Hannover – Die Karlsruher Wiederaufarbeitungsanlage hat nicht nur 60.000 Liter hochradioaktive Abfälle hinterlassen, die nun endlich in Glas eingeschmolzen und abtransportiert werden sollen. Auch die strahlende Altlast im Atommülllager Asse geht größtenteils auf das Karlsruher Pilotprojekt zurück: 60.000 der 120.000 Fässer, die in dem ehemaligen Salzbergwerk bei Wolfenbüttel lagern, wurden aus Karlruhe angeliefert. Sie enthielten 89 Prozent aller radioaktiven Stoffe, die in den Jahren 1967 bis 1968 in der Betriebszeit des „Versuchsendlagers“ im Höhenzuges Asse verschwanden.
Damals wurde das Bergwerk Asse II wie ein reguläres Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle betrieben. Es unterstand aber als Pilotvorhaben dem Bundesforschungsministerium und bot den AKW-Betreibern eine äußerst kostengünstige Entsorgungsmöglichkeit. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz BfS wurden in dem „Versuchsendlager“ von 1967 bis 1975 für die Annahme von Abfällen überhaupt keine Gebühren verlangt, danach bis 1978 nur geringe und keineswegs kostendeckende Gebühren.
Die AKW-Betreiber lieferten 24.000 Fässer mit Atommüll direkt in das Atommülllager. Weit mehr radioaktive Abfälle gelangten allerdings über die WAK Karlsruhe in die Asse, in der abgebrannte Brennelemente zerlegt und der enthaltene Kernbrennstoff aufgelöst wurde. Die WAK war das Pilotprojekt für die nie verwirklichte große deutsche Wiederaufarbeitungsanlage, die erst in Gorleben und später in Wackersdorf geplant war.
Die 60.000 Atommüllfässer, die aus Karlsruhe zur Asse transportiert wurden, enthielten vor allem Betriebsabfälle aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in der WAK. In das Endlager bei Wolfenbüttel wurden zudem Köpfe und Hüllrohre zerlegter Brennelemente gebracht, die damals trotz hoher Strahlung lediglich als mittelaktive Abfälle galten. Die stärker strahlenden mittelaktiven Abfälle in dem ehemaligen Versuchsendlager stammen nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums zu 97 Prozent aus Karlsruhe.
Der Betrieb des Atommülllagers Asse hat seit den 60er Jahren insgesamt rund 300 Millionen Euro gekostet – so teilte es die Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion mit. Allerdings ist die Asse mittlerweile ein Sanierungsfall, und das dicke Ende der Kosten kommt erst noch: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel geht von mehr als zwei Milliarden Euro Sanierungskosten aus. Er forderte deshalb die Einführung einer Brennelementsteuer, um die AKW-Betreiber als Erzeuger des Atommülls in der Asse im Nachhinein an den Kosten beteiligen zu können.
Das Bundesamt für Strahlenschutz, das Anfang des Jahres die Verantwortung für das Atommülllager übernommen hat, kann die Kosten der Sanierung allerdings noch nicht beziffern. Das Amt prüft derzeit verschiedene Wege zur Sanierung der atomaren Altlast.
Und eine Sanierung ist nötig, denn in das Atommülllager laufen seit den 90er Jahren täglich etwa 12.000 Liter Salzlauge ein. Niemand weiß, welchen Weg die Flüssigkeit nimmt, und daher kann auch niemand garantieren, dass sich der Zulauf nicht eines Tages schlagartig erhöht. Der in unmittelbarer Nähe gelegene Nachbarschacht Asse I hatte sich im Jahr 1906 binnen zwei Monaten mit Wasser gefüllt, nachdem sich ein Laugenzufluss schlagartig erhöht hatte.
Im Endlagerbergwerk Asse II sind zudem eine Reihe alter Abbaukammern eingebrochen, es gibt große Risse in einzelnen Stützpfeilern des Grubengebäudes, und die Wände haben sich strak verschoben. Dennoch gilt der Schacht Asse II laut BfS-Präsident Wolfram König noch bis zum Jahr 2020 als standsicher, falls der Laugenzufluss weiter konstant bleibt.
Bis dahin will das Bundesamt eine von drei Sanierungsmöglichkeiten verwirklichen: Als eine Möglichkeit gilt der vollständige Verschluss der Hohlräume unter Tage mit Salzbeton, um so Lauge oder Wasser auf Dauer vom Atommüll fernzuhalten. Des Weiteren prüft das Amt, ob man den gesamten Atommüll aus der Asse wieder entfernen und in das Endlager Schacht Konrad in Salzgitter bringen kann. Die dritte Option ist die Umlagerung des Atommülls unter Tage. Dabei würden weit unterhalb des heutigen Bergwerkes Asse neue Stollen und Einlagerungskammern errichtet, um darin den Atommüll endlich sicher zu deponieren. (AP)
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