Aktuelle Nachrichten – China - Medien
09.07.2009
Peking – Bei Ausbruch der jüngsten Ausschreitungen in der Uiguren-Provinz Xinjiang begegnete China den internationalen Medien mit einer ganz neuen Umarmungsstrategie: Statt sie auszusperren, lud die Regierung sie ausdrücklich zu einer Pressereise nach Urumqi ein. Dieser krasse Gegensatz zum Umgang mit den Unruhen in Tibet im vergangenen Jahr lässt darauf schließen, dass China hofft, mit einer größerer Offenheit auch die eigene Botschaft besser unter die Leute bringen zu können.
„Sie sind raffinierter geworden im Umgang mit der in- und ausländischen Krisenberichterstattung. Früher gab es bei größeren Krisen eine Nachrichtensperre. Jetzt ist der Ansatz, den Standpunkt der Regierung 'rüberzubringen“, sagt Rebecca MacKinnon, Journalistik-Professorin an der Universität Hongkong.
Nur einen Tag nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Uiguren und Han-Chinesen, bei denen 156 Menschen getötet und 1.100 verletzt wurden, sprach das Presseamt am Montag seine höchst ungewöhnliche Einladung zu der Informationsreise aus. „Um den Auslandsmedien dabei zu helfen, objektiver, fairer und freundlicher zu berichten“, hieß es zur Begründung.
Journalisten von 60 Medien wurden noch am Montag nach Urumqi geflogen und im größten Hotel der Stadt untergebracht, wo ein Pressezentrum eingerichtet war. Es wurden Sonderakkreditierungen ausgegeben und Pressekonferenzen arrangiert. Das Hotel war der einzige Ort in der Stadt, an dem der Internet-Zugang nicht gekappt war – was auch dazu beitrug, dass die Reporter in der Nähe blieben.
Dennoch behielt die Regierung nicht alles unter Kontrolle. Als die Reporter am Dienstag durch die Stadt geführt wurden, um die Schäden zu besichtigen, tauchte eine Gruppe von etwa 200 uigurischen Frauen auf, die schreiend und klagend gegen die Verhaftung ihrer Männer und Söhne protestierten. Das stand so nicht im Drehbuch. Während die Kameras liefen, bemühten sich die offiziellen Begleiter eilig, die Journalisten wieder in die Busse zu scheuchen.
Trotz des Zugangs zum Schauplatz der Ereignisse gibt es immer noch Probleme. Der Vereinigung der Auslandspresse in China liegen nach eigenen Angaben Berichte vor, dass Sicherheitskräfte Fernsehteams und andere Reporter festgehalten, Ausrüstung beschlagnahmt und in einem Fall eine Videokamera beschädigt haben. Zwei Mitarbeiter der Fernsehnachrichtenagentur Associated Press Television wurden über drei Stunden lang festgehalten und vernommen; sie erhielten ihre Ausrüstung wieder und wurden ins Medienhotel zurückgebracht.
In China selbst ist die Regierung sehr darauf bedacht, die Berichterstattung über die Unruhen dieser Woche unter Kontrolle zu halten. Die staatlichen Medien werden streng überwacht, das Mobilfunknetz und der Internet-Zugang in Urumqi waren stark eingeschränkt. Die Internet-Zensoren säubern Bilder und Texte, die in sozialen Netzwerken wie Youku (ähnlich YouTube) und Fanfou (ähnlich Twitter) eingestellt werden. Im staatlichen Fernsehen wurden Aufnahmen prügelnder und tretender Demonstranten und offensichtlich Han-chinesischer Opfer mit blutigen Gesichtern gezeigt.
„Wenn sie die Berichterstattung zu unterdrücken versuchen, dann machen die Auslandsmedien ihre eigene Geschichte. So aber können sie die Auslandsmedien animieren, ihre Sichtweise besser zu verstehen“, erklärt David Zweig, Leiter des Instituts für chinesische Außenbeziehungen an der Technischen Universität Hongkong.
Bei den Unruhen in Tibet herrschte praktisch eine Nachrichtensperre. Das strikte Einreiseverbot wurde aufrechterhalten, so dass sich die Journalisten nicht aus eigener Anschauung ein Bild machen konnten. Informationen sickerten nur begrenzt über ausländische Reisende und tibetische Exilgemeinden durch. Für China sei so aus Tibet ein höchst negatives Bild und eine stark vereinfachte Darstellung einer komplizierten Lage entstanden, erklärt MacKinnon.
„Ich weiß nicht, was diesen anderen Ansatz diesmal ausgelöst hat. Aber ich glaube, dass das Pekinger Pressekorps letztes Jahr nicht nach Tibet durfte, hat letztlich auch dazu beigetragen, dass die Geschichte von außerhalb Chinas gecovert wurde. Das führte dazu, dass die Exilgemeinden die Geschichte gestalten konnten.“
Vielleicht guckten sich die Chinesen den Umgang mit den Medien in Krisensituationen auch vom Westen ab, meint sie. „Ich finde überhaupt, die Medienstrategie im Internet-Zeitalter ist so, dass man besser damit fährt, den Medien Zugang zu gewähren und zu versuchen, die Lage zu eigenen Gunsten zu drehen.“
Letzten Endes lassen Internet-Zugang und neue Technologien China vielleicht gar keine andere Wahl, als sich eines neuen Umgangs mit den Medien zu befleißigen. „Ein gewisses Maß an Offenheit ist angesichts der Entwicklung der Massenmedien nicht mehr zu vermeiden“, urteilt der Politikwissenschaftler Barry Sautman aus Hongkong. „Das ist nicht nur politisch nützlich, das ist auch etwas, an das sich China einfach gewöhnen muss.“ (AP)
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