Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Das Rätsel um die Schriftzeichen aus dem Alentejo – Barry Hatton
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Geschichte

Südlusitanische Schrift Das Rätsel um die Schriftzeichen aus dem Alentejo

Barry Hatton

13.06.2009

Mindestens 2.500 Jahre alt ist diese Inschrift auf einem Stein in Portugal.  (AP Photo/Armando Franca)
Mindestens 2.500 Jahre alt ist diese Inschrift auf einem Stein in Portugal. (AP Photo/Armando Franca)

Almodôvar/Portugal – Als Archäologen bei einer Grabung im Süden Portugals im vergangenen Jahr eine schwere Schieferplatte umdrehten und mehr als 2.500 Jahre alte Schriftzeichen entdeckten, waren sie begeistert. Das rätselhafte Schriftmuster verlief symmetrisch um den oberen Teil der scharfkantigen Steintafel und wand sich in Richtung Mitte, ganz in dem dekorativen Stil, der für eine längst ausgestorbene iberische Sprache typisch ist. „Südlusitanische“ oder „Südwestiberische Schrift“ wird sie von Experten genannt.

„Wir sind nicht in Beifall ausgebrochen, aber fast“, sagt Amilcar Guerra, Dozent an der Universität Lissabon, der die Ausgrabung leitet. „Das ist eine außergewöhnliche Sache.“ Seit mehr als zwei Jahrhunderten versuchen Wissenschaftler, die Südlusitanische Schrift zu entziffern. Sie gilt als älteste der Iberischen Halbinsel und, zusammen mit dem Etruskischen im heutigen Italien, als eine der ersten Schriften in Europa. Die Steintafel zeigt 86 Zeichen und stellt den längsten Text der Sprache aus der Eisenzeit dar, der je gefunden wurde.

Rund 90 Schiefertafeln mit solchen Inschriften wurden bislang entdeckt, die meisten von ihnen unvollständig. Fast alle fanden sich im Süden Portugals, einige auch im spanischen Andalusien. Einige der Buchstaben sehen aus wie Kringel, andere wie gekreuzte Stäbe, einer ähnelt der Zahl vier. Sie wurden sorgfältig in den Schiefer geritzt. Der Text ist fortlaufend, ohne Lücken zwischen den Wörtern, und verläuft im allgemeinen von rechts nach links.

20 Tafeln im Museum

Die ersten Versuche, die Schrift zu entziffern, gehen auf das 18. Jahrhundert zurück. Damals hatte sie die Neugier eines Bischofs geweckt, dessen Diözese die Region umfasste, wo immer wieder Fragmente mit Inschriften gefunden werden. Almodôvar, eine Kleinstadt im Alentejo, liegt im Herzen dieser Region. Vor zwei Jahren wurde dort ein Museum eröffnet, in dem 20 der Tafeln mit Südlusitanischer Schrift ausgestellt sind.

Amilcar Guerra, Dozent an der Universität Lissabon, der die Ausgrabung leitet. (AP Photo/Armando Franca)
Amilcar Guerra, Dozent an der Universität Lissabon, der die Ausgrabung leitet. (AP Photo/Armando Franca)

Zwar erhalten Forscher mit jeder neuen Tafel weitere wichtige Hinweise, doch tappen sie in vielen Fragen weiterhin im Dunkeln, wie Professor Pierre Swiggers sagt, Experte für Südlusitanische Schrift an der Universität von Leuven in Belgien. Wissenschaftlern stehen nur wenige Originaldokumente zur Verfügung und kaum Paralleltexte vom selben Ort und derselben Zeit in lesbaren Sprachen. „Wir wissen fast nichts über die täglichen Gewohnheiten oder den religiösen Glauben dieses Volks“, sagt Swiggers.

Die Südwestiberische Schrift ist dem Professor zufolge eine von nur wenigen alten Sprachen, über die fast gar nichts bekannt ist. Der Mangel an Fakten führte zu sich widersprechenden Theorien über die Urheber der Texte. Als sicher gilt allgemein, dass die Texte 2.500 bis 2.800 Jahre alt sind. Die meisten Experten vermuten, dass sie von den sogenannten Tartessern stammen, einem Volk mediterraner Händler, die im Süden Iberiens Metall abbauten, nach einigen Jahrhunderten aber wieder verschwanden. Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es sich bei den Autoren um Mitglieder anderer vorrömischer Stämme oder gar der Kelten handelte.

Bedeutung der Buchstaben unklar

Amilcar Guerra zeigt Details auf den ausgegrabenen Steinen. (AP Photo/Armando Franca)
Amilcar Guerra zeigt Details auf den ausgegrabenen Steinen. (AP Photo/Armando Franca)

Ein weiteres Hindernis für die Übersetzung ist, dass die Schrift nicht standardisiert ist. Sicher scheint, dass sie die phönizischen und griechischen Alphabete als Grundlage hatte, denn sie übernahm einige von deren Schriftregeln. Manche dieser Regeln wurden allerdings abgeändert, neue dazu erfunden. Experten haben inzwischen Zeichen für 15 Silben, sieben Konsonanten und fünf Vokale entziffert. Acht Zeichen, darunter eine Art vertikale, dreizackige Gabel, geben aber noch Rätsel auf.

Dazu kommt, dass der Sinn der Schriftzeichen auf den Schiefertafeln weiter unklar ist. Selbst wenn die Forscher Teile des Textes lesen können, verstehen sie seinen Inhalt nicht – ähnlich wie ein Kind, das ein Stück von Shakespeare nachplappert. „Wir haben viele Zweifel“ sagt der Lissaboner Dozent Guerra, der wissenschaftliche Artikel über die Schrift veröffentlicht hat. „Wir können Buchstaben lesen und sehen den Ablauf der Phonetik. Aber wenn wir versuchen zu verstehen, was die Buchstaben tatsächlich bedeuten, haben wir viele Probleme.“

Tafeln womöglich Grabsteine

Hinweise gibt es, immerhin. Der symmetrische, gewundene Text wirkt wie eine dekorative Blüte. Einige Steine zeigen auch simpel gearbeitete Darstellungen von Personen, etwa einen Krieger, der offenbar Speere trägt. Der untere Teil der rechteckigen Steine ist unbearbeitet, als ob er dort im Erdreich verankert werden sollte. Das hat Experten zu der Annahme geführt, dass die Tafeln Grabsteine für ranghohe Mitglieder der Gesellschaft gewesen sein könnten. Wiederholte Wortfolgen bedeuten vielleicht „Hier ruht...“ oder „Sohn von....“, wie Guerra sagt. Da die meisten Menschen vermutlich nicht lesen konnten, dienten die Zierelemente der Unterscheidung.

Dies seien fundierte Vermutungen, sagt Guerra. Der Fund im vergangenen Jahr sei hilfreich gewesen, habe aber nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Wenn alle bislang entdeckten Texte in Südlusitanischer Schrift auf Papier aufgeschrieben würden, passten sie auf eine einzige Seite. Ohne ein Pendant zum Stein von Rosetta – der einen einzigen Text in drei Sprachen enthielt und so maßgeblich den Schlüssel zur Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen lieferte – dürfte die Südlusitanische Schrift Forschern noch lange viele Rätsel aufgeben. „Wir müssen geduldig sein, und hoffnungsvoll“, sagt Guerra. (AP)

 

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

Schlagworte

 
Anzeige
Anzeige