China: Kleine und mittelständische Unternehmen vor dem Aus

  „Es ist der gefährlichste Moment für die chinesische Industrie“, so lautet der Kommentar der chinesische Zeitung „Southern Metropolis Daily“ zur aktuellen Wirtschaftslage in China.  Wegen Überkapazitäten, Gewinnrückgang und einer …

 

„Es ist der gefährlichste Moment für die chinesische Industrie“, so lautet der Kommentar der chinesische Zeitung „Southern Metropolis Daily“ zur aktuellen Wirtschaftslage in China.  Wegen Überkapazitäten, Gewinnrückgang und einer Schuldenkrise wird über eine bevorstehende Pleitewelle in der chinesischen Industrie spekuliert. Ursachen sollen politische Fehlentscheidungen, die globale Rezession und eine Immobilienblase in China sein. Ein Weg aus der Krise ist jedoch nicht in Sicht.
Überkapazitäten und Gewinnrückgang
„Ich sehe meine Konkurrenten einen nach dem anderen schließen, ich weiß nicht, ob ich der nächste sein werde“, so äußerte sich ein Verantwortlicher einer Weberei in der Provinz Zhejiang gegenüber der Webseite 1mfg.com. Die Situation ist ernst. Nach Berichten von Southern Metropolis Daily haben die etwa 2450 börsennotierten Unternehmen in China Waren im Wert von 4,73 Billionen Yuan (etwa 573 Milliarden Euro) auf Lager. Dies entspreche 48,6 Prozent des gesamten Nettoinventarwerts dieser Unternehmen. Die Zeitung kommentierte, dass die große Überkapazität eine Gefahr für die chinesische Industrie sei.
Professor Lang Xianping, ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler, hat laut den Angaben der Finanzwebseite cfi.cn am 18. August in einem Vortrag das Problem der Überkapazität in der chinesischen Industrie dargestellt. Seiner Analyse zufolge habe die Automobilindustrie 12 Prozent Überkapazität, die Stahlindustrie 35 Prozent, die Zementindustrie 28 Prozent, die Windenergieerzeuger 70 Prozent und die Glasproduzenten 93 Prozent. 70 Prozent der börsennotierten Unternehmen, deren Aktien stark an Wert verloren haben, weisen deutliche Überkapazitäten auf.
Große Lagerbestände führen in manchen Unternehmen zu massiven Gewinneinbrüchen. Als Beispiel dafür stellte die Zeitung Southern Metropolis Daily den bekannten chinesischen Sportwaren-Hersteller Lining dar. Da der gewaltige Lagerbestand abgebaut werden musste, sei der Umsatz des Unternehmens im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 9,5 Prozent und der Nettogewinn um 85 Prozent gesunken. Um Kosten zu sparen, habe das Unternehmen 1200 Läden geschlossen. Southern Metropolis Daily kommentierte, wenn es Lining schon so gehe, könne man sich die Lage anderer Firmen in dieser Branche vorstellen.
Die Schuldenkrise
Neben der Überkapazität sind die chinesischen Industrieunternehmen auch von einer Schuldenkrise bedroht. Nach Angaben des Handelsblatts haben die Zahlungsrückstände der chinesischen Industrieunternehmen eine Gesamtsumme von umgerechnet 878 Milliarden Euro erreicht. Nach Untersuchungen der Nachrichtenagentur Reuters sollen sich die Forderungen im ersten Halbjahr bei rund 280 Konzernen um etwa ein Fünftel erhöht haben. Eine Pleitewelle der kleineren Firmen sei zu befürchten.
Die Zeitung China Times veröffentlichte am 7. September einen Artikel über die Gefahren einer Schuldenkette für die Industrieunternehmen. Unter dem Druck der Rezession seien Kapitalengpässe und sinkendes Auftragsvolumen ein verbreitetes Problem, das sich nicht kurzfristig lösen lasse. Auch die Banken seien bereits betroffen, da die solchermaßen angeschlagenen Unternehmen ihren Verpflichtungen nicht mehr in vollem Umfang nachkommen können. Das Handelsministerium, das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie sowie die China Banking Regulatory Commission seien allarmiert worden und arbeiten an diesem Problem. Nach Untersuchung des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie seien Maschinenbau,  Kohleabbau und Stahlindustrie am schwersten von der Schuldenkrise betroffen. In Gegensatz zu der Schuldenkrise in den 90er-Jahren seien diesmal anstatt staatlicher Unternehmen hauptsächlich kleine und mittelständische Unternehmen betroffen.
Die Ursache der Probleme ist auf dem Immobilienmarkt zu finden
Professor Lang Xianping ist der Meinung, dass die Fehlentscheidungen der chinesischen Regierung für die Schwierigkeiten der Industrie verantwortlich seien. Die Regierung habe seit Anfang der Öffnungspolitik vor etwa 30 Jahren China zur „Weltfabrik“ erklärt. Dies habe dazu geführt, dass China kaum in Produktentwicklung, Logistik und Produktion von Schlüsselkomponenten investiere. Die chinesischen Unternehmen haben daher die Möglichkeit verloren, die Preise zu beeinflussen und weisen eine zu geringe Gewinnspanne auf. Infolgedessen sei das Kapital, das in der Industrie erwirtschaftet wurde, nicht wieder in die Industrie sondern in den Immobilienmarkt und Luxuswaren investiert worden. Dadurch sei eine Wirtschaftsblase entstanden.
Cao Jianhai, ein Mitarbeiter der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, geht noch einen Schritt weiter. Er schrieb in seinem Mikroblog, dass der überhitzte Immobilienmarkt die Wurzel des Problems der Industrie sei. Mit steigenden Immobilienpreisen steigen ebenfalls die Lebenshaltungskosten der Mitarbeiter und somit die Löhne. Zum Schluss verliere die Industrie in China ihre Kostenvorteile gegenüber anderen Standorten.

Die Webseite 1mfg.com ist der Meinung, dass die weltweite Rezession verantwortlich für die Schwierigkeiten der chinesischen Industrie sei. Viele Unternehmen, die vom Export leben, bekommen zurzeit keine Aufträge und befinden sich im Produktionsstillstand.
Nach Angaben eines Informationsdienstleisters in der Stadt Shenzhen geben 12 Prozent aller kleinen und mittelständischen Unternehmen im Perlenfluss-Delta an, im August weniger Aufträge als im Juli erhalten zu haben. Die Webseite finance.eastday.com fügte hinzu, dass die Situation für die Industrie in China schwieriger geworden sei, weil viele ausländische Unternehmen wie Caterpiller und GE einen Teil ihrer Produktionsstätten in China abgebaut haben. Außerdem spielen steigende Material- und Personalkosten eine Rolle.