Gesundheit - Aktuelle Nachrichten, Ratgeber und Berichte – Das große Vergessen – Nils Weisensee
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Aktuelle Nachrichten – Gesundheit

Das große Vergessen

Nils Weisensee

20.09.2007

Frankfurt/Main – Es beginnt mit kleinen Vergesslichkeiten: Der Schlüssel, die Brille, der Kuchen im Ofen oder das Treffen mit den Enkeln. Die frühen Hinweise auf Alzheimer sind leicht zu verdrängen – verhindern lässt sich die Krankheit nicht. Allein in Deutschland leiden Schätzungen zufolge bis zu 1,2 Millionen Menschen an Demenz, bei etwa zwei Dritteln von ihnen ist es Alzheimer. Doch das ist erst der Anfang: Weil die Lebenserwartung in Deutschland steigt, wird auch die Zahl der Alzheimerpatienten immer größer.

In Zukunft wird deshalb fast jeder in der Familie oder dem näheren Bekanntenkreis mit Fällen von Altersdemenz konfrontiert werden. Die Belastungen sind erheblich: Mehr als 70 Prozent der Betroffenen werden nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft von Angehörigen Zuhause gepflegt. Finanzielle Unterstützung von der Pflegeversicherung gibt es dabei kaum – der ambulante Betreuungsbetrag für Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz liegt bislang bei gerade einmal 460 Euro pro Jahr. Mit der geplanten Reform soll er auf bis zu 2.400 Euro steigen. Besser als nichts, sagen Kritiker. Doch es dürfte mehr sein.

Denn Menschen mit fortgeschrittener Alzheimer-Erkrankung vergessen nicht nur den Haustürschlüssel: Orientierungsstörungen, Verständnisprobleme, Sprachstörungen sowie Einschränkungen beim Denk- und Urteilsvermögen machen selbst alltägliche Aufgaben für die Betroffenen und deren Angehörige zur Belastung. Auch Stimmungsschwankungen, Wahnvorstellungen und ein gestörtes Sozialverhalten gehören zu den Symptomen. Viele Alzheimerpatienten können am Ende selbst ihre nächsten Verwandten nicht mehr als Familienmitglieder erkennen.

Die Alzheimer-Krankheit tritt vor allem bei Menschen über 50 auf, kann aber auch in jüngerem Alter einsetzen. Die oft jahre- und teils jahrzehntelange Pflege der Betroffenen macht sie zu einer der teuersten Krankheiten überhaupt. Medikamente oder Impfungen, die Alzheimer verhindern oder heilen können, gibt es bislang nicht. „Wann und ob überhaupt eine solche Arznei zur Verfügung stehen wird, lässt sich nicht vorhersagen“, erklärt der Vorsitzende des Forscherverbandes Hirnliga, Hans-Jürgen Möller.

Viele Alzheimerkranke bleiben unbehandelt

Nach Angaben der Arzneimittelhersteller könnten bis zum Jahr 2011 zwar vier neue Alzheimer-Medikamente die Zulassung erhalten. Die Erforschung der Krankheit müsse aber dennoch massiv intensiviert werden, fordert Möller. Schließlich bedrohe sie nicht nur jeden Einzelnen, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme insgesamt. Auch die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike Lützau-Hohlbein, warnt vor einer Unterschätzung des Problems. „Einige Medikamente können den Krankheitsverlauf verzögern. Verhindern können sie ihn nicht“, betont sie.

Doch selbst die vorhandenen Wirkstoffe würden viel zu selten von den Ärzten verschrieben, weil Alzheimer zu spät oder gar nicht diagnostiziert werde. „Die Diagnose von Alzheimer ist aufwendig und wird nur unzureichend vergütet“, sagt Lützau-Hohlbein. Zudem würden Demenzkrankheiten bereits in der Arztausbildung vernachlässigt. Frühe Symptome würden deshalb oft als altersbedingte Gedächtnisstörungen abgetan.

Schätzungen zufolge kommt deshalb nur etwa jeder zehnte Betroffene im Laufe seiner Krankheit mit einem Facharzt in Kontakt. Dabei kann der Verlauf von Alzheimer bei frühzeitigem Therapiebeginn noch am ehesten positiv beeinflusst werden. Doch selbst von den korrekt diagnostizierten Alzheimer-Patienten erhält nach einer Studie der Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) nur jeder Zweite ein Medikament zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs.

Noch immer sei das Gesundheitssystem in Deutschland zu sehr auf körperliche Beschwerden ausgerichtet, kritisiert Lützau-Hohlbein. Geistige Krankheiten würden dagegen oft unterbewertet. So werde die bei Patienten mit fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit notwendige Begleitung durch den Tag von der Pflegeversicherung nicht bezahlt. Auch für eine gelegentliche Betreuung ambulant versorgter Alzheimer-Patienten in speziellen Tagesstätten reichten die geplanten 2.400 Euro im Jahr nicht aus. „Allein diese Angebote kosten etwa 80 Euro pro Tag“ sagt Lützau-Hohlbein. „Man sich ja ausrechnen, wie weit man damit kommt.“ (AP)

 

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