Bonn – Was Strom in Deutschland kostet, wird heute zu einem großen Teil an der Strombörse EPEX entschieden. Doch die Preisbildung dort ist für einen Laien nicht unbedingt leicht zu verstehen. Grundsätzlich gilt: Was Strom im Großhandel kostet, richtet sich nicht nach den durchschnittlichen Produktionskosten, sondern das teuerste Kraft Kraftwerk bestimmt den Preis für alle Anbieter. Viele Experten warnen seit Jahren, dies öffne Marktmanipulationen zulasten der Verbraucher Tür und Tor.
Das grundsätzliche Problem: Strom lässt sich im großen Maßstab bis heute nicht speichern. Er muss praktisch in dem Moment produziert werden, wo er gebraucht wird. Um auf den unterschiedlichen Bedarf zu verschiedenen Tageszeiten reagieren zu können, gibt es in Deutschland ein fein abgestuftes System von Grundlast-, Mittellast- und Spitzenlastkraftwerken.
Grundlastkraftwerke – in der Regel Kernkraftwerke und Braunkohlekraftwerke – laufen praktisch rund um die Uhr. Ihr Bau ist teuer, doch die eigentlichen Betriebskosten je Kilowattstunde sind niedrig. Spitzenlastkraftwerke, die nur zum Einsatz kommen, wenn der Bedarf besonders hoch ist, setzen dagegen häufig Gasturbinen ein. Ihre Betriebskosten sind besonders hoch.
Um den Börsenpreis für am nächsten Tag lieferbaren Strom festzusetzen, gleicht die Strombörse Angebot und Nachfrage ab. Dabei wird eine sogenannte Merrit-Order verwendet: Die Kraftwerke werden in der Reihenfolge ihre Produktionskosten eingesetzt, zuerst die günstigen Grundlastkraftwerke, dann die Mittellastkraftwerke und erst ganz am Ende die teueren Spitzenlastkraftwerke. Das teuerste gerade noch benötigte Kraftwerk bestimmt mit seinen Produktionskosten den Preis für alle Stromlieferungen. Vor allem die zum großen Teil schon abgeschriebenen und in der Produktion billigen Grundlastkraftwerke profitieren von dieser Art der Preisgestaltung und werden zu wahren Goldeseln der Stromkonzerne.
In einem perfekt funktionierenden Markt würde dieser "Grenzkosten-orientierte Preisbildungsmechanismus" dazu führen, dass der Strompreis auf dem Niveau der Produktionskosten des teuersten eingesetzten Kraftwerks liegen würde oder höchstens knapp darüber. Denn für den Stromproduzenten wäre ein kleiner Ergebnisbeitrag immer noch attraktiver, als sein teueres Kraftwerk ungenutzt daliegen zu lassen.
Doch ist der deutsche Strommarkt alles andere als perfekt. Nur vier große Stromerzeuger E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW verfügen nach Angaben der Bundesnetzagentur über rund 80 Prozent der Produktionskapazität. Schon 2009 warnte die Monopolkommission deshalb in einem Gutachten für die Bundesregierung, den marktbeherrschenden Erzeuger böten sich vielfältige Möglichkeiten zur wohlfahrtsschädigenden Ausnutzung ihrer Marktmacht.
Eine solche Manipulation ist im Prinzip ganz einfach, wie das Berliner Beratungsunternehmen infraCOMP in einem Gutachten für das Bundesumweltministerium darlegte. Der Stromanbieter braucht nur in Spitzenzeiten Kapazitäten zurückzuhalten und so das Angebot zu verknappen. Statt seines Kraftwerks würde dann eine andere, teuerere Stromfabrik zum Einsatz kommen und den Preis für den gesamten verkauften Strom in die Höhe treiben.
Lukrativ sei ein derartiges Vorgehen für einen Stromproduzenten immer dann, "wenn der zusätzliche Erlös aus der realisierten Preissteigerung den entgangenen Erlös infolge der zurückgehaltenen Erzeugung überwiegt", heißt es in der infraCOMP-Studie. Die Monopolkommission betont sogar: "Aus der Perspektive eines gewinnmaximierenden Erzeugers ist die strategische Zurückhaltung von Erzeugungskapazitäten geradezu eine gebotene Strategie."
Doch gibt es auch noch eine andere denkbare Strategie: Der Stromproduzent bietet dabei seine Spitzenlastkapazitäten einfach zu einem Preis an, der deutlich über den eigenen Grenzkosten liegt. Ein solches Verhalten könnte nach Einschätzung von infraCOMP auf Dauer sogar dazu führen, dass sich der Preis allmählich in "stillschweigender Übereinkunft zwischen den Produzenten" hochschaukelt – zulasten der Verbraucher. Nachzuweisen wäre das kaum, schließlich seien "so gut wie keine Daten über tatsächliche Erzeugungskosten verfügbar", heißt es in der Studie.
(dapd)
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