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Das andere Indien

Michael Fischer

31.10.2007

Angela Merkel trifft Mitglieder der Selbsthilfegruppe aus dem Dorf Nanveez in Maharshtra. (AP Photo/Gautam Singh)
Angela Merkel trifft Mitglieder der Selbsthilfegruppe aus dem Dorf Nanveez in Maharshtra. (AP Photo/Gautam Singh)

Bombay – Der Kontrast hätte stärker kaum sein können. Zwei Tage lang führte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi politische Gespräche in prunkvollen Kolonialbauten oder in den großzügigen Räumen des Luxushotels Tadj Mahal. Am Mittwochnachmittag bot sich ihr schon beim Anflug auf Bombay das Bild eines ganz anderen Indiens.

Die Slums der 16-Millionen-Metropole reichen bis ans Rollfeld des internationalen Flughafens. Auf dem Weg zum ersten Termin rauschte die Kanzlerinnen-Kolonne an den Vierteln mit den erbärmlich aussehenden Baracken zwar vorbei. Einen Eindruck von der bitteren Armut in dem Land mit der weltweit zweitgrößten Bevölkerung dürfte Merkel trotzdem bekommen haben.

Bombay repräsentiert beide Seiten Indiens – die aufstrebende Wirtschaftsmacht mit Wachstumsraten um die neun Prozent, und das Entwicklungsland, in dem jeder Dritte mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen muss und 20 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind.

Bombay ist Sitz von etwa 50 der 100 größten indischen Unternehmen, der beiden größten Börsen Indiens und der Zentralbank. Zu Bombay gehört mit dem Stadtteil Dharavi, in dem zwei Millionen Menschen leben, aber auch eines der größten Slums Asiens. Insgesamt sollen 60 Prozent der Einwohner in Slums zu Hause sein.

Kredite für Werkzeuge oder Saatgut

Merkel sah in Bombay aber nicht nur die offensichtliche Armut, sondern informierte sich auch über Wege, wie man sie überwinden kann. In der NABARD-Entwicklungsbank traf sie 15 Frauen, die auf einem dieser Wege schon einige Schritte voran gekommen sind. Seit drei Jahren nehmen sie als Selbsthilfegruppe am größten Mikrofinanzprogramm der Welt teil, mit dem etwa 40 Millionen Haushalten in Indien Kleinstkredite gewährt werden. Etwa 85 Euro werden pro Kopf im Durchschnitt ausgezahlt. Die Bank nimmt dafür 12 Prozent Zinsen, die Gruppen selbst erhöhen die Zinssätze gegebenenfalls noch einmal für ihre Mitglieder. Früher sollen bis zu 300 Prozent für Darlehen fällig geworden sein.

90 Prozent der Empfänger sind Frauen, die meisten aus dem ländlichen Raum. Sie geben das Geld für Werkzeuge, Saatgut oder die Schulausbildung ihrer Kinder aus. Die 15 Frauen, die Merkel in Bombay traf, reisten mehr als 200 Kilometer aus der 500-Seelen-Gemeinde Nanveez an. Die Kanzlerin setzte sich im Foyer der NABARD-Bank in einen Kreis mit den Frauen, fragte, und hörte zu. Ursprünglich stand nur die Besichtigung einer Ausstellung zum Mikrofinanzprogramm auf ihrem Besuchsprogramm. Das war der Kanzlerin aber zu theoretisch. Mündliche Berichte lieferten einen besseren Eindruck als Bilder, sagte sie.

Am meisten interessierte Merkel, was die Männer eigentlich davon halten, dass sich die Frauen um die Geldangelegenheiten kümmern. Am Anfang seien die Männer dagegen gewesen, hätten sich dann aber über die Darlehen gefreut, bekam sie zur Antwort. Und: „Wenn Männer sich in einer solchen Gruppe zusammenschließen, gibt es eher Streit.“ Die wenigen Männer-Selbsthilfegruppen, die es in ihrem Dorf gebe, funktionierten nicht, sagten die Frauen.

Inzwischen sind in Indien 1,8 Milliarden Euro an Mikrokrediten ausgegeben worden. Von den Frauen soll jede Fünfte es bereits geschafft haben, durch die Kredite die Armutsgrenze zu überschreiten. Das Mikrofinanz-Modell wurde sogar schon mit einem der höchsten Preise überhaupt ausgezeichnet. Der Volkswirtschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesch bekam für seinen Anteil daran im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis.

Einladung zum Besuch im Dorf

Am (morgigen) Donnerstag reist Merkel nach Deutschland in die Innenpolitik zurück. Die Eindrücke aus Indien werden bleiben. Am Ende ihres Gesprächs mit den 15 Frauen erhielt sie eine Einladung zu einem weiteren Indien-Besuch. „Sie kommen in unser Dorf“, schlug eine der Frauen vor und fügte dann noch hinzu: „Oder wir kommen alle in ihr Dorf.“ (AP)

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