Wiesbaden - Bei seinem bisher größten Auftritt in Europa hat der Dalai Lama seine Hoffnung bekräftigt, eines Tages in seine von China annektierte Heimat Tibet zurückkehren zu können. Vor rund 20.000 Zuhörern appellierte der Religionsführer am Donnerstag in Wiesbaden zugleich an die Menschen, weniger an sich selbst und mehr an den Mitmenschen zu denken. Der für seine Friedfertigkeit bekannte Dalai Lama rechtfertigte schließlich ausdrücklich Gewalt gegen Terroristen. Gegen Terroristen helfe es nicht, nur mit Gewaltlosigkeit zu reagieren.
Nach Angaben der hessischen Staatskanzlei hat das vor 46 Jahren ins Exil gezwungene geistliche Oberhaupt der Tibeter in Europa noch nie vor einem so großen Publikum gesprochen. Der in Deutschland äußerst beliebte Dalai Lama, der am 6. Juli seinen 70. Geburtstag feierte, bekam vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) einen Folianten mit mehreren Tausend Glückwünschen. Diese waren in den vergangenen Wochen über eine eigens eingerichtete Internetseite gesammelt worden. «Diese vielen Tausend wünschen Ihnen alles Gute», sagte Koch und fügte hinzu: «Das ist ein sehr politischer Wunsch.»
Zu dem in der Vergangenheit häufig geäußerten Wunsch seiner Sympathisanten, er möge seinen 70. Geburtstag in der tibetischen Hauptstadt Lhasa feiern können, sagte der Dalai Lama, dies sei nicht gelungen: «Wir müssen jetzt schauen, dass wir den 80. Geburtstag dort feiern.»
Koch, der den Dalai Lama seit Jahrzehnten kennt und ebenso lange für die Unabhängigkeit Tibets eintritt, sprach auf der Veranstaltung von Überlegungen wichtiger Nationen, mit den Verhandlungen über die Zukunft Tibets lieber zu warten, bis der Dalai Lama nicht mehr lebe. Die zahlreichen Besucher des öffentlichen Auftritts des Religionsführers seien in einem Wunsch vereint: «Wir alle wollen, dass das tibetische Volk das Recht hat, zu leben wie es will.» Der Dalai Lama müsse nach annähernd 50 Jahren im Exil nochmals die Chance haben, das Land wiederzusehen, in dem er geboren wurde.
«Seine Intelligenz nutzen»
In seiner Ansprache rief der Religionsführer die Menschen auf, weniger an sich selbst und mehr an ihre Mitmenschen zu denken. Für den Stress im modernen Alltag sei nicht die Gesellschaft verantwortlich: «Dann müssten alle an Stress erkrankt sein.» Die Ursache für Stress liege vielmehr in der Einstellung jedes Einzelnen. Wer nach Glück strebe, müsse seinen Geist ausgeglichener gestalten. Auf diesem Weg sei das Mitgefühl mit anderen Menschen besonders wichtig.
Wer nur an sich selbst denke, leide bald unter vielen unerfüllten Wünschen: «Dies führt zu innerer Schwäche», betonte der Dalai Lama. Wer mit anderen Menschen mitfühle, erweitere dagegen seine Perspektiven. Er könne viele Situationen ruhiger und ausgeglichener angehen: «Geduld üben, heißt nicht kapitulieren, sondern seine Intelligenz zu nutzen.»
Zum Kampf gegen den Terrorismus sagte der Dalai Lama, Gewalt könne als Mittel nicht ausgeschlossen werden. Allerdings könne Gegengewalt auf lange Sicht nicht die letzte Wahrheit sein. Als langfristige Strategie sei nur ein «spiritueller Dialog» denkbar, sagte der 70-Jährige. Dies bedeute enge Beziehungen zwischen den Religionen. Es sei nicht hilfreich, ganze Gemeinschaften und Religionen abzuwerten und als das Böse schlechthin darzustellen. (AP)
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