Dabei sein ist alles!
China ein Jahr vor den Olympischen Spielen
von Holger Haibach
Der Autor:
Geboren 1971 in Usingen und wohnhaft in Weilrod, Studium und Abschluss in den
Fächern Latein, Geschichte und Altgriechisch für das Lehramt an Gymnasien
an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.
Seit September 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages als Wahlkreisabgeordneter
für den Wahlkreis Hochtaunus – Oberlahn und seit November 2005 Stellvertretender
Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe.
Zusammenfassung:
China zeigt sich ein Jahr vor den Olympischen Spielen recht zwiespältig:
zum einen bemüht sich das Land, sich offen und modern zu präsentieren.
Zum anderen werden die Menschenrechte in vielen Bereichen noch immer mit Füßen
getreten. Lagerhaft und Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit
sind weiterhin an der Tagesordnung. Die deutsche Politik ist daher aufgefordert,
diese Probleme im Vorfeld der Olympiade offen anzusprechen und von der chinesischen
Seite endlich wirkliche Verbesserungen einzufordern. Politik, Wirtschaft und
Sport müssen an einem Strang ziehen, um für die Menschen etwas zu
erreichen.
Das Referat
Wenn wir heute über China sprechen, so bietet dieses Land leider –
so muss man sagen – aus menschenrechtlicher Sicht genügend Gesprächsstoff.
China ist und bleibt ein Land der Gegensätze: moderne Städte und alte,
dörfliche Strukturen; Rasantes Wirtschaftswachstum und ausbeuterische Zwangsarbeit;
Ausrichter friedlicher olympischer Spiele und Unterdrücker von Freiheits-
und Menschenrechten. Diese Gegensätze möchte ich heute aus der Sicht
eines deutschen Parlamentariers beleuchten.
Bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 war China hinter den USA die zweiterfolgreichste
Nation. In Peking 2008 will das Land die Nummer eins werden. Das Geheimnis des
Sturmlaufs an die Spitze liegt in der staatlichen Förderung. In rund 3,000
Sportschulen werden bereits fünfjährige Kinder auf Leistung gedrillt.
Rund 10.000 Wissenschaftler kümmern sich um den Leistungssport.1 Für
die Menschenrechte ist in diesem System leider nur sehr wenig Raum.2
China ist ein Thema für den Bundestag - in vielfältiger Hinsicht.
Wir sprechen über die Bedeutung der Wirtschaftsmacht dieses Riesenreichs
und diskutieren die menschenrechtliche Situation seit vielen Jahren unter verschiedenen
Aspekten. Ein Aspekt ist der, unter welchen Bedingungen Waren und Produkte in
China hergestellt werden und was dies für die Menschen bedeutet. Immer
wieder wurde in den vergangenen Jahren auf die Situation der Inhaftierten in
den so genannten „Laogai-Lagern“ hingewiesen. Der bekannte chinesische
Menschenrechtler Harry Wu, selbst ehemaliger Lagerinsasse, schreibt dazu: „Laogai
ist keine chinesische Erfindung. Die Chinesen haben das System von den russischen
Kommunisten übernommen. Die theoretische Basis von Laogai und Gulag stammt
aus den Schriften von Marx und Engels, dann wurden sie von den Sowjets interpretiert
und anschließend von Mao Tse-tung reinterpretiert. Grundsätzlich
sehen diese Theorien Kriminelle als Ausbeuter, denen die Ideologie des Proletariats
abgeht. Um ihnen die Ausbeuterideologie auszutreiben, muss man ihnen beibringen,
zu arbeiten, wie die Mitglieder des Proletariats es gewohnt sind. So sollen
sie dann irgendwann selbst eine revolutionäre Ideologie übernehmen.“3
Kriminalisiert werden jedoch auch und vor allem diejenigen, die andere politische
Auffassungen haben oder für Demokratie und Menschenrechte eintreten.
Heute hat die kommunistische Ideologie in den Lagern fast ausgedient. Es geht
eher um Profit und gezielte Ausbeutung der Arbeitskraft der Inhaftierten. Dennoch
sind auch heute noch schwere Misshandlungen, Folter bis hin zum Tode der Opfer
an der Tagesordnung. Rechte haben diese Menschen keine. Sie haben nur eine Aufgabe:
Arbeiten bis zum Umfallen. Die chinesische Regierung „füllt“
ihre Lager mit den verschiedensten Häftlingen. Es handelt sich dabei häufig
um Anhänger der Meditationsbewegung Falun Gong, Anhänger der demokratischen
Opposition oder auch Christen, die sich nicht den offiziellen Kirchen anschließen
wollen. Besonders die Falun Gong-Anhänger waren den in den letzten Jahren
sehr gefährdet. Wer sich zu Falun Gong bekennt, muss mit größter
Wahrscheinlichkeit mit Verhaftung und Inhaftierung in einem der zahllosen Laogai-Lagern
rechnen.
Ein Grundübel ist dabei, dass die Verhafteten aufgrund der so genannten
„Administrativhaft“ festgehalten werden können. Die Administrativhaft
ermöglicht es, Personen ohne Gerichtsurteil, nur per Polizeiverfügung
bis zu drei Jahre in ein Arbeitslager einzuweisen. Da keine Rechtsmittel dagegen
eingelegt werden können, sind die Betroffenen völlig schutzlos und
der Behördenwillkür ausgeliefert. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen,
aber auch Mitglieder des Deutschen Bundestages haben dieses System in den letzten
Jahren wiederholt scharf verurteilt und eine Abschaffung der Administrativhaft
gefordert. Auch die Bundesregierung nutzt den seit einigen Jahren bestehenden
Deutsch-Chinesischen Rechtsstaatsdialog, um auf diese besondere Problematik
hinzuweisen. Leider bisher allerdings mit wenig Erfolg. Denn nach jüngsten
Verlautbarungen eines Mitglieds des Politbüros der chinesischen KP will
die Regierung auch weiterhin an der Administrativhaft und den Umerziehungslagern
festhalten. Ein Besserung und Hinwendung zu echter Rechtsstaatlichkeit im Umgang
mit Inhaftierten sowie eine Einführung rechtsstaatlicher Mindeststandards
in Strafprozessen ist somit nicht erkennbar.3 Auch die jüngsten
Ankündigungen der chinesischen Regierung, das Lagersystem und die Administrativhaft
zu ändern, die Haftzeit auf 18 Monate zu begrenzen und nachträgliche
Überprüfungen der Haft zuzulassen, können aus rechtsstaatlicher
und menschenrechtlicher Sicht nicht überzeugen.4
Dies muss auch für uns als Parlamentarier ein Ansporn sein, unsere Bemühungen
in dieser Frage fortzusetzen. Dies betrifft auch die Bedingungen unter denen
die Waren in China produziert werden. Es ist für uns nicht hinnehmbar,
wenn Waren nach Deutschland oder Europa kommen, die von Inhaftierten unter menschenunwürdigen
Bedingungen in Zwangsarbeit hergestellt werden müssen. Allerdings ist eine
Kontrolle der Produkte schwierig, da die Waren oftmals über Zwischenhändler
nach Europa gelangen und es somit nicht mehr nachweisbar ist, woher die Produkte
stammen. Wir haben gerade diese Problematik zum Anlass genommen, einen interfraktionellen
Antrag in den Bundestag einzubringen, indem die Bundesregierung aufgefordert
wird, deutsche Unternehmen darauf hinzuweisen, dass keine Waren aus Laogai-Lagern
importiert werden sollten. Auch auf europäischer Ebene müssen stärkere
Anstrengungen unternommen werden, um die Einfuhr solcher Produkte zu unterbinden.6
Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008 ist es notwendig, dass Importe
aus Laogai-Lagern begrenzt, wenn nicht gar unterbunden werden, denn häufig
kommen billige Sportartikel aus China, ohne dass deren genaue Herkunft bekannt
ist. Es ist ein innerer Widerspruch, wenn die Regierung freie Spiele für
die Sportler propagiert, aber bei der Herstellung von Sportartikeln auf die
Arbeitskraft von tausenden Inhaftierten setzt.
Ein weiteres Problemfeld in China ist die praktisch nicht vorhandene Religionsfreiheit.
Dabei haben religiöse Gruppen in dem Land einen enormen Zulauf. Offenbar
suchen die Menschen wieder verstärkt spirituellen Halt bei den Kirchen
und Religionsgemeinschaften, da die inzwischen vielfach „aufgeweichte“
kommunistische Ideologie der KPCh keine Perspektive für die Menschen mehr
bietet. Sie suchen sich neue Wege, um Ansprechpartner für ihre alltäglichen
Sorgen zu haben.
Trotz der wachsenden Zahl von Gläubigen ist die chinesische Regierung sehr
darum bemüht, religiöse Betätigung möglichst einzuschränken.
Dies geschieht auf vielfältige Weise. So müssen sich kirchliche Gruppen
auch weiterhin beim Religionsamt registrieren und sich einer der fünf offiziellen
anerkannten „Kirchen“ unterordnen. Die Registrierungserfordernisse
sind rigide und eröffnen dem Staat weitgehende materielle und inhaltliche
Einflussmöglichkeiten. Gruppierungen, die sich, aus theologischen und anderen
Gründen, gegen eine Registrierung sperren, werden in den Untergrund abgedrängt
und sind Repression und Verfolgung ausgesetzt.
Davon sind vor allem romtreue Katholiken und unabhängige Protestanten
betroffen, die die offiziellen Kirchen der Regierung ablehnen. Inzwischen haben
sich eine ganze Reihe so genannter „Hauskirchen“ gebildet. Dabei
handelt es sich um Zusammenschlüsse von Gläubigen, die gemeinsam beten,
Gottesdienste feiern und Bibelstunden abhalten. Oftmals sind diese Bibelstunden
für die Betroffenen die einzige Chance, in der Bibel zu lesen, da Millionen
Christen keine eigene Bibel besitzen. Die Situation der einzelnen Hauskirchen
ist indes sehr unterschiedlich. So werden Gottesdienste der nicht anerkannten
protestantischen „Hauskirchen“ sowie der romtreuen katholischen
Untergrundkirche immer wieder gewaltsam aufgelöst, Gotteshäuser zerstört,
Gläubige verhaftet und teilweise in Straflager eingewiesen. Häufig
werden diese Menschen in die erwähnten Laogai-Umerziehungslagern eingewiesen,
wo sie gezwungen werden, ihrem Glauben abzuschwören und sich wieder der
kommunistischen Staatsideologie zu unterwerfen. Auch vor Druck auf Angehörige
schrecken die Sicherheitskräfte nicht zurück, um missliebige Gläubige
zu disziplinieren.6
Die Kommunistische Partei sieht in den Kirchen und ihren Gläubigen offenbar
eine echte Gefahr und Herausforderung für den eigenen Machterhalt. Mit
rund 70 Millionen Protestanten und rund zwölf Millionen Katholiken steht
der KPCh ein Netzwerk gegenüber, das sich durch das ganze Land zieht und
sich nur teilweise kontrollieren lässt.7 Besonders alarmierend für
die Führung ist, dass die Zahl der Kirchenanhänger kontinuierlich
wächst, was irgendwann den Machtanspruch der Kommunisten ernsthaft in Frage
stellen könnte. Bisher verhalten sich die Gläubigen zumeist jedoch
still und konzentrieren sich auf ihre Religion. Besonders argwöhnisch betrachten
die Behörden dabei, dass in den vergangenen Jahren auch einige Dissidenten
und Bürgerrechtler zum Christentum übergetreten sind und dort auch
teilweise politisch aktiv sind. Gerade solche Verbindungen fördern die
Repressalien gegenüber den Hauskirchen, die oftmals mit Inhaftierungen
enden.
Aber auch andere Gruppen wie die Uighuren werden durch die Zentralregierung
massiv unterdrückt. Ihre Zugehörigkeit zum Islam dient als Deckmantel
einer generellen Diffamierung als islamistische Terroristen. Die Regierung hat
in den letzten Monaten die Militärpräsenz in der Provinz Xinjian verstärkt,
um eine mögliche Opposition oder separatistische Bestrebungen im Keim zu
erstricken.8 Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele wollen die Machthaber
jede von Form von Kritik und Opposition jeglicher Religionen oder Ethnien vermeiden,
um die Geschlossenheit der chinesischen Gesellschaft zu präsentieren.
Weiterhin muss die Unterdrückung der Religionsfreiheit im Hinblick auf
die Olympischen Spiele deutlich angesprochen werden. China wird versuchen, sich
während der Olympiade als modernes und fortschrittliches Land zu präsentieren.
Gerade daher ist es dringend notwendig, auch die schweren Menschenrechtsverletzungen
offen anzusprechen und sich für die christlichen Glaubensbrüder einzusetzen.
Meine Fraktion hat dieses Problem im vergangenen Herbst erneut aufgegriffen
und wir haben einen entsprechenden Antrag zum Problem der Christenverfolgung
eingebracht.9 Gerade weil uns diese Thematik sehr am Herzen liegt, haben wir
die Bundesregierung darin u.a. aufgefordert, den deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog
auch in dieser Frage zu führen. Nach unserer Auffassung müssen die
vorhandenen Kontakte genutzt werden, um der chinesischen Führung deutlich
zu machen, dass Religionsfreiheit ganz ursächlich zu den Menschenrechten
und Rechtsstaatlichkeit gehört.10 Ich selbst bin überzeugt, dass die
Bundesregierung die Chance besser als ihre Vorgängerin nutzen wird, der
chinesischen Seite zu verdeutlichen, dass wir nun endlich wirkliche Fortschritte
bei den offenen Menschenrechtsfragen erwarten.
Ebenso wenig erfreulich ist aus meiner Sicht die derzeitige Entwicklung der
Pressefreiheit in China. Hier erreichen uns ambivalente Nachrichten, die einerseits
Hoffnung verbreiten, andererseits auch Anlass zu massiver Kritik geben. So meldete
die „Die Welt“ vor einigen Wochen: „Peking gewährt olympische
Pressefreiheit“12. Dies liest man mit gewisser Freude, aber wenn man hinter
die Kulissen schaut, so wird schnell deutlich: Diese Freiheit gilt nur für
ausländische Medienvertreter und ist auf die Zeit von Januar 2007 bis Oktober
2008 beschränkt. Sensible Themen allerdings, wie etwa die Tibetfrage, das
Tiananmen-Massaker oder auch Berichte über Demonstrationen oder Streiks,
sind von der Freiheit ausgenommen. Hier gelten die alten rigiden Regeln, auch
wenn die bisherige Behördenwillkür eingeschränkt werden soll.
Allerdings bleibt ein bitterer Beigeschmack, wenn von dieser neuen Freiheit
nur ausländische Journalisten profitieren. Einheimische Journalisten sind
auch weiterhin sehr eingeschränkt und müssen bei sensiblen Themen
mit Repressionen rechnen. Wer etwa Korruption, Amtsmissbrauch und Umweltvergehen
kritisiert, erfährt häufig körperliche Gewalt. Erst jüngst
verstarb ein Journalist, weil er Korruption in der Polizei offen kritisiert
hatte. Er wurde vorsätzlich von Polizisten ermordet, um weitere Veröffentlichungen
zu verhindern.12 Aber auch mafiöse Strukturen bei Betreibern von Industriebetrieben
und Verwaltungen üben massiven, oft gewalttätigen Druck auf die Journalisten
aus, wenn sie über unerwünschte Vorfälle berichten.13
Die Regierung hat die Regelungen für Presseveröffentlichungen restriktiv
verschärft, um vor allem auch sozialkritische Berichterstattungen zu unterbinden.
Wer etwa von Katastrophenfällen berichtet und sich dabei auf Augenzeugenbericht
statt auf die offizielle Statements der Propagandabehörden stützt,
muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Rund eineinhalb Jahre vor der
Olympiade in Peking zieht die Regierung im Bereich der Pressefreiheit die Daumenschrauben
an, um unliebsame Berichte auszuschließen. Ziel ist es, das Bild eines
geschlossenen Landes zu vermitteln, indem es scheinbar keine größeren
Probleme gibt. Opfer dieses Kurses sind jedoch nicht nur Menschenrechte und
Pressefreiheit, sondern auch die Menschen selbst. Insbesondere das riesige Millionenheer
der Wanderarbeiter wird aus der Hauptstadt verdrängt, um das Bild der sauberen
Metropole nicht zu stören.14
Noch immer unterliegen die rund 2.000 Presseerzeugnisse Chinas der rigiden
Kontrolle des Zentralkomitees des KPCh. Hier werden zentrale Sprachregelungen
erlassen, Chefredakteure angewiesen, aber auch direkt in die Arbeit der Redaktionen
eingegriffen. Wer missliebige Beiträge veröffentlicht, die der Vorzensur
entgangen sind, muss mit Entlassung und im schlimmsten Fall mit Inhaftierung
rechnen.15
Besonders problematisch ist aus meiner Sicht die stetig wachsende Kontrolle
und Zensur des Internets. China hat sich hier zum „fortschrittlichsten
Land“ weltweit entwickelt und investiert große Summe in die Kontrolle
des Internets. Zwar steigt die Zahl der Nutzer unaufhörlich an –
inzwischen gibt es fast 140 Millionen Internet-Nutzer in der Volksrepublik –
gleichzeitig erhöht die Partei jedoch auch drastisch das Personal sowie
die technischen Möglichkeiten, um das Web zu zensieren. Mehrere zehntausend
Personen arbeiten als „Internet-Polizei“ und überwachen, was
etwa in den verschiedenen Foren und Portalen publiziert wird. Daneben kontrollieren
sie den Email-Verkehr und entwickeln spezielle Filtersoftware, die unerwünschte
Webseiten blockiert und unzugänglich macht.16 In den letzten Jahren hatten
sich vor allem die verschiedenen Foren und Weblogs zu einem Sammelort kritischer
Stimmen in der Volksrepublik entwickelt. Publizisten und Cyberdissidenten veröffentlichten
hier ihr Stellungnahmen zu wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen,
auch mit besonderem Blick auf die Vorbereitungen der Olympiade 2008. Doch auch
hier gilt: Wer unerlaubte Kritik übt, muss mit Verhaftung und Inhaftierung
rechnen. Derzeit sitzen nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“
über 50 Blogger in chinesischen Gefängnissen ein, weil sie gegen die
strenge Zensur verstoßen hatten.17
Insgesamt zeigt diese kurze skizzenhafte Darstellung, mit welchen aktuellen
Problemen die Menschenrechtslage in der Volksrepublik China gut ein Jahr vor
den Olympischen Spielen umrissen werden kann. Der fromme Wunsch der Olympia-Funktionäre,
die friedlichen Spiele würden Demokratie und Menschenrechte in das Land
bringen, erfüllt sich nach meiner Auffassung bisher nicht. Zwar gibt es
einzelne positive Zeichen, wie etwa eine Überprüfung des Laogai-Systems
oder eine zeitweise Lockerung der Presseberichterstattung für ausländische
Journalisten. Dennoch muss die Entwicklung mit großer Skepsis betrachtet
werden. Die Regierung bemüht sich offenbar nach Kräften darum, China
als ein modernes und weltoffenes Land zu präsentieren. Dies geht jedoch
auf Kosten der sozialen und politischen Rechte des Einzelnen, wenn etwa Menschen
aus ihren Häusern verdrängt werden, um Sportstätten zu bauen.
Kritische Stimmen, die gegen solche und andere Maßnahmen protestieren
und das Vorgehen der Behörden publik machen, müssen mit scharfen Sanktionen
rechnen.18
Die Frage ist nun: Was können wir konkret unternehmen, um zu einer Verbesserung
der Situation beizutragen? Die Bundesregierung und zahlreiche Mitglieder des
Bundestages bemühen sich seit vielen Jahren, um intensive Kontakte, um
die menschenrechtliche Lage zu thematisieren. Der Menschen- und Rechtsstaatsdialog
der Bundesregierung ist ein probates Mittel, um diese Themen zur Sprache zu
bringen. Die Bundesregierung nutzt die Gelegenheit, um die chinesische Seite
auf die Notwendigkeit rechtsstaatlicher Reformen hinzuweisen und insbesondere
auf die Durchführung fairer Verfahren zur drängen. Aber man muss auch
klar sehen, dass dieser Dialog bisher aus unserer Sicht nur wenig handfeste
Ergebnisse gebracht hat. Dies ist unbefriedigend und ist gelegentlich auch zu
Recht kritisiert worden. Ein Menschenrechtsdialog darf nicht zu einer „Feigenblattveranstaltung“
für Menschenrechtsverletzer werden. Daher legt der Deutsche Bundestag auch
größten Wert darauf, dass die Gespräche stets einer kritischen
Kontrolle über mögliche Fortschritte unterzogen werden. Ein entsprechendes
Monitoring halt ich für unabdingbar.
Die verschiedenen Fraktionen haben in den vergangen Jahren wiederholt kritisch
zur Menschenrechtssituation in der Volksrepublik Stellung bezogen und auf eine
Einhaltung der Menschenrechte bestanden. So haben CDU/CSU und FDP in der vergangenen
15. Legislaturperiode einer Aufhebung des EU-Waffenembargos gegenüber China
eine klare Absage erteilt.19 An dieser Position kann auch nicht gerüttelt
werden, solange die Situation so unbefriedigend ist wie bisher. Wir stimmen
in unserer Einschätzung auch mit der Europäischen Kommission überein,
die auch konkrete Fortschritte bei den Menschenrechtsfragen fordert, bevor über
eine Aufhebung des Embargos gesprochen werden kann.20 Bereits im letzten Jahr
hat die Bundeskanzlerin anlässlich des Besuchs des chinesischen Premierministers
Wen Jiabao in Deutschland deutlich gemacht, dass eine freie Presse bei der Olympiade
2008 unumgänglich sei und forderte die uneingeschränkte Einhaltung
der Menschenrechte.21 Wenig überzeugend waren allerdings die Bemühungen
der Chinesen zur Schadensbegrenzung, die die verschärfte Pressezensur als
„Missverständnis“ abtun wollten.23
Im Hinblick auf die Olympiade 2008 wird es in diesem Jahr mehrere Aktionen
innerhalb des Parlaments geben. So soll zum einen ein interfraktioneller Antrag
in den Bundestag eingebracht werden, der die Menschenrechtsituation in China
beleuchtet und konkrete Forderungen stellen wird. Zum anderen plant der interfraktionelle
„Tibet Gesprächskreis“, dem ich als Abgeordneter vorsitze,
eine größere Veranstaltung mit Sportfunktionären und Sportlern.
Diese sollen in Gesprächen auf die besondere Lage in der Volksrepublik
aufmerksam gemacht und für die Problematik sensibilisiert werden. Wer als
Sportler im kommenden Jahr in das Land fährt, soll nicht die Augen vor
Unterdrückung und Rechtlosigkeit zahlloser Menschen verschließen.
Als Tibet Gesprächskreis bewegt uns natürlich vor allem auch die Unterdrückung
der Menschen in Tibet und die schleichende Ausrottung der alten tibetischen
Kultur durch die chinesische Besatzung. Wir erhoffen uns von dem Treffen mit
den Funktionären und Teilnehmern auch eine größere Beachtung
des Themas in der Öffentlichkeit. Ein gewisser öffentlicher Druck
auf die chinesische Regierung erscheint mir ein legitimes Mittel zu sein, um
weitere Fortschritte bei Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu erzielen.
Die Olympischen Spiele 2008 werden das Licht der Öffentlichkeit auf China
werfen. Es liegt an uns, dieses Licht zu nutzen und die Schatten, die aus menschenrechtlicher
Sicht auf diesem Land liegen, auszuleuchten. Die Olympischen Spiele dürfen
der chinesischen Führung nicht dazu dienen, ein Bild von China zu zeichnen,
das nicht der Wirklichkeit entspricht. Helfen wir dabei, ein realistisches Bild
zu präsentieren. Nutzen wir auch die öffentliche Aufmerksamkeit, um
konstruktiv auf China und seine Regierung einzuwirken, damit sich die Situation
für die Bevölkerung verbessert, auch dann, wenn die Flamme der Olympischen
Spiele in Peking erloschen ist.
- Vgl. http://www.jesus.ch/index.php/D/article/21-Sport_&_Freizeit/28862-Olympia_2008:_Die_Kehrseite_der_Medaille/
- Zur Entwicklung der Menschenrechte grundlegend: Klaus Mühlhahn: Zwischen
Ablehnung und Akzeptanz – Menschenrechte und Geschichte im modernen
China. In: China aktuell 1/2006, S. 7-40.
- Harry Wu: „Dein Charakter passt nicht in dieses Land!“: In:
Die Welt v. 4.2.2001.
- Vgl. Weiter Administrativhaft in China. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 23.2.2007.
- Vgl. China will andere Arbeitslager. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 2.3.2007; China reviews 're-education’ law: In: http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/6407165.stm
- Vgl. Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen
„Für die Verurteilung des Systems der Laogai-Lager in China“
(BT-DS 16/4559).
- Vgl. Mutter eines Christen-Aktivisten verurteilt: In: Frankfurter Allgemeine
Zeitung v. 28.2.2007.
- Vgl. Wird die Volksrepublik China zu einem christlichen Land? In: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 30.12.2006.
- Vgl. Brathammel statt Peking-Ente. In: DER SPIEGEL v. 17.2.2007.
- Vgl. Antrag der Abgeordneten Erika Steinbach, Holger Haibach u.a.: „Solidarität
mit verfolgten Christen und anderen verfolgten religiösen Minderheiten“
(BT-DS 16/3608).
- Vgl. Volkmar Köhler: Zur Menschenrechtspolitik der Volksrepublik China.
In: Die Politische Meinung, Nr. 423/Februar 2005, S. 31-33; Katja Levy: Die
deutsche Regierung hat gewechselt – der Deutsch-Chinesische Rechtsstaatsdialog
geht weiter. In China aktuell 5/2006, S. 64-82.
- Peking gewährt olympische Pressefreiheit. In: Die Welt v. 2.12.2006.
- Vgl. Wer die Harmonie stört. In: Das Parlament v. 18.12.2006.
- Vgl. Wieland Wagner: Kopf- oder Schweigegeld. In: DER SPIEGEL v. 19.3.2007.
- Vgl. Im Namen der Spiele. China und die Menschenrechte: Über das Märchen,
ein olympisches Fest blase demokratischen Wind durch Reich der Mitte. In:
Berliner Zeitung v. 15.1.2007. Zur Situation der Wanderarbeiter umfassend
die Studie von amnesty international. In: http://web.amnesty.org/library/pdf/ASA170082007ENGLISH/$File/ASA1700807.pdf
- Vgl. Presse in China: große Zahlen, kleine Freiheiten: In: http://www.medienbote.de/11931_schlagzeile.htm
- Vgl. Chinas KP will Internet säubern. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 26.1.2007.
- Vgl. Internet unerwünscht: In: die tageszeitung v. 7.3.2007
- Vgl. Petra Kolonko: Pekinger Probelauf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 11.12.2006.
- Vgl. Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP: Keine Aufhebung des EU-Waffenembargos
gegenüber China (BT-DS 15/5103).
- Vgl. Martin Kühl: Europa hält an China-Embargo fest. In: Financial
Times Deutschland v. 19.1.2007.
- Vgl. Merkel fordert Pressefreiheit in China. In: Berliner Zeitung v. 15.9.2006.
- Vgl. Petra Kolonko: Alles angeblich nur ein „Missverständnis.
Chinas neue Zensurbestimmungen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.9.2006.