Aktuelle Nachrichten – China - Gesellschaft
09.06.2012
Foto: AFP/Getty Images
Nachdem ich jetzt seit über zehn Jahren in Deutschland lebe, hier studiert und mit meinem deutschen Mann eine Familie gegründet habe, sehe ich immer deutlicher den Unterschied zwischen Chinesen und Deutschen bei den Denk- und Verhaltensweisen. Manchmal denke ich, ohne die Hintergründe zu kennen und kulturelles Wissen zu haben, ist es vielleicht nicht einfach für Deutsche, die Chinesen zu verstehen. So möchte ich etwas über mein Leben in China schreiben. Es ist keine weltbewegende Geschichte, sondern sie beschreibt eher das alltägliche Leben, aber vielleicht kann man dadurch die Chinesen ein bisschen näher kennenlernen.
Ich wurde nach der Kulturrevolution geboren und hörte erst später, welch schweres Schicksal meine Eltern damals durchlebt hatten. Heute, nachdem ich dreißig Jahre alt geworden bin und selbst ein Kind habe, weiß ich, welch große liebevolle Leistung meine Eltern vollbracht haben, uns eine behütete und glückliche Kindheit zu schenken, denn sie blieben immer kritisch gegenüber dem herrschenden System. Aber davon erzähle ich später.
Arm und glücklich Mitte der 80er-Jahre besuchte ich die Grundschule. Damals waren viele Chinesen noch sehr arm. Meine Familie in Peking wohnte zu viert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad und weniger als 50 Quadratmetern. Gut, Bad ist vielleicht zu viel gesagt, es war nur eine Toilette.
Wir gehörten zur Mittelschicht, beide Eltern hatten studiert, wir lebten in modernen Wohnblocks, die trist aussahen, aber um die Wohnung wurden wir von anderen beneidet. Meine Mutter war oft beim Kochen allein in der Küche, das hatte einen einfachen Grund: Es passte nur eine Person hinein. Beim Kochen machte meine Mutter gewöhnlich die Küchentür zu und öffnete das Fenster, damit der Qualm vom Öl nicht in die Wohnung zog. Unsere Küche hatte noch ein kleines, quadratisches Fenster mit einer Kantenlänge von etwa 40 Zentimetern in der Wand zur Diele.
Ich verstehe dieses Design bis heute nicht, aber ich war sehr dankbar dafür. Denn damals standen meine Schwester und ich abwechselnd auf einem Stuhl in der Diele und schauten durch das Fenster, um die Mutter beim Kochen zu beobachten. Das war immer der Höhepunkt des Tages.
Chinesisches Feuerwerk
Obwohl damals viele Kinder wenig Spielzeug besaßen, hatte ich viel Freude in meiner Kindheit. Wir wohnten in einem Wohngebiet mit vielen Mietskasernen und es gab viele Kinder in meinem Alter. Damals war es noch überall erlaubt, Feuerwerk abzubrennen und es gab immer dann Feuerwerk, wenn jemand heiratete. Wenn wir zu Hause waren und das Feuerwerk hörten, rannten wir Kinder auf die Straße und suchten nach der Hochzeitsfeier. Das Feuerwerk wurde immer vor dem Haus der Braut angezündet, wenn der Bräutigam sie abholte. Ich wartete dann mit meinen Freunden vor dem Haus, bis das Paar herauskam. Die beiden wurden von den Hochzeitsgästen mit Konfetti beworfen. Wir rannten hin und sammelten das Konfetti vom Boden auf. Oft bemerkten wir gar nicht, wann die Hochzeitsgesellschaft wegging. Hinterher verglichen wir unsere Beute untereinander.
Im Sommer gingen meine Eltern nach dem Abendessen mit mir spazieren. Mein Vater blieb oft stehen, um anderen Leuten, die auf Hockern vor ihren Häusern saßen, beim chinesischen Schach zuzusehen. Manchmal herrschten im Sommer spätabends noch über 30° Celsius. Wir alle konnten bei dieser Hitze nicht einschlafen. Deshalb machte meine Mutter den Fußboden noch mal nass und öffnete alle Fenster. Wenn der Boden trocken war, setzten wir uns alle auf eine große Bambusmatte. Ich habe hier ähnliche Matten gesehen, die aber für den Garten verwendet werden. Mein Vater hielt einen großen Fächer aus Schilf in der Hand und sorgte für ausreichend Wind. Manchmal sang mein Vater dabei ein Stück aus der Pekingoper und erklärte, dass er mir damit etwas Kultur vermitteln wolle. Währenddessen schlief ich oft zwischen meinen Eltern und meiner Schwester ein, die sich noch leise weiter unterhielten.
Wenn ich heute in Deutschland im Fernsehen Dokumentationen über rückständige Regionen sehe, empfinde ich im Gegensatz zu meinem deutschen Mann keine Überraschung oder Mitleid, weil ich selbst in einer solchen Umgebung aufgewachsen bin und weiß, dass ich damals sehr glücklich und zufrieden war. Vielleicht, weil ich nichts anderes kannte.
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