Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen
28.12.2006
Frankfurt/Main – Seit dem „Pisa-Schock“ vor fünf Jahren hat die Bildungspolitik in Deutschland nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) keinen Fortschritt gemacht. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne fordert im AP-Gespräch mehr Investitionen für Bildung, Psychologen und Sozialarbeiter für die Schulen und ein Stipendiensystem für Hochschulen anstelle von Studiengebühren. Nachfolgend das Interview im Wortlaut:
AP: Die Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie hat sich gerade zum fünften Mal gejährt. Was ist Ihre Bilanz der Bildungspolitik seit dem „Pisa-Schock“?
Thöne: Das Thema Bildung ist in der öffentlichen Wahrnehmung wichtiger geworden. Es gibt eine ganze Reihe von Verbesserungsvorschlägen, aber tatsächlich haben wir einen Rückschritt erlebt: Inzwischen nimmt die Föderalismusreform der Bildungspolitik fast jede Möglichkeit, von der nationalen Ebene aus steuernd einzugreifen und gemeinsame Ziele zu verfolgen. Zudem ist der Bildungshaushalt von 2002 bis 2004 um fünf Milliarden Euro geschrumpft. Anstatt zu investieren, wie es nötig wäre, ist man genau in die entgegengesetzte Richtung marschiert.
AP: Die Pisa-Studie hat die Diskussion um unser gegliedertes Schulsystem neu entfacht. In Schleswig-Holstein sollen nun Real- und Hauptschule zusammengelegt werden, im Osten haben wir die Mittelschule. Geht der Trend weg vom gegliederten Schulsystem?
Thöne: Es gibt sicherlich viele Überlegungen, das gegliederte Schulsystem zu überwinden. Aber momentan sind auch Menschen am Werk, die nach der Devise handeln: „Hauptsache, man kann eine Gliederung in Oben und Unten aufrechterhalten.“ Wenn dabei dann eine Zweigliedrigkeit herauskommt, mit dem Gymnasium, auf das nicht jeder gehen darf, und dem Rest, dann zementieren wir die Gliederung und damit einen Fehler, anstatt ihn aufzulösen. Gerade vor dem Hintergrund sinkender Schülerzahlen und damit wegbrechender Schulstandorte muss endlich die Barriere überwunden werden, dass man Schule in Deutschland nach dem Auslesesystem organisiert.
AP: Im Moment schockt wieder das Thema Gewalt an Schulen die Öffentlichkeit. Die Diskussion um die Konsequenzen gab es bereits nach dem Amoklauf in Erfurt – hat sie etwas gebracht?
Thöne: Tatsache ist, dass die Länder seit Erfurt die Stellen für Schulpsychologen zusammengestrichen haben – mit Ausnahme von Thüringen. Generell besteht das Problem darin, dass die Schulen Jugendlichen erheblich mehr Gesprächsmöglichkeiten bieten müssten. Gerade in der Pubertät, in der Misserfolge ganz besonders schwerwiegend sein können, müssen sie die Möglichkeit haben, diese so zu überwinden, dass sie trotz Enttäuschungen Probleme friedlich lösen können. Die Amokläufe zeigen, dass wir an Schulen auch mehr Sozialarbeiter brauchen. Unterrichtssituationen mit mehr als 30 Schülern pro Klasse sind nicht dazu geeignet, dass allein Lehrer Schülern entsprechend helfen können – das ist unmöglich.
AP: Hessen begegnet Unterrichtsausfall inzwischen mit dem Einsatz pensionierter Lehrer und Lehramtsstudenten, aber auch totaler Laien ohne Lehrerausbildung. Wie sinnvoll sind solche Konzepte?
Thöne: Schule sollte mehr sein als Betreuung und guter Wille – der Lehrerberuf ist nicht umsonst ein hoch qualifizierter Ausbildungsberuf. Wer glaubt, das als Freizeitjob nebenbei anderen auferlegen zu können, der irrt sich. Es ist zwar sehr sinnvoll, Menschen aus der Praxis in der Schule über ihr Fachgebiet sprechen zu lassen, aber für den Pflichtunterricht braucht man ausgebildete Lehrkräfte.
AP: Allerdings gibt es bereits jetzt in einigen Schularten und -fächern Lehrermangel, für andere Bereiche zeichnet er sich ab. Was kann man gegen das ständige Auf und Ab bei der Lehrerversorgung tun?
Thöne: Nötig ist eine kontinuierliche Einstellungspolitik. Man kennt die Entwicklung der Schülerzahlen lange im Voraus und könnte entsprechend planen – aber genau das wird nicht getan. Man hat die Schülerzahlen parat und müsste eigentlich gemeinsam festlegen, was Schüler können sollen und wie man dies erreichen kann. Dazu gehört auch eine bestimmte Anzahl an Lehrern – und die kann man bereitstellen, wenn man langfristig plant.
AP: In den kommenden Jahren werden die Schülerzahlen zurückgehen. Was wird das für die Bildungsausgaben bedeuten?
Thöne: Diese Entwicklung haben wir im Osten schon seit Jahren – mit dem Ergebnis, dass die Landesregierungen bei den Bildungsausgaben gespart haben, und zwar unter dem Druck der Westländer als Geldgeber im Länderfinanzausgleich. Deshalb habe ich nicht unbedingt die Hoffnung, dass sinkende Schülerzahlen zur Weiterentwicklung der Qualität von Bildungsprozessen genutzt werden. Zwar plädieren viele Politiker dafür, auch die Kultusministerkonferenz (KMK), aber das wird ein heftiger Verteilungskampf.
(Die Fragen stellte Mirjam Mohr)
(AP)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
BAföG-Empfänger mit Kindern erhalten mehr Geld
(22.12.2006)
Computerkids werden nicht zu IT-Fachleuten
(18.12.2006)