen Händen, die Ursache für so viel Leid in der Welt, dieser unendlich große Müllhaufen muss auseinanderbrechen.
Dieses Großreich muss auseinanderbrechen, für den Frieden und die Seelenruhe der ganzen Menschheit – und für die Mutter auf dem Tian’anmen, für die ich das folgende Lied geschrieben habe.“
Und damit begann Liao Yiwu das Lied zu singen, eine Totenklage und eine Frage an die Lebenden.
Die Mutter vom Tian’anmen

Liao Yiwu singt für "Die Mutter vom TianLiao Yiwu singt für "Die Mutter vom Tian’anmen".Foto: Ralph Orlowski/Getty Images

Mein Kind
Wie geht es dir im Paradies?
Das Herz deiner Mutter
Blüht längst auf offenem Feld.
Verhallt sind die Schusse, das Blut getrocknet,
Mein Kind
Komm schnell aus diesem Traum zurück.
Mein Kind
Friert es dich im Jenseits?
Dicht fallen die Schneeflocken,
Und färben das Haar deiner Mutter weiß.
Die Ströme fließen, aber die Tränen sind versiegt.
Mein Kind,
Bist du im Jenseits einsam?
Mutter,
Mit wem sprichst du dort vor dem Fenster?
Bitte wärme dein Kind
Mit dem Licht der Laterne.
Endlos ist die Welt der Menschen, zartgrün das
Gras auf den Gräbern.
Mutter,
Was nutzt dein Klagen?"
Gedicht aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Betz.

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