Der Preis des zweistelligen Wachstums:

Chinas BIP-Wachstums-Wahnsinn: 6,9 Billionen Dollar seit 5 Jahren fehlinvestiert

von Yiyuan Zhou und Rosemarie Frühauf, Freitag, 21. November 2014 15:04
Ein Bus fährt an einer Pekinger Großbaustelle vorbei (20. November 2014).
Ein Bus fährt an einer Pekinger Großbaustelle vorbei (20. November 2014).
Foto: WANG ZHAO/AFP/Getty Images

Was für eine astronomische Summe! 42 Billionen Yuan, das sind 42 Tausend Milliarden Yuan oder 6,9 Billionen US-Dollar! Dieser riesige Haufen Geld wurde in den vergangenen fünf Jahren in China sinnlos verpulvert – für Flughäfen, Industriegebiete und Autobahnen, die kein Mensch braucht.

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Die erschütternde Zahl stammt aus einem Bericht der Shanghaier Börsenzeitung vom 20. November: Zwei regierungsnahe Doktoren der Wirtschaftswissenschaft gaben darin zu, dass fast die Hälfte von Chinas märchenhaftem Wirtschaftswachstum durch sinnfreien Investitions-Wahnsinn und Misswirtschaft entstand. Xu Ce und Wang Yuan arbeiten für die „Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform“ – ein Gremium, das der Zentralregierung untersteht und direkt Chinas Wirtschafts- und Sozialentwicklungspolitik regelt.

Dass ein solch dramatisches Forschungsergebnis öffentlich verkündet wird, klingt noch surrealer: Nach dem Motto „Wir müssen noch ein paar Kleinigkeiten verbessern“ wurde diese Information in einen ebenso langen wie langweiligen Fachartikel mit dem üblichen Lobgesang verpackt.

Fehlinvestitionen werden immer mehr

Investitionen mit niedriger oder Null-Effizienz haben sich zu einem ernsten Thema entwickelt, dem sich die Regierung stellen muss“, schreiben Xu und Wang.

Von 2009 bis 2013 waren es jährlich Beträge zwischen 4,7 Billionen Yuan bis 13,2 Billionen Yuan, die in China seit fünf Jahren verschwendet wurden, insgesamt 42 Billionen Yuan (6,9 Billionen US-Dollar). Ihren Gipfel erreichten die Fehlinvestitionen im Jahr 2013, wo sie 47 Prozent von Chinas Bruttoinvestitionsvolumen ausmachten.

Leider ist Chinas Wirtschaftswachstum komplett von Investitionen abhängig und das meiste Geld geht in Sachanlagen. Allein vom Januar bis September 2014 entstanden 42 Prozent des chinesischen BIP-Wachstums durch Investitionen. Xu und Wang ermittelten, dass seit dem Jahr 2000 die Wachstumsquote bei den Sachanlagen sogar prozentual höher als die des BIP-Wachstums war.

Abenteuerliche Entwicklungen nach 2008

Zwar sagen Wang und Xu nicht, dass das kommunistische System der Planwirtschaft mit seinen künstlichen Wachstumsvorgaben ein Hauptgrund für die Misere ist – aber einige politische und systembedingte Gründe stellten sie trotzdem fest. So gaben sie der Lockerungspolitik, die China nach der Finanzkrise 2008 einführte, Mitschuld am leichtsinnigen Umgang mit dem Geld.

Ein systemischer Grund sei auch die Kapitalbeschaffung, die nach 2008 leichter geworden sei (auch Chinas gigantischer Schattenbankensektor entwickelte sich erst nach 2008). Die beiden Forscher schlugen vor, die Leistungen der Lokalregierungen in Zukunft nicht mehr am BIP-Wachstum zu messen und strengere Auflagen zur Grundverwaltung zu erlassen, damit die Regierungen nicht mehr nach Lust und Laune Grundstücke verhökern können.

So funktionieren Fehlinvestitionen

Peking gibt Chinas Lokalregierungen jährliche Investitionsziele vor, die diese irgendwie erreichen müssen. Und das führt dann schon mal dazu, dass Geld falsch ausgegeben wird. Als das chinesische Wirtschaftsprüfungsamt im Jahr 2010 die Investitionsentscheidungen von 18 staatlichen Unternehmen untersuchte, stellte es fest, dass von 625 getroffenen Entscheidungen rund jede vierte falsch war (164 Entscheidungen!). Dadurch entstand ein gesamter Investitionsschaden von 3,4 Milliarden Yuan.

Auch Wang und Xu listeten einige typische Fälle auf, in denen Investitionen „kein reales Produktionspotential entfalten“:

1. Beim Bau von neuen Fabriken kommt es vor, dass am Ende doch kein profitabler Betrieb möglich ist, weil zum Beispiel die gekauften Maschinen falsch waren und gar nicht produziert werden kann. Oder dass dort produzierte Produkte Qualitätsstandards nicht erreichen oder deren Qualitätsstandard gar nicht kontrolliert werden kann, weshalb die Produkte nicht auf den Markt gebracht werden können

2. Angenommen, die obigen Voraussetzungen stimmen alle, aber das Endprodukt kann wegen Überkapazitäten gar nicht vom Markt aufgenommen werden, weil zu viele Fabriken das gleiche anbieten – auch dann ist es eine Sinnlos-Investition. (Eine Stichproben-Umfrage unter chinesischen Unternehmen ergab 2013, dass die Auslastung der Anlagen durchschnittlich nur 72 Prozent beträgt. In der Manufaktur- und Maschinenbau-Branche werden sogar nur 70,8 Prozent der Anlagen genutzt.)

3. „Verfrühte Investitionen“ sind Anschaffungen, die sich als sinnlos herausstellen, weil sie ungenutzt herumstehen wie Züge an Orten ohne Bahnschienen. Auch mangelnde Absprache zwischen Provinzregierungen zählt dazu, die zum Beispiel beim Bau von Autobahnen an der Provinzgrenze nicht darauf achten, eine zehnspurige Autobahn an eine vierspurige anschließen zu müssen.

4. Verschwendung innerhalb des Investitionsprozesses, wie zum Beispiel durch Fehlplanungen und daraus resultierenden Zuviel-Käufen von Material.

Der profilierte chinesische Crash-Prophet Niu Dao bezeichnete Chinas Immobilienblase vor kurzem als „größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte“ und prognostizierte, dass künftige Leitzinserhöhungen der FED sie wellenartig zum Einsturz bringen werden.

Siehe auch: „Das QE-Ende der FED ruiniert China"

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