Chinas Wirtschaft und Menschrechte
von Man-Yan Ng
Der Autor:
Man-Yan Ng geboren 1948 in Hongkong, studierte und arbeitete zwischen 1967 und
1981 in Schweden. Seit 26 Jahren lebt er in Deutschland und war in verschiedenen
internationalen Konzernen als Entwicklungsingenieur, Leiter der Entwicklung
im High-tech-Bereich und als Geschäftsbereichsleiter tätig. Zurzeit
arbeitet er als Verkaufsleiter im Bereich Energieleittechnik und ist verantwortlich
für globales Marketing und Vertrieb bei der Firma ABB. Man-Yan Ng ist auch
ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei der Internationalen Gesellschaft für
Menschenrechte (IGFM).
Zusammenfassung:
Chinas wirtschaftliche Entwicklung ist durch den Gegensatz zwischen einer schnell
wachsenden Wirtschaft einerseits und einem Einparteiensystem mit der Kommunistischen
Partei an der Spitze andererseits gekennzeichnet. Durch die rücksichtslose
und auf kurzfristigen Profit gerichtete Wirtschaftspolitik der Kommunistischen
Partei sind in China Umweltprobleme entstanden, die in ihrem Ausmaß weltweit
einmalig sind. Ähnlich rücksichtslos geht die Kommunistische Partei
auch mit den grundlegendsten Menschenrechten um. Die traditionelle Kultur Chinas
mit ihren moralischen Werten ist seit 1949 systematisch durch die Kultur der
Kommunistischen Partei ersetzt worden. Diese besagt: „Der Zweck heiligt
die Mittel“. Die Mittel sind dabei vielfältig: Lügen, Betrügen,
Gewalt, Terror…. Das Rechtsystem existiert nur in Theorie, da die Partei
stets über den Gerichten und den Gesetzen steht. Ein starkes China das
Menschenrechte verteidigt – ein Glück für die Menschheit. Ein
starkes China das Menschenrechte ignoriert – eine Katastrophe für
die Menschheit. Es geht uns alle an!
Das Referat
Einleitung
Chinas wirtschaftliche Entwicklung ist durch den Gegensatz zwischen einer schnell
wachsenden Wirtschaft einerseits und einem Einparteiensystem mit der Kommunistischen
Partei an der Spitze andererseits gekennzeichnet. China hat seit 1980 Wachstumsraten
zwischen 6 bis 10 % erzielt und zwischenzeitlich entspricht das Bruttoinlandsprodukt
rund der Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Weitere Kennzeichen
der chinesischen Wirtschaft sind die extrem hohen ausländischen Direktinvestitionen
(USD 55 Mrd. in 2005) und hohe staatliche
Investitionen in die Förderung einzelner Industrien (insb. High-Tech)
sowie in die Rüstung (mehr als 18 % des BIP; der Rüstungsetat
ist im März 2007 durch den Volkskongress erneut um 15 % erhöht
worden). Die Aggressivität der chinesischen Wirtschaft hat sich in letzter
Zeit auch in vermehrten Übernahmeversuchen durch staatlich kontrollierte
chinesische Unternehmen im Ausland niedergeschlagen.
Gleichzeitig stellt sich vor dem Hintergrund der rigiden Wechselkurspolitik
und der Missachtung internationaler Normen bei sozialen und umwelttechnischen
Standards die Frage, ob China als fairer Wettbewerber bezeichnet werden kann.
Das Geheimnis des chinesischen Wirtschaftswunders
Welche Faktoren haben nun das chinesische Wirtschaftswunder ermöglicht?
Zu nennen ist hier vor allem die Geschäftstüchtigkeit des chinesischen
Volkes, die jahrzehntelang durch die Kommunistische Partei unterdrückt
wurde und durch die Wirtschaftsreformen der 1980er Jahre Luft zum Atmen bekommen
hat. Dadurch haben die Wirtschaftsreformen ihre gewünschte Wirkung erzielen
können: das Leben der Kommunistischen Partei Chinas um einige Jahre zu
verlängern, nachdem die Partei durch den wirtschaftlichen Niedergang während
der Kulturrevolution in eine Existenz bedrohende Lage geraten war.
Die jahrzehntelange Verarmung und der ideologische Bankrott des kommunistischen
Ideals haben zusätzliche Wirkung entfaltet. Die Chinesen, die immer wieder
durch die verschiedenen Bewegungen der Partei („Großer Sprung nach
Vorne“, verschiedene Stufen der „Kulturrevolution“ etc.) ihren
mühsam aufgebauten Wohlstand vernichtet sehen mussten, haben jetzt die
Hoffnung, endlich der Armut zu entrinnen und sind dementsprechend hoch motiviert
und arbeitsam. Zudem fehlen nach der gründlichen Vernichtung der traditionellen
chinesischen Kultur durch die Kommunistische Partei und dem späteren Zerfall
der kommunistischen Ideologie andere Ideale, so dass die heutigen Chinesen all
ihre Hoffnungen auf materiellen Erfolg setzen.
Der wirtschaftliche Aufschwung ist auch durch die Unterstützung vieler
Auslandschinesen begünstigt worden. Durch sie ist der unter anderen Umständen
sehr mühsame Know-how Transfer beschleunigt worden; zudem haben die Auslandschinesen
schon frühzeitig Kapital für den Aufbau ganzer Industrien zur Verfügung
gestellt.
Die gefährlichen Zuwächse
Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist jedoch nicht der einzige auffällige
Zuwachs im chinesischen Wirtschaftsleben. Die anderen Zuwächse sind nicht
minder stark, aber viel Besorgnis erregender. Hierzu zählen die wachsende
Korruption in Wirtschaft und Verwaltung, wodurch große Teile des Bruttoinlandsprodukts
und auch ausländischer Investitionsmittel höchst unproduktiv versickern.
Die grassierende Korruption verstärkt auch die bestehende Unzufriedenheit
in den großen Teilen der Bevölkerung, die bisher nicht vom wirtschaftlichen
Aufschwung profitieren konnten.
Im Gegenteil ist trotz des starken Wirtschaftswachstums eine deutliche Zunahme
der Klassenunterschiede festzustellen. Die Gesellschaft teilt sich in Profiteure
und Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung. So beläuft sich der Gini-Faktor
als Messgröße für die Einkommensverteilung auf 0,59 (gemäß
Prof. Chang Ching-Hsi, Taiwan), wobei bei einem Faktor von 0,4 schon die soziale
Stabilität als gefährdet einzustufen wäre.
Ein starkes Wachstum ist auch bei der Kreditvergabe chinesischer Banken zu
beobachten. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob die heutige
hohe Kreditvergabe nicht wieder ein Anwachsen der notleidenden Kredite im Bankensystem
hervorrufen wird. Die in den 1980er und 1990er Jahren angehäuften notleidenden
Kredite sind in den letzten Jahren durch staatliche Kapitalspritzen reduziert
worden, wenngleich sie mit geschätzten 20-30 % der Bankkredite weiterhin
im internationalen Vergleich eine ausgesprochen hohe Quote aufweisen. Was sich
aber nicht verändert hat, ist die direkte Kontrolle aller Staatsbanken
durch die Kommunistische Partei. Insofern steht zu befürchten, dass Kredite
weiterhin nicht anhand wirtschaftlicher Kriterien, sondern allein nach dem Willen
der Partei und wichtiger Funktionäre zur Verfügung gestellt werden.
Zwei chronische Probleme der VR China
Durch die rücksichtslose und auf kurzfristigen Profit gerichtete Wirtschaftspolitik
der Kommunistischen Partei sind in China Umweltprobleme entstanden, die in ihrem
Ausmaß weltweit einmalig sind. So sind inzwischen mehr als die Hälfte
der Flüsse vergiftet und fischfrei. Durch die uneingeschränkte Abholzung
der Wälder nehmen Anzahl und Umfang der jährlichen Überschwemmungen
drastisch zu; gleichzeitig wird dadurch das weitere Vordringen der Wüsten
beschleunigt. Das normale Leben der Menschen ist durch diese Umweltprobleme
in vielen Regionen Chinas bereits gefährdet.
Ähnlich rücksichtslos geht die Kommunistische Partei auch mit den
grundlegendsten Menschenrechten um. Jeder auch nur vermuteten Gefährdung
der Existenz der Kommunistischen Partei wird mit gnadenloser Brutalität
begegnet. Zu den verfolgten Gruppen zählen Falun Gong, Christen, Tibeter,
Intellektuelle, Mitglieder der Arbeiter- oder Demokratiebewegung etc. Die Partei
hat über die Jahre ein ausgereiftes System zur Verfolgung dieser Gruppen
entwickelt. Hierzu zählen der vom Ministerium für Öffentliche
Sicherheit aufgebaute stasi-ähnliche Überwachungsapparat oder das
Arbeitslagersystem, das es ermöglicht, Regimegegner ohne weiteres zu verhaften
und jahrelanger Gehirnwäsche und Folter zu unterziehen. Nach neuesten Erkenntnissen
vom März 2006 sind darüber hinaus Konzentrationslager eingerichtet
worden, die unter anderem dazu genutzt werden, Falun Gong Übende zur gewinnbringenden
Organentnahme zu töten.
Ein trauriger Kontrast
Im Ergebnis entsteht ein krasser und trauriger Kontrast, der das heutige China
kennzeichnet. Einerseits ist China eine scheinbar moderne, wachsende Wirtschaftsmacht
mit den weltweit größten Produktionskapazitäten für eine
breite Produktpalette, die von Spielzeugen über Textilien und Lederwaren
bis zu Telefonen und Computern reicht. China profitiert dabei davon, dass es
extrem billige Arbeitskräfte zur Verfügung stellen kann: zu einem
Heer von Hunderten von Millionen armer Bauern kommen noch mehr als 20 Millionen
Gefangene in Gefängnissen und Arbeitslagern, die als völlig kostenlose
Produktionskräfte eingesetzt werden. Andererseits ist China weiterhin ein
von der Kommunistischen Partei beherrschtes Land, in dem weder die Umwelt noch
Demokratie oder nur die grundlegendsten Menschenrechte respektiert werden. Ganz
im Gegenteil setzt die Partei die durch die wirtschaftliche Entwicklung gewonnenen
Mittel ein, um die Unterdrückung der Bevölkerung weiter zu verschärfen
und gleichzeitig vor der Weltöffentlichkeit zu verschleiern. Viele Produkte
sind heute „Made in China“, aber leider nicht Demokratie, Freiheit
und Menschenrechte.
China, quo vadis?
Die Entwicklung des chinesischen Kommunismus lässt sich in folgende Abschnitte
unterteilen. Zwischen 1921 und 1949 wurde die kommunistische Gleichheitstheorie
propagiert, die dazu diente, die unzufriedenen armen Massen aufzuwiegeln. Nachdem
1949 die Machtergreifung gelungen war, wurde der kommunistische Klassenkampf
als theoretische Basis genutzt, um die als Gefahr für die alleinige Macht
der Partei betrachteten Wohlhabenden und Intellektuellen zu bekämpfen.
Nachdem durch den wirtschaftlichen Niedergang die Existenz der Partei bedroht
war, wurde seit 1978 erneut eine neue Richtung eingeschlagen. Die wesentlichen
Parolen dieser Zeit sind „Sozialismus mit chinesischer Prägung“,
„Schwarze Katze, weiße Katze, Hauptsache sie fängt Mäuse“,
„Eliminierung aller destabilisierenden Faktoren im Anfangsstadium“
und „Kapitalisten dürfen in die KP eintreten“.
Egal welche politische Richtung in einer bestimmten Zeitperiode eingeschlagen
wurde, sie diente stets nur einem Ziel: der Machtergreifung und –erhaltung
der Kommunistischen Partei. Dies ist der alleinige Zweck der Politik Chinas
und dazu sind alle Mittel recht.
In der alten Tradition Chinas standen moralische Werte im Vordergrund. Es wurde
viel Wert auf die Harmonie von Mensch und Himmel (Natur, Kosmos) gelegt. Werte
wie Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit, Vertrauen und Respekt waren Eckpfeiler
der gesellschaftlichen Ordnung. Diese Kultur der moralischen Werte ist seit
1949 systematisch durch die Kultur der Kommunistischen Partei ersetzt worden.
Diese besagt: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Die Mittel sind dabei
vielfältig: Lügen, Betrügen, Gewalt, Terror….
Diese Zerstörung der Moral entzieht auch partnerschaftlichen Geschäftsbeziehungen
die Grundlage und führt zu zahlreichen Risiken für ausländische
Unternehmen in China. Es fehlen wesentliche Grundlagen einer erfolgreichen geschäftlichen
Partnerschaft wie moralische und ethische Grundsätze aber auch Rechtssicherheit.
Diese ist allein dadurch schon nicht gegeben, dass die Partei stets über
den Gerichten und den Gesetzen steht. Stattdessen ist die Kultur der Partei
überall weit verbreitet: es herrschen Egoismus und die Einstellung von
„Der Zweck heiligt die Mittel“ vor. Dadurch gibt es kaum sozialpsychologische
oder religiöse Hemmungen gegen Unehrlichkeit und Betrug. Als ausländisches
Unternehmen muss man sich daher die Frage stellen, wie sicher geschlossene Verträge
sind oder wie viel Glauben man den Worten der Geschäftspartner schenken
kann.
Wie könnte nun eine erfolgreiche Geschäftsstrategie für ausländische
Unternehmen in China ausgestaltet sein? Als ausländisches Unternehmen sollte
man sich auf große Veränderungen in der chinesischen Politik und
Gesellschaft in den kommenden Jahren einstellen. Hierzu zählt auch, dass
Investments mit langen Pay-offs vermieden werden sollten. Gleichzeitig sollte
ein ausländisches Unternehmen auch darauf achten, weder direkt noch indirekt
in Menschenrechtsverletzungen in China involviert zu sein. Eine zukunftsweisende
Strategie verfolgt, wer gute Beziehungen zu den Kräften aufbaut, die China
durch einen friedlichen Weg zum Positiven führen werden. Und es gilt, sich
auf den wirklich stabilen und blühenden Handel mit China nach dem Fall
der Kommunistischen Partei vorzubereiten.
Quellen:
Economist, World Bank, Council on Foreign Relations, WSWS, Epoch Times, www.humanrightswatch.org.