Chinas fauler Zauber mit faulen Krediten

Die Frage, ob China vor einer Finanzkrise steht, ist eines der heißen Themen in Businessclubs weltweit. Die Finanzbranche will vor allem wissen, wie umfassend eine solche Krise wäre und welche …

Die Frage, ob China vor einer Finanzkrise steht, ist eines der heißen Themen in Businessclubs weltweit. Die Finanzbranche will vor allem wissen, wie umfassend eine solche Krise wäre und welche Auswirkungen sie auf die chinesische Wirtschaft hätte. Und: wie würde sich das Szenario auf die Politik auswirken?

Bei einer Finanzkrise kann es sich um eine Währungskrise, eine Schuldenkrise oder auch um eine Bankenkrise handeln. Mit Letzterer hatten sich die USA im Jahr 2008 auseinanderzusetzen. Ähnliche Verhältnisse herrschen derzeit in China. Die Kreditvergaben nehmen zu und die Immobilienpreise klettern in die Höhe. Zudem sind verschiedene Formen von Finanzderivaten auf dem Vormarsch, die in China hauptsächlich über Schattenbanken betrieben werden.
 Am 20. Juni stieg Chinas kurzfristiger Interbankenzinssatz auf 25 Prozent. Am 24. Juni kündigte die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) an, wegen eines System-Upgrades die Geldautomaten außer Betrieb zu setzen. Sofort bekam ich Anrufe von Journalisten, die mich fragten, ob in China eine Finanzkrise ausbrechen werde. Meine Antwort war: Die Faktoren, die in den USA zum Ausbruch der Finanzkrise führten, finden sich auch in China wieder. Bei den meisten Konjunkturindikatoren wie Zinssatz, Geldvermögen, Wertpapiere, Immobilien- und Bodenpreisen sieht es nicht gut aus.
Falsches Gefühl von Stabilität
In den vergangenen Jahren mussten immer mehr kleine und mittlere Unternehmen in die Insolvenz.  Zwei weitere Faktoren, die es in den USA 2008 nicht gegeben hat, sind zum einen die kontinuierliche Abwertung des Yuan. Der Wechselkurs der chinesischen Währung zum Dollar hat sich nicht stark verändert – in der chinesischen Öffentlichkeit herrscht ein falsches Gefühl von Stabilität vor. Außerdem sind die Schulden der Lokalregierungen massiv. Sie liegen – wenn man die staatlich kontrollierten Unternehmen mit einrechnet – zwischen 120 und 128 Billionen Yuan (laut aktueller Zahlen von 2012). Das wären umgerechnet 15 bis 15,7 Billionen Euro.
Sei es eine Schulden- oder sei es eine Währungskrise – eine von beiden stellt ein Land stünde bereits vor große Herausforderungen. China darf sich derzeit mit beiden befassen. Die übermäßige Geldproduktion Chinas ist problematisch. Die Geldmenge in China stieg nach Zentralbankschätzungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren von 60 Billionen auf 100 Billionen Yuan. Das entspricht einer Zuwachsrate von 67 Prozent. China ist zum weltweit größten Gelddrucker geworden.
Das Zauberwort lautet: Staatliche Kredite
 Trotz der Anhäufung so vieler Risikofaktoren wird es in China in der nahen Zukunft keine Finanzkrise geben. Denn anders als in den USA greift das dortige Finanzsystem auf nationale Kredite zurück und nicht auf kommerzielle. Chinas Finanzsektor wird vollständig von der Regierung kontrolliert. Die kommerziellen Kredite und die Landeskredite verhalten sich zueinander wie siamesische Zwillinge. Methoden, die in westlichen Ländern tabu sind, eignen sich perfekt für die chinesische Regierung, solange sie die Maßnahmen nur für notwendig hält.
 Chinas Methoden, faule Kredite loszuwerden, sind einzigartig in der Welt. In den vergangenen fünfzehn Jahren gab es zwei Mal eine Krise wegen fauler Kredite, die jedes Mal abgewehrt werden konnte. Das erste Mal 1998, als der Wert der Problemkredite bei etwa 1,4 Billionen Yuan lag. Damals kam die chinesische Regierung auf die geniale Lösung, vier Asset-Management-Firmen (China Huarong, China Great Wall, China Oriental Group und China Cinda) zu gründen. Diese übernahmen die faulen Kredite der Riesen ICBC, der Agricultural Bank of China, der Bank of China und der Construction Bank of China. Nach wiederholter Abschreibung, Auslagerung und Geldspritzen seitens der Regierung verschwanden notleidende Kredite in Höhe von 1,39 Billionen Yuan – davon allein 1 Billionen Yuan von den vier staatlichen Geschäftsbanken.
Simsalabim – und weg sind die faulen Kredite
 Im Jahr 2006, als die faulen Kredite der chinesischen Banken auf 3 Billionen Yuan angewachsen waren, veräußerte die chinesische Regierung sie mit der gleichen Methode. Dann lockte sie ein Dutzend große ausländische Banken als strategische Investoren an, darunter die US-Bank Citigroup und die Schweizer Großbank UBS. Anschließend wurden die Banken neu verpackt und an die Börse gebracht. Riesige Summen von faulen Krediten verschwanden über Nacht.
Als die US-Finanzkrise im Jahr 2008 ausbrach, waren die US-amerikanischen Banken ratlos. Viele erinnerten sich an das wundersame Verschwinden der faulen Kredite seinerzeit in China. Käme die KPCh an die Wall Street, wäre die US-Finanzbranche gerettet, wurde gewitzelt.
Heute sitzen die chinesischen Banken wieder auf einer beträchtlichen Menge fauler Kredite. Ich bin überzeugt, dass es nicht schwierig werden wird, sie verschwinden zu lassen.
Vertrauen oder Bankensturm
In den letzten Jahren vertreten immer mehr Historiker die Meinung, die Ming-Dynastie (1368 bis 1644 n. Chr.) wäre durch eine Finanz- und Politikkrise zu Fall gekommen. Daher der Traum, die chinesische Bevölkerung zu mobilisieren, die Banken zu stürmen und das Finanzsystem der KPCh umzustürzen. Und so eine politische Krise heraufzubeschwören.
Diese Idee beruht auf einem Mangel an Verständnis dafür, wie die KPCh ihr Finanzsystem verwaltet. Auch wenn die Geldmenge in China übermäßig hoch ist und die Bevölkerung eine Hyperinflation fürchtet, ist es eher unwahrscheinlich, dass es im heutigen China zu einem Bankensturm kommt (ähnlich dem unter der Kuomintang-Regierung, nachdem diese den Gold-Yuan eingeführt hatte. Damals konnte, egal ob mit privaten oder ausländischen Mitteln, jederzeit eine Bank eröffnet werden).
Im heutigen China sind die Banken vom Staat abgesichert. Es wird gesagt, dass die Zentralbank überschüssige Reserven in Höhe von fast 30 Billionen Yuan zur Verfügung habe. Und auch wenn diese Zahl übertrieben wäre (eine gängige Praxis in China), wissen die Chinesen, dass die Banken der Regierung gehören und nicht zusammenbrechen werden.
Außerdem haben die Lokalregierungen ihre eigene Methode, einen Banken-Run zu verhindern. Im Juni 1998 ging die Hainan Development Bank bankrott. Die Anleger hatten in Panik Ihr Geld abgehoben und die Bank musste daraufhin schließen. Auf Anweisung der Lokalregierung mussten die anderen örtlichen Banken die leer ausgegangen Kunden der Hainan Development Bank ausbezahlen. Geht eine Bank in Konkurs, übernimmt die Regierung die Verteilung der Gelder.
Bezug nehmend auf den jüngsten Vorfall von Geldnot in China sagte der Präsident der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, dass „der Markt die Zentralbank grundsätzlich richtig verstanden“ habe.
Letztendlich bezahlt die Zentralregierung
Auch wenn die lokalen Schulden ein Risiko für die Finanzierungsvehikel der Lokalregierungen (LGFV) darstellen: bezahlen muss letztendlich die Zentralregierung. Die LGFVs sind eine einzigartige chinesische Erfindung. Sie werden von den Lokalregierungen zur Finanzierung gegründet und setzen sich überwiegend aus staatlichen Unternehmen zusammen. So können die Lokalregierungen gesetzliche Beschränkungen umgehen, denn China verbietet seinen Lokalregierungen eine direkte Kreditaufnahme über Banken.
Die Lokalregierungen stellen den LGFVs Kapital aus unterschiedlichen Kanälen zur Verfügung: eine Geldspritze kann aufgrund zu erwartender Erträge erfolgen, durchdie Übertragung der Nutzungsrechte von Land oder die Übertragung bestehender Anlagen wie Straßen und Brücken.
Gefährliche Mischung aus Immobilien-Bürgschaften und Immobilien-Blase
Die Praxis, mit Land als Sicherheit für die Kreditaufnahme zu bürgen, bindet die lokalen Regierungen allerdings noch stärker an Grundstücke und Immobilien. Unter dem Umstand, dass die Immobilienblase jederzeit platzen könnte, werden die LGFVs, die für die lokalen Regierungen ein Glücksfall sind, für die Zentralregierung zum Sorgenkind. Vor allem im Hinblick auf eine drohende Finanzkrise.
Trotz der hohen Verschuldung redet in China keiner davon, dass die  Lokalregierungen bankrott gehen könnten. Die Zentralregierung wird Wege finden die Problemkredite der Lokalregierungen anzugehen. Für sie ist das eine Kleinigkeit. Die meisten Banken in China haben staatliche Banken und große Staatsbetriebe als Aktionäre. Ein Kredit dieser Banken entspricht einem vom Staat gesicherten Kredit. Die lokalen Regierungen und Banken sind wie zwei Brüder, die die gleichen Eltern (die Zentralregierung) haben, die das Schuldenchaos der Kommunen aufräumt. Deshalb wird es bestimmt in der nahen Zukunft keine massive Finanzkrise in China geben. Auch fauler Zauber hat eine Wirkung – die Frage ist nur, wie lange.
Übersetzt von Cindy Yu. Überarbeitet von Silke Jelkic und Florian Godovits.