Maria Blumencron: Auf Wiedersehen, Tibet

Interview mit der Kölner Buchautorin und Filmemacherin

Alles begann mit dem Foto eines erfrorenen Mädchens im Fernsehen. Erfroren im Himalaya, erfroren bei der Flucht aus Tibet in das indische Exil. Wie kann es sein, dass Eltern ihre Kinder wegschicken, fragte sich Maria Blumencron damals im Jahr 1998. Noch dazu über solche absurden Wege. Sie begab sich auf die Suche in Tibet, lernte Fluchthelfer Kelsang Jigme kennen. Sie wollte einen Film über die Flucht über die Pässe des Himalaya drehen. Die Polizei wurde auf sie aufmerksam, sie wurde inhaftiert und blieb eineinhalb Tage unter Polizeigewahrsam. Kelsang Jigme hielt man über zwei Jahre lang fest.

Von da an begab sie sich von nepalesischer Seite an die tibetische Grenze und lernte Menschen kennen, die die Flucht wagten. Darunter Jugendliche und Kinder, die von Erwachsenen durch den Schnee getragen wurden. Das Ergebnis ihrer Suche verarbeitete sie auf eindrucksvolle Weise filmisch und in Buchform.
Ende März stellte Maria Blumencron ihr zweites Buch „Auf Wiedersehen, Tibet“ vor. Ebenso wie in ihrem Erstlingswerk beschreibt sie darin anhand von Einzelschicksalen die Wagnisse von Tibetern sich großen Gefahren auszusetzen, um aus dem kommunistisch-unfreien Tibet ins Exil nach Dharamsala zu gelangen, dem Sitz des Dalai Lama in Indien.
Besonders aufwühlend sind die Geschichten von Kindern, die von ihren Eltern im Glauben an eine bessere Zukunft über verschneite 6000er-Pässe nach Indien geschickt werden. Manche kommen nie an…
ETD: Es ist für uns kaum vorstellbar, dass Kinder von ihren Eltern ins Exil geschickt werden und dabei über die Berge des Himalaya müssen.

Maria Blumencron: Es sind nicht nur Kinder. Über den Himalaya kommen Mönche, Nonnen, politisch Verfolgte, alte Menschen, die gern ihren Lebensabend in der Nähe des Dalai Lama verbringen wollen und Pilger, die den Dalai Lama sehen möchten und dann wieder nach Hause gehen.

ETD: Was sind die Gründe für eine Flucht?

Fünf Jugendliche auf der Flucht durch die Berge. Um nicht schneeblind zu werden, brauchen sie Sonnenbrillen. Sie haben aber nur drei… Deshalb müssen eine halbe Brille und eine Plastiktüte zum Schutz gegen die starke UV-Strahlung herhalten. (Christian Gatniejewski)
Fünf Jugendliche auf der Flucht durch die Berge. Um nicht schneeblind zu werden, brauchen sie Sonnenbrillen. Sie haben aber nur drei… Deshalb müssen eine halbe Brille und eine Plastiktüte zum Schutz gegen die starke UV-Strahlung herhalten. (Christian Gatniejewski)

Maria Blumencron: Oft sind es wirtschaftliche Gründe. Das sogenannte Western Development Programm der Chinesen fruchtet nicht unbedingt für die Tibeter. Tibeter werden höher besteuert als chinesische Ansiedler, auch gerade in den ländlichen Regionen. Tibeter haben schlechtere Arbeitsplatzchancen.

Wenn ein Tibeter überhaupt die Möglichkeit bekommt, die Schule und ein Studium zu machen, wird er danach schwieriger einen Arbeitsplatz bekommen. Die chinesische Regierung behauptet, die Schule sei kostenlos. Alle Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, sagten: „Das stimmt nicht, es wird Geld eingezogen.“ Und das können sich viele Familien nicht leisten. Die Schulen in den ländlichen Regionen sind oft nicht gut und entsprechen nicht dem, was eine Schule leisten sollte. Es gibt Familien, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.

Außerdem wollen die Eltern ihre Kinder in den Schulen nicht der chinesischen Propaganda aussetzen. Sie möchten gerne, dass ihre Kinder als Tibeter aufwachsen. Ich denke, dass eine tibetische Mutter glaubt, dass ihr Kind in einem der tibetischen Kinderdörfer besser aufgehoben ist, als bei ihr zu Hause in Tibet.
ETD: Wie kann ich mir eine Flucht von Kindern vorstellen?

Maria Blumencron: Die Kinder gehen nicht alleine, sondern sie gehen mit einem Fluchthelfer. Nicht alle Fluchthelfer nehmen Kinder mit, weil ein Fluchthelfer das beherrschen können muss. Wenn ein Fluchthelfer fünf Kinder mitnimmt, muss er mindestens fünf Erwachsene dabei haben. Denn obwohl der Anstieg von der tibetischen Seite nicht so steil ist, versinken die Kinder in der Schneezone im Schnee. Dann müssen sie getragen werden.
Weitere Fotos in der Fotogalerie:

ETD: Wie lange dauert der Exodus?

Maria Blumencron:
Je nach Route dauert die Flucht mindestens 14 Tage und kann bis zu 22 Tage dauern.

ETD: Wie sind die Gruppen ausgerüstet?
Maria Blumencron: Schlecht, sehr schlecht… Sie gehen mit Turnschuhen. Sie wickeln sich Plastiktüten um die Socken gegen die Nässe, sie haben keine Schlafsäcke. Sie haben nur zusammengenähte Decken, die mit Plastiktüten umhüllt werden, wo dann zwei bis drei Leute hineinschlüpfen, um sich gegenseitig zu wärmen. Falls jemand in eine Gletscherspalte fällt, haben sie nicht einmal Seile um ihn da heraufzuholen.

ETD: Und der Proviant?

Maria Blumencron:
Der Proviant geht meistens aus, denn so viele Nahrungsmittel kann man gar nicht mitnehmen. Die Flüchtlinge kommen vollkommen ausgehungert an und in der Höhe braucht man auch viel Wasser.

ETD: Sie sind also großen Gefahren ausgesetzt…

Maria Blumencron: Auf der tibetischen Seite sind sie der Gefahr ausgesetzt, durch die bewaffnete chinesische Volkspolizei gefasst oder auch getötet zu werden.

Erfrorene Finger. (Christian Gatniejewski)
Erfrorene Finger. (Christian Gatniejewski)

ETD: Auf nepalesischer Seite sind sie dann in Sicherheit?

Maria Blumencron: Auf der nepalesischen Seite ist es bei dem von mir begangenen Grenzpass bergsteigerisch sehr schwierig. Das ist ein Niemandsland. Das sind keine Wege, wie zum Mount Everest Basecamp hoch. Man geht an einer Gletschermoräne, über Eisbrüche hinweg. Ich habe nur gestaunt, wie schwierig dieser Weg ist. Ich habe gedacht, es kann ja nicht sein, dass überhaupt irgendein Kind das überlebt. Unglaublich… Ich glaube, es ist nicht einmal ihren Müttern bewusst, wenn sie ihre Kinder wegschicken. Wenn Menschen abgestürzt oder erfroren sind, dann ist das meist auf der nepalesischen Seite passiert.

ETD: Kinder sterben schneller als Erwachsene?
Maria Blumencron: Ja, natürlich. Als erstes sterben die Mädchen. Mädchen kühlen schneller aus als Jungen. Ich muss dazu sagen, es ist nicht so, dass da die Massen an Kindern sterben. Man muss es so formulieren: Es passiert auch, dass Kinder sterben.

ETD: Und ein Guide ist immer dabei?

Maria Blumencron: Ja, ein Guide ist dabei, der die Strecke kennt. Er nimmt auch Geld dafür. Wenn ein Guide erwischt wird, verschwindet er für mehrere Jahre im Gefängnis und wird dort gefoltert. Die Flüchtlinge werden in einem eigenen Gefängnis auf der tibetischen Seite eingesperrt, das sich „Empfangszentrum Tibet“ nennt. Das ist sehr sarkastisch. Sie werden da bis zu zwei Monate festgehalten. Sie werden geschlagen und gefoltert.

Dolkar weint. Neben den Strapazen des Weges ist die Trennung von ihren Eltern das größte Trauma für die Sechsjährige. (ZDF/Richard Ladkani)
Dolkar weint. Neben den Strapazen des Weges ist die Trennung von ihren Eltern das größte Trauma für die Sechsjährige. (ZDF/Richard Ladkani)


ETD:
Wie ist die Situation in den Kinderdörfern?

Maria Blumencron: Die Situation in den Kinderdörfern ist ganz gut. Es gibt mittlerweile neun tibetische Kinderdörfer mit mehr als 16.000 Kindern. Diese Dörfer sind wie SOS-Kinderdörfer organisiert, mit einer Hausmutter. Mit dem Unterschied, dass eine Hausmutter dort bis zu 40 Kinder betreut. Je nach Begabung können die Kinder dort bis zum Abitur bleiben. Die Schwester des Dalai Lama arbeitet jetzt hart daran, dass auch Colleges geschaffen werden. Die Kinder, die da im Exil leben, haben die Chance bis zum Studium zu gehen.

ETD: Was gefällt Ihnen an der Persönlichkeit der Tibeter?

Maria Blumencron: Was mich beeindruckt hat an den tibetischen Menschen, ist die Herzlichkeit und Fröhlichkeit. Dass man trotz eines so harten Schicksals seinen Humor bewahren konnte, wie dieser Kelsang Jigme! Die Fähigkeit, sein individuelles Schicksal unterzuordnen. Ich widme mein Leben dieser Arbeit. Ich widme mein Leben dem Dalai Lama. Ich bin bereit mein Leben zu riskieren. Das ist auch das, was man im Moment auf der Straße beobachtet. Die Mönche, die in ihren friedlichen Märschen auf die Straße gegangen sind. Sie riskieren, eingesperrt zu werden, geschlagen zu werden. Vor ihrem Mut habe ich die größe Hochachtung.

ETD: Wie haben sie die Jugendlichen erlebt? Sie haben ja den Dalai Lama nie kennen gelernt und jetzt, wo die kommunistische Politik in Tibet immer mehr Raum greift und sie immer mehr von ihrer Kultur einbüßen…

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Maria Blumencron: Ich habe im März 2007 fünf Jugendliche in den Bergen getroffen und ich war unglaublich erstaunt, wie bewusst sie waren. Sie sind gegangen, weil sie keinen Bock mehr hatten auf die chinesische Propaganda. Jugendliche, die den Dalai Lama nicht kennengelernt haben und wo ich dachte, die wurden längst schon assimiliert und verschluckt von den Chinesen. Nein, überhaupt nicht. Sie sind sich absolut bewusst, was da geschieht. Da hatte ich auch das Gefühl, wenn das die Jugend Tibets ist, wird es zu den Olympischen Spielen ordentlich grummeln.

ETD: Wie verstehen Sie die Spiritualität der Tibeter?

Maria Blumencron:
Ich habe mich mit dem Buddhismus beschäftigt. Aber ich bin Christin und bin in meiner Religion verwurzelt. Ich sage den Kindern immer, sie müssen ihre Kultur und ihre Religion pflegen, deswegen würde ich ein schlechtes Beispiel abgeben, wenn ich zum Buddhismus konvertieren würde. Ich habe überhaupt kein Bedürfnis zum Buddhismus zu konvertieren. Was ich bei den Menschen empfinde ist, dass sie noch überaus stark mit ihrer Religion verbunden sind, was ich bei uns als Armut empfinde. Ich freue mich über die große Begeisterung für den Dalai Lama, ich finde aber bedenklich, vollkommen zu vergessen, dass wir auch unsere Kultur und unseren Glauben haben.

ETD: Vielleicht handelt es sich bei uns um eine Art Suche…

Maria Blumencron:
Die Menschen hier finden ansprechend, dass der Dalai Lama so viel Fröhlichkeit ausstrahlt. Aber gehen sie mal in ein Nonnenkloster in Untermarchthal im Schwäbischen. Da wird auch viel gelacht. Es geht da total fröhlich zu. Oft ist einem das Fremde viel lieber, aber eigentlich haben wir das hier auch. So ist mein Gefühl.

ETD:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Matthias Kehrein.
Das neue Buch von Maria Blumencron:
Auf Wiedersehen, Tibet
Auf der Flucht durch Eis und Schnee
ISBN: 978-3-8321-8058-4
Dumont
Lesungen: maria-von-blumencron.de
Kinderhilfsorganisation Shelter 108: shelter108.de