Reise durch Himmel und Hölle

In der traditionellen chinesischen Kultur gibt es den Glauben an die Existenz einer Seele

Wie in westlichen Religionen und Weltanschauungen, gibt es auch in der chinesischen Kultur den Glauben an die Existenz einer Seele im Körper eines Lebewesens. Ein Glaube, der von den niederländischen Physikern Dr. Zaalberg van Zelst und Dr. Malta bestätigt wird: In dem nachweislichen Gewichtsverlust des menschlichen Körpers von etwa 70 Gramm im Moment des klinischen Todes sehen die Wissenschafter die Bestätigung dafür, dass die Seele den Körper verläßt. Bleibt die Frage, was mit der Seele geschieht, nachdem sie den Körper eines Menschen verlassen hat.

Als Antwort verweisen einige Weltanschauungen auf das Jenseits. So sollen außerhalb unserer sichtbar erfahrbaren Welt noch weitere Welten existieren. Kritiker sehen darin eine Sehnsucht der Menschen, dass der Tod nicht das Ende des Daseins bedeute und es eine Hoffnung auf das Leben „danach“ gäbe. „Aber selbst wenn man nicht an etwas glaubt, ist es gut zu wissen, was auf einen wartet, falls man sich letztendlich doch geirrt hat“, sagt eine chinesische Volksweisheit, die sich hier auch auf das Jenseits anwenden läßt. Mittlerweile gibt es zunehmend mehr Berichte von Menschen, die nach dem Tode wieder auferstanden sein sollen, manche sprechen sogar von einer Himmel- oder Höllenfahrt.
Reise zur Sukhavati-Welt, dem Seligkeitsparadies
Im Jahre 1967 erschien dem chinesischen Meister Kuanjing aus Fujian während einer tiefen Meditationsphase in einer Höhle in der Nähe von Mile in der Provinz Yunnan die Bodhisattva Avalokiteshvara, eine Gottheit aus der Sukhavati-Welt. Sie nahm ihn auf eine scheinbar kurze Reise mit durch die Sukhavati-Welt, die Kuanjing nicht länger als ein paar Stunden vorkam. Tatsächlich waren nach seiner Rückkehr bereits sechs Jahre vergangen. Sodann schrieb er seine Erlebnisse nieder und veröffentlichte sie im Jahre 1987 in einem Buch mit dem Titel „Eine Reise in die Sukhavati-Welt“.

Nach den Erinnerungen Kuanjings ließ ihn Bodhisattva Avalokiteshvara in eine völlig neue Welt eintauchen. Eine Welt fern ab von Geburt, Alter, Krankheit, Tod und Begierden. Diese Welt sei nur Wesen vorbehalten, die zur Erleuchtung gelangt seien. Die erste Begegnung mit Erleuchteten in dieser Welt hatte Kuanjing mit drei Mönchen. Die Mönche waren über zehn Meter hoch. Einer von ihnen ermahnte Kuanjing, nach seiner Rückkehr seinen Brüdern auf den alten überlieferten Pfad der Kultivierung zurück zu verhelfen. Seine Brüder sollten an die höheren Welten glauben und sich allmählich den Prinzipien dieser Ebenen angleichen. Anschließend wollte Kuanjing mit Bodhisattva Avalokiteshvara den Schöpfer des „Reinen Landes“, Buddha Amitabha, besuchen. Auf ihrem Weg stießen sie dabei auf eine riesige Bergkette. Diese Bergkette war aber nichts anderes als die Fußspitze des der Erzählung nach allmächtigen Buddhas Amitabha. Im nächsten Moment wuchs Kuanjing nach oben, bis er schließlich den Bauchnabel des Buddhas erreichen konnte. Nun konnte er den allmächtigen Buddha bewundern. Buddha Amitabha saß auf einer Lotusblume mit unzähligen Blüten. Auf jeder dieser Blüten stand eine Pagode, die Licht in Millionen von verschiedenen Farben ausstrahlte.
Buddha Amitabha selbst erstrahlte in atemberaubendem, goldenem Glanz. Die Augen des Buddhas glichen denen von Ozeanen, sie sollen, so Kuanjing, die Größe von uns bekannten Ozeanen gehabt haben. Benommen von der Schönheit und Vollkommenheit, hegte Kuanjing den Wunsch, zu bleiben, woraufhin ihn der Buddha erinnerte, dass auf ihn noch die Aufgabe wartete, Menschen zu erretten.

Und auch wenn die Sukhavati-Welt für Normalsterbliche so unerreichbar scheint, sollen die göttlichen Wesen der Sukhavati-Welt die Erde, ja sogar den ganzen Kosmos unter ständiger Beobachtung haben. Es gäbe dort einen Turm der reinen Sicht, der in der Lage sei, jeden Ort in unserem Kosmos zu durchleuchten. Von der Sukhavati-Welt wusste Meister Kuanjing nur Vollkommenes zu berichten. Nichts, was uns aus unserer irdischen Welt an Kummer und Leid bekannt sei, existiere dort. Es sei eine Reise in ein Paradies gewesen.

Eine „Höllenfahrt“ in die Unterwelt

So wie über den Himmel, gibt es auch über die Unterwelt zahlreiche Überlieferungen. Das Buch „Eine Reise durch die Hölle“, das 1978 in Taiwan auf den Markt kam, beschreibt die Fahrt zur Unterwelt sehr eindringlich.

Die Reise zur Unterwelt beginne mit einem Pfad, der direkt vor einem Berg ende. Barmherzige Seelen, die viel Gutes in ihrem Leben vollbracht haben, werde der direkte Weg zum Himmel geöffnet, während schlechte Menschen von einem gleißenden Licht geblendet, in ein sich plötzlich unter dem Berg auftuendes Loch geradewegs in die Hölle eingesogen würden. In der Hölle erwarte sie dann die Verurteilung vor dem jüngsten Gericht und die anschließende Vollstreckung der Strafe. Die Vollstreckung finde in verschiedenen Folterkammern statt. Je nach dem, welche Verbrechen diese Menschen im irdischen Dasein begangen hätten, würden sie den einzelnen Kammern zugewiesen. Bestraft werde von Selbstmord und Abtreibung bis hin zu Prostitution und Ehebruch, sogar die Produktpiraterie werde bestraft.

Ehebrecher und Prostituierte zum Beispiel erwarte eine schreckliche Strafe in der Kammer der Fäkalien. In dieser Kammer würden die Seelen in einem tosenden Meer aus Exkrementen schwimmen, in dem sie Gefahr laufen, zu ertrinken. Nach dieser Behandlung würden die Seelen an verschiedenen Orten verfaulen. Auch die Strafe für Produktpiraterie sei nicht zu unterschätzen: Solche Geschäftsleute würden in überdimensionalen Kochtöpfen mit heißem Öl gekocht. Die Richter der Unterwelt kennen kein Erbarmen, so das Buch. Die Verbrecher erwartet in der Hölle ein furchtbares Schicksal.

Himmel und Hölle könnten nicht gegensätzlicher sein. Ob man an das Jenseits glaubt, muss jeder für sich entscheiden. Auf der sicheren Seite sind in jedem Fall diejenigen, die Verbrechen unterlassen.
 

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