Aktuelle Nachrichten – China - Kultur
16.11.2010
Foto: Dusan Vranic/AP Photo
Mes Aynak/Afghanistan – In der kargen Felslandschaft der afghanischen Berge arbeiten Archäologen und Helfer daran, das weitläufige Gelände eines 2.600 Jahre alten buddhistischen Klosters freizulegen und Buddha-Statuen auszugraben. Eine Chinesin, mit einem Schirm gegen die pralle Sonne geschützt, erkundigt sich höflich, wie es vorangeht. Ihr Interesse kommt nicht von ungefähr: Sie vertritt den chinesischen Rohstoff- und Bergbaukonzern MCC, der endlich mit der Ausbeutung des zweitgrößten unerschlossenen Kupfervorkommens der Welt direkt unter der Ausgrabungsstätte beginnen möchte.
Die Lagerstätte Mes Aynak in der ostafghanischen Provinz Logar, 30 Kilometer südlich von Kabul, ist der dickste Brocken der chinesischen Investitionsvorhaben in dem kriegszerstörten Land. Mit 3,5 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) ist es die größte ausländische Investition in Afghanistan. Damit hat Peking einen Fuß in der Tür, wenn es künftig um die Erschließung weiterer Bodenschätze wie Eisen, Gold oder Kobalt geht. Der afghanische Staat kann auf Einnahmen aus der Mine von rund einer Million Euro und die Schaffung dringend benötigter Arbeitsplätze hoffen.
Doch Mes Aynak ist gefangen zwischen Zukunft und Vergangenheit. Die Archäologen versuchen, von der bedeutenden religiösen Stätte an der Seidenstraße aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert zu retten, was sie können. Die Überreste des Klosters und der kuppelgekrönten Stupas werden wahrscheinlich weitgehend zerstört werden, wenn der Bau der Mine beginnt.
Das erinnert an das Schicksal der riesigen Buddha-Statuen von Bamijan, die 2001 von den Taliban gesprengt wurden. Aber niemand will sich einen ähnlichen Kulturfrevel in Mes Aynak vorwerfen lassen. Das Staatsunternehmen China Metallurgical Group Corporation (MCC) wollte bis Ende 2011 mit dem Bau der Mine beginnen, gab aber in stillschweigendem Einvernehmen mit der Regierung in Kabul den Archäologen drei Jahre Zeit für eine Rettungsgrabung. Für die Experten, die seit Mai an dem Ort arbeiten, reicht das lange nicht, um die Funde zu retten.
"Diese Stätte ist so gewaltig, dass es leicht eine Grabungskampagne für zehn Jahre wäre", erklärt die Archäologin Laura Tedesco. Drei Jahre reichten vielleicht gerade aus, um die Funde zu dokumentieren. Ihr Kollege Philippe Marquis sagt, die Rettungsbemühungen seien bruchstückhaft und minimal, weil es an Mitteln und Personal mangele. Auf dem zwei Quadratkilometer großen Gebiet arbeiten rund 15 afghanische Archäologen, drei französische Fachleute als Berater und ein paar Dutzend Helfer – normal wären bei einer Stätte von dieser Größe und Qualität 25 Archäologen und 100 Arbeiter.
"Das ist vielleicht einer der bedeutendsten Orte an der Seidenstraße", meint Marquis. "Was wir hier schon freigelegt haben, würde reichen, um das afghanische Nationalmuseum zu füllen." Bei der Ausgrabung des Klosterkomplexes kamen Gänge und Räume ans Licht, mit Fresken verziert und voller Buddha-Statuen aus Ton und Stein, manche bis zu drei Meter hoch. In einem früheren Innenhof stehen eineinhalb Meter hohe Stupas, buddhistischer Reliquienschreine. Über 150 Statuen wurden bisher entdeckt. Viele blieben, wo sie waren: Die großen sind zu schwer, um sie vom Fleck zu bekommen, und es mangelt an den Chemikalien, die die kleineren nach der Ausgrabung vor dem Zerfall schützen würden.
MCC scheint Druck zu machen, dass die Archäologen schneller als geplant zum Ende kommen. Im Juli erhielten sie die schriftliche Aufforderung, Teile der Grabung im August und den Rest bis Ende dieses Jahres abzuschließen. Weder MCC noch das für die Mine zuständige Joint Venture MJAM, wollten auf Anfrage dazu Stellung nehmen. Der August verstrich, die Ausgrabung geht weiter. Doch der afghanische Grabungsleiter Abdul Rauf Sakir hat keine Ahnung, wann die MCC-Leute ihm sagen werden, dass Schluss ist. Also versucht er, nicht daran zu denken.
"Wir würden gerne unseren Grundsätzen entsprechend arbeiten. Wenn wir nicht nach den Grundregeln der Archäologie arbeiten, sind wir nicht besser als Schmuggler", meint er. Das Team hofft, vor Wintereinbruch einige der größeren Statuen und Schreine bergen zu können, doch sie haben immer noch keinen Kran und anderes notwendiges Gerät aufgetrieben. Aus dem Ausland zugesagte Mittel sind bislang nicht eingetroffen. Die afghanische Regierung finanziert die Grabung mit umgerechnet 1,5 Millionen Euro und versucht, weitere Millionen bereitzustellen.
Der chinesische Konzern zeige sich kooperativ, berichtet Marquis. MCC habe den Archäologen geholfen, Abraum abgefahren und gefragt, was sie noch tun könnten. Sakir, der afghanische Archäologe, lacht. "Ja, sie sind sehr hilfsbereit. Sie wollen helfen, damit wir schnell fertig werden. Die wollen uns hier weg haben."
(Heidi Vogt ist Korrespondentin der AP) (dapd)
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