Wenn China über die Welt kommt
von Dr. Jörg-M. Rudolph
Der Autor:
Dr. Jörg-M. Rudolph (1951) ist Dozent und Geschäftsführer des
Ostasieninstituts der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen. Er
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen chinesische
Geschichte und Landeskunde sowie mit aktuellen politischen und wirtschaftlichen
Entwicklungen. Er ist Herausgeber des China-Dienstes Sju Tsai – Die Welt
der Chinesen (www.xiucai.oai.de). Von 1997 bis 2002 war er Delegierter der Deutschen
Wirtschaft in Peking, Gründungspräsident der Deutschen Handelskammer
in China. Von 1992 bis 1997 fungierte er als Deutschland-Direktor des Hong Kong
Trade Development Council in Frankfurt. Von 1988 bis 1992 war er als Projektmanager
für Auslandsmessen bei der Messegesellschaft Berlin tätig, davor war
er China-Manager im Vorstand der Krone AG Berlin. Von 1982 bis 1986 arbeitete
er als Doktorand und Lehrbeauftragter am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität
Berlin, und promovierte 1986 mit der Arbeit „Die Taiwan-Politik der KP
Chinas“. Er studierte von 1974 bis 1979 Sinologie am Ostasiatischen Seminar
der Freien Universität Berlin.
Zusammenfassung:
Rund 1000 Milliarden Dollar ausländischen Kapitals sind seit den 90er Jahren
nach China geflossen - in ein politisches System der völligen Intransparenz
und Willkürherrschaft von Funktionären einer einzigen Partei. Dieses
Kapital und der damit einhergehende Know-How Transfer haben die produktiven
Talente von 20 Prozent der Weltbevölkerung gezündet. Die Machthaber
der Staatspartei nutzen dies für ihre Zwecke und machen sich daran, den
ihnen vermeintlich zustehenden Platz in der Welt einzunehmen. Wird sie damit
leben können?
Das Referat
Ein Ersatztext der Rede:
Schade: 21. Jahrhundert wohl doch kein chinesisches …
Wer als erster die blendende Idee hatte, mit dem Thema Weltmacht China den
Buch- und Seminarmarkt zu betreten, wissen wir nicht. Ein Deutscher, dessen
Name uns entfallen ist, war jedenfalls vor ein paar Jahren mit Eine Weltmacht
kehrt zurück frühzeitig als trendsetter dabei. Inzwischen gibt es,
abseits von ?? & ??-Kochbüchern und Reiseratgebern, kaum noch andere
Titel: Herausforderung China – Wie der chinesische Aufstieg unser Leben
verändert, China – Der Aufstieg einer hungrigen Nation, Aufbruch
zur Supermacht, Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens …
Oder im englischen Bereich: The Coming China Wars (das ist nicht schlecht, wir
haben es gelesen), How the Rise of the Next Superpower [China natürlich]
Challenges America and the World usw., usf.
Auch die bunten Magazine, unser Spiegel immer vorneweg, suchen mit entsprechenden
Titeln zu glänzen: Geburt einer Weltmacht, Angriff aus Fernost, Die Stadt
der Zukunft liegt in China), Supermacht [auch schon in] der Antike. Die seriöse
Sonntagszeitung aus Frankfurt wollte da wohl nicht zurückstehen und bediente
ihre Leser im Juli 2005 mit: Alle haben Angst vor China auf der ersten Seite
und mit gelb-unterlegtem Angriff aus China im Wirtschaftsteil.
Na gut, wenn so viele Leute das gleiche sagen, wird was dran sein, heißt
es deshalb seit einiger Zeit in der Goldman Sachs datiert den Weltuntergang
auf das Jahr 2050. Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.3.2007.
Xiucai-Redaktion, die deshalb aber keine Angst bekam, sondern sich im Gegenteil
unbändig darüber freute. Je mächtiger China, desto wichtiger
unser Blatt. Und desto höher unsere Honorare, wenn wir in Sachen China
vortragen.
Doch unser Optimismus erhielt jetzt einen herben Dämpfer, der freilich
allen, die sich fürchten, Hoffnung machen wird: Das 21. Jahrhundert wird
nämlich doch kein hinesisches! Und das kommt daher: Die cleveren investment
bankers der China- erfahrenen Firma Goldman Sachs haben nämlich das Thema
China erhebt sich definitiv überdehnt, als sie neulich eine Vorausschau
auf die Weltwirtschaft des Jahres 2050 zum besten gaben. Irgendein Redakteur
der seriösen Tageszeitung aus Frankfurt griff das auf und machte ein Schaubild
aus der Prognose.

Goldman Sachs datiert den Weltuntergang auf das Jahr 2050. Quelle: Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 13.3.2007.
Wenn das Bruttoinlandsprodukt Chinas im Jahre 2050 tatsächlich ca. 50.000
Milliarden Dollar betrüge, dann läge es über dem der gesamten
Welt heute (ca. 45.000 Milliarden Dollar). Es wäre auch das Zwanzigfache
des gegenwärtigen deutschen BIP. Da ein BIP zu aller erst nicht aus Geld
besteht, sondern aus Waren und Dienstleistungen sowie den zu ihrer Herstellung
nötigen Roh- bzw. den dabei anfallenden Abfallstoffen, liegt man nicht
sehr falsch, wenn man unterstellt, dass die fleißigen Chinesen dann von
all diesen Dingen das ca. Zwanzigfache der deutschen Mengen verbrauchen und
ausscheiden würden. Konkret: Es kämen dort pro Jahr etwa 70 Millionen
neue Autos neu auf die Straßen. Natürlich führen die alten auch
noch herum: 900 Millionen Stück. Und es gäbe zwanzigmal so viele Kernkraftwerke
in China wie heute in Deutschland – 360 Stück. Oder, von der Ausstoß-Seite
her gesehen: Um dieses Super-BIP zu erzeugen, brauchten die Chinesen 2050 zwanzigmal
soviel Strom wie die Deutschen heute. Sie würden des halb – nicht
wie der zeit – nur 1,2 Mrd. Tonnen Stein kohle ein hei ten (SKE) dafür
verfeuern, sondern zwanzigmal die deutsche Menge: neun Milliarden Tonnen. Bei
einem CO2-Ertrag von 2,67 Tonnen pro verbrannter Tonne SKE, bliesen sie also
24 Milliarden Tonnen dieses an und für sich gar nicht mal schädlichen
Gases in die Atmosphäre. Das wäre etwa so viel,
wie die gesamte Weltwirtschaft heute ausstößt.
Leider wäre es aber nur dann eine so geringe Menge, wenn die dieser Rechnung
zugrunde liegenden Zahlen des Fischer Weltalma nach 2007 stimmten. Das bezweifelt
je doch die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften. In ihrer Industrial
Map of China-Ausgabe 2006/07 veröffentlichen diese Experten nun aber folgende
Darstellung:

Verschwenderische Amerikaner? Na, da müssten Sie erstmal die Chinesen
sehen: Für eine Einheit ihres Bruttoinlandsproduktes verbrennen sie 3,4
mal so viele Steinkohleeinheiten wie die Amerikaner. Nur die Russen übertreffen
das, wobei deren BIP das chinesische noch lange nicht erreicht hat.
Um also einen Wert von 10.000 Yuan (2005 ca. 820 Dollar) zu produzieren verbrannte
die chinesische Boom-Wirtschaft 1,43 Tonnen SKE. Das‚BIP in jenem Jahr
betrug ca. 2.225 Milliarden Dollar. Das geteilt durch 820 mal 1,43 Tonnen ergibt
3,8 Milliarden Tonnen SKE. Jede davon entlässt nun 2,67 Tonnen CO2 in die
Atmosphäre, woraus sich eine Menge von 10,2 Milliarden Tonnen ergibt. Aber
das war 2005. Im Jahre 2050, wenn die chinesische Wirtschaft laut Goldman Sachs
einsame Welt spitze geworden ist, wird das BIP je doch 20 mal so groß
sein wie 2005. Die heutige Energieeffizienz beibehalten pro du zierte das Land
dann locker 200 Milliarden Tonnen CO2 – das Achtfache dessen, was heute
die ganze Menschheit zustande bringt.
Und selbst wenn die Chinesen es schaffen sollten, ihre Energieeffizienz auf
japanische
Werte zu bringen – ein Siebtel ihres heutigen Wertes – wären
im Falle des Goldman Sachs-Super-Gaus immer noch fast 30 Milliarden Tonnen CO2
aus China zu erwarten.
Wenn es nun stimmt, dass das Weltklima wärmer wird, und dass dies Menschen
gemacht
ist, dann gibt es eine sehr gute Chance, dass 2050 die Pol-Eis kappen weit gehend
abgeschmolzen sind. In diesem Fall würde eintreten, was Ex-US-Vizepräsident
Al Gore in seinem Oscar-Film An Inconvenient Truth für die chinesische
Küste, zum Bei spiel das Yangtse-Delta, zeigt.
Nicht nur das BIP des Yangtse-Delta und der Tianjin-Bohai-Region werden also
2050 versinken, sondern natürlich auch das der Perlfluß-Delta-Region
und überhaupt weiter Teile der chinesischen Küste. Da aber weit über
die Hälfte des chinesischen BIP
gerade dort herkommt, kann die Welt davon ausgehen, daß mit der Auslöschung
dieser Produktionsbasen das chinesische Jahrhundert ebenso ausfallen wird wie
die gesamte Erhebung Chinas.


Gegen Ende seiner Klima-Präsentation kommt Al Gore auf China zu sprechen,
auf das Yangtse-Delta, hier im Bild, und die Tianjin-Bohai Bucht: Beide werden
im Falle abgeschmolzener Polkappen ziemlich tief unter Wasser stehen. Und damit
auch das dort erzeugte BIP.