Naser ist 24 Jahre und wartet darauf, dass sein erstes Kind bald geboren wird. Sehr wahrscheinlich wird seine junge Frau das Kind in einer Höhle im Dorf Susya gebären, die ihr Zuhause ist; genauso war es auch schon bei Nasers Mutter.
Trotz der kurzen Entfernung ist es fast unmöglich, einen Krankenwagen aus der nahegelegenen palästinensischen Stadt Yata zu bekommen. Die Krankenwagen werden an den IDF-Kontrollstellen von israelischen Streitkräften, die über den Bezirk des südlichen Hebron-Berges verteilt sind, angehalten. Manchmal werden sie zurückgeschickt und manchmal lässt man sie nach langer Wartezeit weiterfahren. In der Vergangenheit transportierten die Dorfbewohner einen älteren Kranken auf dem Rücken eines Esels ins Krankenhaus, nachdem bereits wertvolle Zeit durch das Warten auf den Krankenwagen verloren gegangen war.
Die palästinensischen Höhlenbewohner haben Besitzurkunden für dieses Land, die aus dem 19. Jahrhundert stammen; sie leben auf diesem Land schon seit 1950. Sie bauen auf dem kargen Gelände Getreide und Oliven an und hüten ihre Schafe. Sie wohnen in Höhlen unter einer fast drei Meter dicken Steinschicht oder in Zelten und führen ein traditionelles Leben, das von der modernen Zeit fast unberührt ist. Schätzungsweise leben 700 bis 1.000 Menschen in diesen Dörfern.
Susya, Mufakara und ähnliche Dörfer werden täglich von ihren Nachbarn ausgenutzt. Extremistische Siedler beanspruchen den Besitz der ganzen Gegend, Olivenhaine und Weinstöcke wurden zerstört, Dorfbewohner geschlagen und Kinder terrorisiert. PHR und Taayush, örtliche Nichtregierungsorganisationen, die die Dorfbewohner unterstützen, behaupten, sie hätten hunderte von Fällen von Angriffen aufgezeichnet. „Fast alle von der Polizei erfassten Beschwerdefälle wurden aus verschiedenen Gründen abgeschlossen, wobei ‚Angreifer unbekannt' der häufigste Grund war", sagt Ran Goldstein von PHR. Drei Palästinenser und ein Israeli starben bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen in den letzten zehn Jahren.
In der Vergangenheit wurden Zelte zerstört und Höhleneingänge mit Beton versperrt, um die Dorfbewohner abzuschrecken. Sie wurden in den letzten Jahren vier Mal von der IDF (israelische Streitkräfte) vom Land vertrieben, aber der oberste israelische Gerichtshof erlaubte ihre Rückkehr im Oktober 2001. Seitdem leiden sie unter lautlosen Angriffen und dürfen nur eine kleine Fläche von dem nutzen, was ihnen der Gerichtshof aus „Sicherheitsgründen" zugestanden hat.
Menschenrechtsaktivisten behaupteten, die Dorfbewohner wären Opfer einer „ethnischen Säuberung", die von den Siedlern ausgeht und von israelischen Beamten unterstützt wird. „Wir haben Solarbatterien, um einen Fernseher jede Nacht für einige Stunden mit Strom zu versorgen und laden Handys auf", sagt Naser stolz. In Mufakara verwenden die Dorfbewohner einen benzinbetriebenen Generator, um nachts Licht zu erzeugen. Die Wasserversorgung ist knapp, da die Bewohner zu den meisten ihrer Wasserlöcher keinen Zugang haben. Dies ist ein riesiges Problem, weil die Schafe die Haupteinnahmequelle für den Lebensunterhalt sind und deshalb die Dorfbewohner zwingt, Wasser aus Yata zu kaufen, das mit dem Traktor über die steinige Behelfsstraße transportiert werden muss. Die Siedlungen an den Hügeln Maon, Carmel und Havat Yair haben Wasser, Elektrizität und gepflasterte Straßen, unabhängig von der Anzahl ihrer Einwohner. Die Kinder aus Susya und Mufakara gehen lange Wege zur Schule in die Städte Twane und Yata. Die Siedlungen haben ihre eigenen Schulen und fahren ihre Kinder bei Bedarf mit Bussen dorthin.
„Ich bin noch nie in einer Siedlung gewesen", sagt Mahmoud, und Nasers Bruder meint: „Oft kommen Siedler hierher, werfen Steinbrocken, beschimpfen die Mädchen und zerstören Zelte und Vorratsgebäude, wohl wissend, dass wir nichts dagegen tun können." Nichtregierungsorganisationen und der Anwalt Shlomo Lecker, die die Dorfbewohner vertreten, sind betroffen; Vollmachten wurden zwar ausgestellt, die die Zerstörung der Häuser in den Dörfern mit der Begründung ermöglichen, sie wären ohne Erlaubnis der israelischen Behörden gebaut worden. Aktivisten behaupten, dies wäre eine weitere Entschuldigung, um das Land für die Siedler freizumachen. Sie seien dabei, die Öffentlichkeit nun auf diese Tatsache aufmerksam zu machen und dadurch die Zerstörungen zu beenden.
(26.09.2007)
(12.09.2007)