Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen
18.01.2010
Foto: Gregory Bull/AP Foto
Port-au-Prince (apn) Bei der Zerstörung biblischen Ausmaßes, die ihre schwergeprüfte Heimat heimgesucht hat, sehen viele tiefgläubige Haitianer die Hand Gottes am Werk. Geistliche interpretieren das Erdbeben als Zeichen, dass sich nach Gottes Wille etwas ändern muss. Was genau, hängt von der Religion ab: Manche Christen meinen, Haiti müsse stärker werden im Glauben. Manche Voodoo-Anhänger dagegen betrachten die Naturkatastrophe als Gottesurteil gegen die Korruption der Elite.
Überall in der zerstörten Hauptstadt versammelten sich am Sonntag verstörte, verzweifelte Menschen zum Gebet. Vor der in Trümmern liegenden Kathedrale predigte Pfarrer Eric Toussaint der Gemeinde, das Beben sei „ein Zeichen Gottes, das uns sagt, wir müssen seine Macht erkennen“. Die Haitianer müssten „sich wiederentdecken, um einen neuen Weg zu Gott zu finden“. So mancher Anhänger des Voodoo-Kults betrachtet die Zerstörung wichtiger Machtsymbole dagegen als Strafe für die korrupten Politiker, die zuließen, dass sich die zumeist hellhäutige Führungsschicht bereichert und die schwarze Mehrheit Armut leidet.
„Wenn plötzlich, in 15, 20 Sekunden, sämtliche Verkörperungen der Korruption zerstört werden, dann gibt dir das zu denken“, meint der haitisch-amerikanische Musiker Richard Morse. Ihm gehört das Hotel Oloffson, das Graham Greene zu seinem Roman „Die Stunde der Komödianten“ inspirierte; seine Mutter war Sängerin und eine hochverehrte Voodoo-Priesterin. „Das Justizministerium: platt. Der Nationalpalast: platt. Das UN-Hauptquartier: platt.“ Die bekannte Bronzestatue „Le Maron Inconnu“ (Der unbekannte geflohene Sklave) wiederum sei unversehrt geblieben, bemerkt Morse.
Dass jede größere katholische Kirche der Hauptstadt einschließlich der Kathedrale zerstört wurde, hält Morse ebenfalls für ein Zeichen: „Wenn es diese ganze Korruption gibt, wer in der Gesellschaft müsste dann die Stimme erheben? Sollte nicht die Kirche den Mund aufmachen?“
Der Großteil der Haitianer ist katholisch; Protestanten sind in der Minderheit. Doch auch die meisten Christen praktizieren Voodoo, das wie der Katholizismus Staatsreligion ist.
In dem Chaos nach der Katastrophe sah man am Sonntag einige Menschen mit apokalyptischen Warnungen durch die Hauptstadt ziehen. So stand vor den Trümmern des Nationalpalasts ein Mann und rief: „Tut Buße! Das Ende der Welt ist nah!“ Viele Haitianer seien sehr religiös, erklärt Morse. Seine Landsleute hätten vielleicht viel Mangel zu leiden, doch „was spirituelle Stärke angeht, ist Haiti eines der reichsten Länder der Welt“.
Manchmal aber scheint das Leid zu groß, um Trost im Glauben zu finden. „Wie konnte Er uns das antun?“, weinte Remi Polevard, der seine fünf Kinder unter den Trümmern eines Hauses nahe der Universität begraben weiß. „Es gibt keinen Gott!“
Als am Sonntagabend in der Innenstadt Anwohner begannen, die seit Tagen auf der Straße verwesenden Leichen zu verbrennen, kam eine Frau im orangefarbenen Kleid vorbei und zog eine Bibel hervor. Sie warf sie in die Flammen. (AP)
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